berlin erfinden

ich bin ein däumling.
also eine märchenfigur.
ich däumele mich durch berlin.

 
 
über das unterwegssein und texten und über das unterwegssein in texten

so unterwegs zu sein ist das andauernde erfinden und verlieren einer welt. nein: das finden und verlieren von welten. das finden setzt ein verlieren voraus. das erfinden ein verlernen.

wummern. rattern. kreischen. knallen. rennen. nicht sprechen. nicht schweigen. gegen ein hindernis laufen. stolpern. still stehen.

ein finden von welten (von zipfelchen, schnipseln, welken blättern, kronkorken, verhallenden schritten, stimmen, melodien…), die sich im moment ihres gefunden seins bereits entfernen und nur einen abdruck hinterlassen. nichts anderes geschieht im gedicht.

das gedicht ist das flüchtige, das sich eine form sucht, um in ihr zu atmen.
so belebt es sich und bleibt, beständiger als seine ursache, die, stets unterwegs (da vorne drängelt sie die rolltreppe runter, schlüpft noch mit dem „zurückbleiben, bitte“ zwischen die sich schliessenden türen, hat mich abgehängt…), schon wieder ganz woanders ist.

stahl. schiene. brache. fluss. konkretes. riss. kiosk. mauer. gerüst. wohnungsbauprogramm. ausschau. aussicht. anblick. einblick. kulturlandschaft. wüste. blech.

durch die stadt mäandernd, schreibe ich mit, was sie mir diktiert. ich biete mich an als ephemere form dieses flüchtigen atems. bin gefäss. rasch gefüllt. rasch geleert. rasch zerbrochen (unterm orangenen mülleimer abgestellte pfandflasche bei einer brücke überm landwehrkanal an diesem morgen mit möwengeschrei wie am entferntesten meer…)

blau. gelb. diffus. kackbraun. schlierig. eingetrübt. frisch gestrichen. vorsicht!

spielregeln: gerade heisst rechts. ungerade heisst links. die anzahl der buchstaben ist die anzahl zu fahrender stationen. bewegungsmöglichkeiten werden durchnummeriert. jede linie hat ihre zahl. einfällen ist unbedingt folge zu leisten. assoziationen werden gesetz. man geht eine strasse bis an ihr ende. oder bis sie ihren namen ändert (das kommt häufiger vor als erwartet). überhaupt: man ist streng mit sich, was die bereitschaft angeht, die sich ereignenden änderungen anzunehmen. und, vor allem, man bemüht sich, nichts zu erwarten.

die stichomantie oder bibliomantie (auch bibliomantik) ist eine form der wahrsagung mittels texten. oft werden dafür werke benutzt, die als heilig oder jedenfalls besonders bedeutend gelten, etwa die ilias, die bibel oder das i-ging. im iran ist hierfür das werk des dichters hafis sehr populär. der wahrsager formuliert eine frage, die er nicht selbst beantworten kann. dann wählt er eines der genannten bücher oder ein beliebiges anderes, schlägt es auf oder sticht mit einem spitzen gegenstand irgendwo intuitiv in eine buchseite und deutet die textstelle an dieser position als antwort. er versucht mit dieser methode etwas über eigene oder „fremde“ verhaltensweisen, über künftige bestimmungen und möglichkeiten zu erfahren. die bibliomantie war bereits in der antike bekannt. oft wurden dafür texte von homer und vergil benutzt. im lateinischen sprach man von sortes homericae bzw. sortes vergilianae. mit dem aufkommen des christentums lebten diese weissagungspraktiken auf basis der bibel (sortes sanctorum) fort. dies ist sowohl für den kirchenvater augustinus als auch für franz von assisi überliefert. auf der synode von vannes im jahr 465 wurden solche praktiken untersagt und mit exkommunikation bedroht. dieses verbot wurde auch in zahlreichen späteren konzilien übernommen. wieder angeregt u. a. durch nikolaus graf von zinzendorf, war auch im 19. jahrhundert die bibliomantie in vielen schichten verbreitet. man bezeichnete sie auch als däumeln, weil die seiten mit dem daumen schnell durchgeblättert wurden und man dann eine zufällige seite aufschlug.(wikipedia)

ich bin ein däumling. also eine märchenfigur. ich däumele mich durch berlin.
dido, die hauptfigur aus h. wie heimatfilm, benutzt dazu denselben text wie ich: georges perec, versuch, einen platz in paris zu erfassen. der text kann sich ändern und die spielregeln auch. das spiel aber bleibt stets das gleiche.

klangbogen

vorüber blitzen fensterscheiben
ernste asiaten sitzen beine baumelnd
tupfen schweiss von stirnen streicht
die sonnenschwalbe fächer in
den händen einer tänzerin

glasgemurmel flasche helles frage
zeichen gegen mauern gegen himmel:
weiss, die blüten haben stimmen
auf einer andern seite dieser welt

wird alles klang. wird auf den zehenspitzen
fortgetragen fenster fächer pirouette einer
brücke schwingend stahlträgerkonzert

stille: tänzerin
die im vorübergehen
kirschzweige schneidet