blinder zwilling

 

in kyōto wärst du aus blassgelber seide weisst nichtmal wo aber klingt schön kyōto …

50 gedichte / 54 manuskriptseiten // auszüge
 
 
 

klinge

der argentinier mit der regenspur
am aufgeklappten taschenmesser
zieht auf verdacht die schuhe aus

wenn die beleuchtung stimmt
bin ich im spiegel marlon brando
aber als er jung war

hat unterm seidenschal ein
würgemal von viel zu
starken händen

im mund gerinnt die spucke
nackt pass ich durch jede wand
sagt er zählt auf dem tisch die ringe
von jedem glas das da mal stand

gleitet barfuss durch zigarettenrauch
kommt viel zu lange nicht zurück

 
 

the short happy life

holz metall zahn: eine grosswildjagd
unter den fingerspitzen hebt sich
senkt sich kommt und geht wie
francis macombers atem

rollt weiter wirft noch einmal
die beine in den hellblauen steppen
himmel und verendet in g moll

fühlt sich unsauber an. verschwitztes
frotteehandtuch wo die hitze sitzt
wenn alle geier auffliegen. forte
ist eine frage der geschwindigkeit

im fernsten fingergelenk da
wenn man sich streckt spürt man
den klang zwischen den tönen.
ein wasserloch

im lichtlosen raum, schlammig. ein warten
auf regen. zähne im gazellenhals wie
lauwarmer gimlet. ein paar sekunden

später. fällt
der schuss. what a
short happy life

 
 

no pasaran

schmerzloser himmel: du schlägst
die sterne in butterbrotpapier
proviant für härtere stunden

fluchtpunkt: regentropfen
kapuze abwärts zwischen
stoff und wange legst du
flüsternd mir die hand:
wir lassen sie nicht durch

narbengewebe: rücken an rücken
drängt uns die grob vernähte strasse
da wächst in tausend jahrn kein gras

hinterhöfe: ein klang, perkussiv
morgenlicht auf backsteinmauern
flaschenhalszacken goldgelb etwas
huscht zurück ins dunkle

wir stehen rücken an rücken

 
 

gazellen

licht: bolzenschuss

in die stille gefaltete
sekunden. asphalt und
blut unter unsern

nackten sohlen. diese weite
jenseits der demarkations
linie zwischen gestern und
heute: alles ist nur
einen eulenschrei entfernt

vielleicht dass die strasse
eine wolke ist
inmitten der stunden

dass einer mit zärtlicher
gleichmut den fleischer
haken aus dem augen
winkel zieht

uns in die himmel wirft
als flüchtende gazellen

 
 

kyōto

kirschblüte am kotti als wärs ganz
woanders im apothekenseitenfenster
spiegelt sich taxifahrers rotgesonnter
unterarm ein haiku wird dies nicht

in kyōto wärst du aus blassgelber seide
weisst nichtmal wo aber klingt schön
kyōto und jetzt lächelt der fahrer als
träumte auch er aber nicht von japan

wenn die runterfallen wirds aussehn
wie schnee wie ein träumen wie ganz
woanders die luft sich bewegt und
schmerzmittel gibts hinter der scheibe

 
 

treibgut

vorsichtig mit den pfoten dass er
niemanden weckt wenn er am ufer lang
streicht bei den brücken zwischen schwänen
federn im haar geruch von vogelkot daran
einander zu erkennen verliert man sich
nach mitternacht in der u acht treib

gut auf frühlingstrassen wie blütenstaub
der irgendwo von draussen weht wie der schrei
einer flasche die auf dem pflaster zerplatzt da
gibts kein pfand mehr drauf bellt er springt
übers glas und ist schon in der seiten
strasse

 
 

hamburg

ist der mond am höchsten
zupft ali blues aufm banjo
schön wie der märchenmohr

was geht fragt einer ohne schuh
trägt rotkäppchen und seidenschal
zum rendezvous ins hinterhaus

der hund mit den mitternachts
pfoten isst wiener würstchen
ausm glas und reibt sich
den senf in die augen

von den schiffen siehste eh nur
den schornstein hinterm deich
sagt er und oben in hamburg
bluten alle schafe unterm fell

du träumst schon räumt ali noch
flaschen nach drinnen und pfeift
den wedelnden nachthund ins haus

 
 

spielende hunde

(mariannenplatz)

in den schultern war
der sommer zuende
wie dunkles metall

der himmel geschichtet
aus spielenden hunden
erste tropfen der klang
von papier

als sie sprach lief über die
lippen ein käfer rief ein
kind nach den hunden
kam wind

mit dem mund an der borke
sprach sie versank bis über die
knöchel und tiefer im gras

riss sich die wange so
fasste sie ihn er rührte
kaum einen ast

 
 

fleisch

wenn mein blinder zwilling und ich spazieren
gehn ist gar nicht zu sagen wie viel spass

wir haben zieht er nach rechts ich nach
links tanzen wir so eine weile ohne eile um

den machandelbaum herum wirds mir ganz
bang wirds ihm zu dumm sagt er gehn wir mal

nach hause mutter hat die knöchelein sicher
schon schön blank geschabt wollen wir sie neu

befleischen ach lieber wär es mir seufzt sie
beim abendessen (es gibt wie immer frikas-

see) ihr würdet schmatzen und nicht kreischen
schubst mich der bruder weil ich frage untern

tisch du kennst sie nicht und fliegt schon
durch die fensterscheibe

 
 

hamdala

sterne wachsen zusammen.
orions schwertgehänge über dem
bahnhof. eine spur weihrauch
und harz

die körnung der beduinenstimmen
neben mir: die frage. die antwort.
der dunkelnde gesang. unsere mauern
im gegenlicht

sinke über die kreuzung ans
ufer netze die lippen mit staub
breche bei rot eine frucht
von der palme under the
sheltering sky

eine ziege leckt mir das salz aus
der weit geöffneten hand: el mar
relumbra en la noche
und vorbei

oben am fenster
verflicht sich der schatten
deinem haar: wo du
mich erwartest
bin ich daheim
 
 

we are programmed to receive

immer nach regen
unschärfe am bildrand
schritte verliern sich

im rinnstein läuft farbe aus
halboffener tür hotel calif
ornia um drei ecken noch
summt es

wie blöd nach dem regen die
schritte sich polstern das echo
das echo über den herz
rücken streicht

als wär da was im sandbett
unterm brustbein nach dem
regen auf der strasse

in den wellen unter der wasser
oberfläche tief im marianengrab

halbgeöffnete tür
unschärfe
am bildrand

und es summt

 
 
 
bild oben: susanne soldan