blinder zwilling

… schmerzloser himmel: du schlägst die sterne in butterbrotpapier. proviant für härtere stunden

 
60 gedichte / 70 manuskriptseiten // auszüge
 
 
 

klinge

der argentinier mit der regenspur
am aufgeklappten taschenmesser
zieht auf verdacht die schuhe aus

wenn die beleuchtung stimmt
bin ich im spiegel marlon brando
aber als er jung war

hat unterm seidenschal ein
würgemal von viel zu
starken händen

im mund gerinnt die spucke
nackt pass ich durch jede wand
sagt er zählt auf dem tisch die ringe
von jedem glas das da mal stand

gleitet barfuss durch zigarettenrauch
kommt viel zu lange nicht zurück

 
 

the short happy life

holz metall zahn: eine grosswildjagd
unter den fingerspitzen hebt sich
senkt sich kommt und geht wie
francis macombers atem

rollt weiter wirft noch einmal
die beine in den hellblauen steppen
himmel und verendet in g moll

fühlt sich unsauber an. verschwitztes
frotteehandtuch wo die hitze sitzt
wenn alle geier auffliegen. forte
ist eine frage der geschwindigkeit

im fernsten fingergelenk da
wenn man sich streckt spürt man
den klang zwischen den tönen.
ein wasserloch

im lichtlosen raum, schlammig. ein warten
auf regen. zähne im gazellenhals wie
lauwarmer gimlet. ein paar sekunden

später. fällt
der schuss. what a
short happy life

 
 

jagdzeit

hochsitze und rehe zählen. sind immer
mehr hochsitze als rehe. wenn rehe über
die schienen springen fährt schon
lange kein zug mehr

sitzt in jedem hochsitz einer. ’45er?
falsches kaliber. ist für den blattschuss
gänzlich ungeeignet

wenn du eins umlegst fühlst du
lange nichts. gilt auch für rotwild.
das kommt sowieso unaufgefordert
aus den wäldern

abhängig von der jahreszeit und
der verspätung z.b. infolge
zugefrorener weichen
ist die rudelgrösse
im sichtbereich
variabel

abhängig vom eintrittswinkel
ist der austrittswinkel
des rotwilds
variabel

zwischen stendal und spandau
verteilt sich der kopf
schmerz nahezu
gleichmässig

 
 

über die gleise

am schalldämpfer entlang im
dunkelnden mai. wiesen dann alle tiere
sind schwarzweiss und unbewegt
unterm angekippten himmel

der geruch entgegen jeder sehnsucht
sehr nach feldern voller mist. wolken
rand gerötet eine abendschwellung am
horizont die elbe weit über die ufer
getreten. eine landschaft

zum wegwerfen. in dieser sommer
frühgeburt speist alles sich aus
kindheitsbildern: du lehnst dich

über die gleise hinaus. zwischen
den städten hörst du: stimmen
von innen stimmen. als es nacht
wird siehst du lange

nur dein eigenes gesicht.
weit weit dahinter liegt
die einschussstelle
der erinnerung

 
 

1976

abgeriebene kanten
dieses eichentischs. geruch
von bier von aschenbecher
flüchtig ausgebürstet unterm
lampenschirm

das licht und ich: wir klumpen
in der mitte. ausgesägtes herz
drückt in den rücken. sitz gerade
du. speisen und getränke laminiert.
da löst sich eine plastikecke

fingernagel unters schorfige
gefühl. puhl nicht
sagt die kellnerin: dialekt passt
in die regenlandschaft

ja sage ich die kohlrouladen.
die sind so gut sagt sie die hat
die chefin selbst gewickelt. gleich

wiegt sie mich im arm. dieses stranden
zwischen zwei stationen. der fahrplan
an der wand

von 1976. seitdem
hält hier kein
zug

 
 

no pasaran

schmerzloser himmel: du schlägst
die sterne in butterbrotpapier
proviant für härtere stunden

fluchtpunkt: regentropfen
kapuze abwärts zwischen
stoff und wange legst du
flüsternd mir die hand:
wir lassen sie nicht durch

narbengewebe: rücken an rücken
drängt uns die grob vernähte strasse
da wächst in tausend jahrn kein gras

hinterhöfe: ein klang, perkussiv
morgenlicht auf backsteinmauern
flaschenhalszacken goldgelb etwas
huscht zurück ins dunkle

wir stehen rücken an rücken

 
 

kyōto

kirschblüte am kotti als wärs ganz
woanders im apothekenseitenfenster
spiegelt sich taxifahrers rotgesonnter
unterarm ein haiku wird dies nicht

in kyōto wärst du aus blassgelber seide
weisst nichtmal wo aber klingt schön
kyōto und jetzt lächelt der fahrer als
träumte auch er aber nicht von japan

wenn die runterfallen wirds aussehn
wie schnee wie ein träumen wie ganz
woanders die luft sich bewegt und
schmerzmittel gibts hinter der scheibe

 
 

hamburg

ist der mond am höchsten
zupft ali blues aufm banjo
schön wie der märchenmohr

was geht fragt einer ohne schuh
trägt rotkäppchen und seidenschal
zum rendezvous ins hinterhaus

der hund mit den mitternachts
pfoten isst wiener würstchen
ausm glas und reibt sich
den senf in die augen

von den schiffen siehste eh nur
den schornstein hinterm deich
sagt er und oben in hamburg
bluten alle schafe unterm fell

du träumst schon räumt ali noch
flaschen nach drinnen und pfeift
den wedelnden nachthund ins haus

 
 

hamdala

sterne wachsen zusammen.
orions schwertgehänge über dem
bahnhof. eine spur weihrauch
und harz

die körnung der beduinenstimmen
neben mir: die frage. die antwort.
der dunkelnde gesang. unsere mauern
im gegenlicht

sinke über die kreuzung ans
ufer netze die lippen mit staub
breche bei rot eine frucht
von der palme under the
sheltering sky

eine ziege leckt mir das salz aus
der weit geöffneten hand: el mar
relumbra en la noche
und vorbei

oben am fenster
verflicht sich der schatten
deinem haar: wo du
mich erwartest
bin ich daheim

 
 

we are programmed to receive

immer nach regen
unschärfe am bildrand
schritte verliern sich

im rinnstein läuft farbe aus
halboffener tür hotel calif
ornia um drei ecken noch
summt es

wie blöd nach dem regen die
schritte sich polstern das echo
das echo über den herz
rücken streicht

als wär da was im sandbett
unterm brustbein nach dem
regen auf der strasse

in den wellen unter der wasser
oberfläche tief im marianengrab

halbgeöffnete tür
unschärfe
am bildrand

und es summt

 
 
 
bild oben: potsdamer platz, berlin (susanne soldan, bearb. dodi h.), entstanden bei einem pure-walk