der grösste himmel

 

there was a time/ a wind that blew so young/ for this could be the biggest sky/ and i could have the faintest idea… david bowie, this is not america

 
erzählung, 85 seiten

andreas ist weit weg. aeneas will nur spielen. dido, protagonistin aus echtzeitleben und h. wie heimatfilm, erzählt die geschichte eines verrats.
die leseproben (10 seiten im manuskriptformat) sind der anfang der erzählung und der anfang des dritten teiles. orte der handlung sind das berlin der gegenwart sowie göttingen und north carolina im sommer und herbst 1996.
 
synopsis:
teil eins: aeneas.
während ihr freund andreas ein studiensemester im ausland verbringt, treibt dido mit charly, kurt, aenas und ein paar anderen durch die lange nacht. das, was da mit ihr und aeneas läuft, lässt sich nicht wirklich als affäre bezeichnen, doch es stellt ihr leben auf den kopf. davon zu erzählen, während es geschieht, scheint der einzige ausweg. also schreibt dido es auf.
teil zwei: dido.
die geschichte, die dido zu erzählen begann, entwickelt ihre eigene dynamik. die grenze zwischen fiktion und realität ist aufgehoben. dabei nicht den verstand zu verlieren, erscheint unmöglich. also unternimmt dido eine reise.
teil drei: andreas.
dido ist in amerika. dort sind andreas, mrs. vermeer, uschi und kevin mit den cowboystiefeln. andreas und dido fahren durch die wüste. über der wüste ist der himmel sehr gross und sehr leer. dido kommt zurück nach göttingen und erkennt, dass es keinen sinn macht, zwischen leben und schreiben zu unterscheiden. also hat die erzählung ein offenes ende.
 

leseprobe: der grösste himmel

 
prolog
berlin, dezember 2015
eine postkarte, die aus einem buch herausflattert. die bildseite zeigt eine unspezifische wüstenlandschaft in zu grellen farben. ein schwarzer strich teilt die andere seite in zwei hälften. auf der rechten hälfte markiert ein kästchen den platz, der für die briefmarke vorgesehen ist. in der linken oberen ecke steht, so klein gedruckt, dass es kaum zu lesen ist: desert country I grants I new mexico. die karte ist unbeschrieben.
das buch, ein weisses dtv-taschenbuch mit zerknickten ecken: oriana fallaci, wenn die sonne stirbt. weil uns der titel nichts sagt, soll es mit anderen ausgelesenen schmökern in eine kiste, zum mitnehmen.
ein zweiter blick auf die postkarte, auf das buch: deins oder meins? meins nicht, sagst du. muss deins sein.
und dann kommt eine erinnerung, und die hat, so scheint es zunächst, weder mit der postkarte noch mit dem buch etwas zu tun: ich sitze an einem flügel in einem zimmer mit geblümter tapete und spüre an den nackten füssen einen hochflorigen teppichboden. ich weiss, dass der flügel verstimmt ist, weil nie jemand auf ihm spielt. vor mir, auf seinem angestaubten rücken, stehen fotos: eine frau unbestimmten alters mit einem pferd. die frau lacht und das bild ist schwarz-weiss. zwei junge, elegant gekleidete männer, sie lachen ebenfalls und beide haben blondes haar.
this is not america, sha la la la la…
die frau mit dem pferd. vielleicht beginnt die geschichte mit ihr. weil es sie wirklich gegeben hat, brauche ich ihren echten namen. ich erinnere mich nur, dass es ein ungewöhnlicher name war, so gar nicht typisch südstaaten, eher europäisch, fenchel, wie das gemüse. oder fehmarn, wie die insel. ich habe ihren namen sicherlich aufgeschrieben, so wie ich damals, während der reise, einiges aufgeschrieben habe.
ganz oben, unter einer dicken staubschicht, steht der karton mit notizen. bevor ich die leiter ans regal schiebe, bringe ich die kiste ausgemusterter bücher runter auf die strasse. sie landen im berliner wintersonnenschein und hoffen auf ein neues leben bei den nachbarn. das angeknickte taschenbuch mit dem pathetischen titel bleibt hier. ich lege es auf den schreibtisch. dazu die wüstenpostkarte. und eine halbe stunde später liegt daneben ein blaues notizbuch, a5 format, von vorne bis hinten eng mit kugelschreiber beschrieben. auf dem deckblatt steht:
d. & a. die geschichte des verrats.
und noch eine halbe stunde später weiss ich, dass ich die geschichte, die ich erzählen will, bereits vor zwanzig jahren einmal erzählt habe. und dass die frau, nach deren namen ich vorhin suchte, sie heisst tatsächlich vermeer, darin nur eine, wenn auch bislang unterschätzte, nebenrolle spielt.
 
teil eins: aeneas
göttingen, august 1996
sie sind um mitternacht verabredet, kurt, charly, dido und aeneas. kurt und dido warten bis kurz vor eins in der tangente. die musik ist scheisse, sie wollen gerade gehen, woanders was besseres suchen, da trefffen sie vor der tür charly und aeneas. er, total komisch drauf, setzt sich gleich ab, will nicht tanzen, will in irgendeiner kneipe allein einen kaffee trinken. die anderen gehen dann, weil überall nichts los ist, zu dido. sie hören den trainspotting-soundtrack und reden übers fixen, obwohl sie nur gras haben. sie stehen damit am fenster, charly und dido, kurt natürlich nicht.
mr. drogenfrei sagt: „wenn ich mich umbringe, dann mit heroin. nur ein schuss. nur ein rausch. aber ein richtiger.“
dido sagt: „wenn ich mich umbringe, dann laufe ich einfach los. ich laufe mich weg. so lange, bis ich verschwunden bin.“
charly kichert: „ich bin schon tot.“
„was findest du eigentlich an aeneas“, fragt kurt.
dido weiss nicht, ob er sie oder charly meint. charly zuckt die schultern, das kann sie total nonchalant. „ich kenne ihn halt so lange. wir ficken ab und zu.“
dido sieht an kurts blick, dass er charly auch ab und zu ficken möchte. jetzt steht charly auf und beginnt zu golden years zu tanzen. sie dreht sich so und dido denkt, dass sie geil aussieht.
don’t let me hear you say life’s taking you nowhere, angel…
kurt sagt: „bowie ist als sänger scheisse. er klingt wie ein ziegenbock.“
dido sagt: „das tut dylan auch.“
„aber das ist was ganz anderes“, sagt kurt. „dafür, als schauspieler ist bowie super.“
„lawrence von arabien“, sagt charly. „voll öde.“
kurt und dido korrigieren sie nicht, weil sie erst übermorgen zwanzig wird, und da muss man sowas vielleicht nicht wissen.
später landen sie doch wieder in der tangente. kurt nörgelt, weil ihm die musik nicht gefällt. und dann ist er weg. charly auch. dido steht lange allein an der tanzfläche. dann sieht sie charly und aeneas, wo auch immer der jetzt herkommt. die köpfe zusammengesteckt, wie wegen der lauten musik. als sie dido bemerken, kommen sie zu ihr. unverbindliches blabla. charly tanzt aufreizend. aeneas und dido gucken ihr zu. und küssen sich.
„ich verabscheue solches ausgehen zu dritt.“
das sagt er, genau so. dido bemüht sich, den rest der nacht locker drauf zu sein (gelingt ihr nicht). beim rausgehen sieht sie kurt an der bar. der steht komisch da rum und macht ein komisches gesicht.

anfang und ende, das ist immer das schwierigste. der mittelteil entwickelt sich selbstständig, ohne ihr zutun, sie kann mitschreiben, das geschehen folgt der grammatik ihres denkens. der anfang ist problematisch, weil er als solcher erkannt und benannt werden muss. zu viele geschichten finden statt und werden nicht geschrieben, weil der anfang nicht bemerkt wird. und das ende muss gesetzt werden. es gilt, irgendwann den passenden schlusssatz zu finden. zu viele geschichten sind endlos. dann geschieht, aus mangel an aufmerksamkeit, aus mangel an mut, aus faulheit und angst das, was man später irgendwie leben nennt. sie sind um mitternacht verabredet, kurt, charly, dido und aeneas. seit diese geschichte damit begonnen hat, denkt sie sich mögliche enden aus.

„total daneben, was du da machst.“
das ist kurt am telefon. am nächsten nachmittag.
„es bedeutet mir nichts“, lügt sie.
„und warum tust du es dann?“
was hat sie erwartet? dennoch, der harte realismus in seiner aussenseiterstimme zerschlägt etwas in ihr.
„ich mag ihn. und ich mag dich. und ich finde, du kannst so’ne scheisse nicht bauen. das hat er echt nicht verdient.“
und dann kommt die lakonische aussage, die es auf das reduziert, was es ist: „andreas ist gerade mal zwei wochen in amerika. und du suchst dir den nächsten.“

dido und aeneas, die soundsovielte. da sitzen sie auf der brüstung. es wird allmählich hell. neben ihnen gleitet leise glucksend der kanal dahin. es ist ziemlich romantisch. sie lehnt sich an ihn. er legt die arme um sie. sie spürt seinen atem in ihrem haar.
„ich will jetzt nicht so gehen.“
„wenn du möchtest, komme ich mit dir. wenn du dich neben mich legst. auf den kalten fussboden.“
„komm mit mir.“
„und wir werden lange dort nebeneinander liegen. bis es ganz hell geworden ist.“
„und wir werden einander nicht berühren.“
„nein. es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“
sie entfernen sich zu zwei seiten aus dem bild. ihre schritte hallen noch eine weile in der kleinstadtdämmerung. cut.
[…]  
 
teil drei: andreas
lewisville, north-carolina, oktober 1996
schmetterlinge soll es geben, grösser als eine menschenhand, aber die werden jetzt weniger, sagt andreas. und riesige spinnen. vorhin hat sie eine vor der haustür im laub gesehen, fast wie eine vogelspinne. ein struppiger roter kater schleicht hinterm zaun entlang. in der dämmerung sei mit schwärmen von glühwürmchen (lightning-bugs) zu rechnen.
das haus von mrs. vermeer ist umgeben von alten bäumen. der rasen ist gestutzt, doch die büsche wuchern wild. die blumen in den kübeln sind verdorrt. überall spinnweben. gelbes, braunes, tiefrotes laub. gerade hat es kräftig geregnet. jetzt hängen schwaden zwischen den bäumen und es tropft und rinselt.
das haus befindet sich im dämmerzustand. altrosa teppich verschluckt die schritte. die wände sind ebenso rosa tapeziert, nur im wohnzimmer dunkelblauer grund mit grossen, pastellfarbenen blumen und dazu passende, auf dem boden aufliegende vorhänge. dido setzt sich an den ovalen esstisch. dunkles holz, die ränder angestossen. neben ihr stapeln sich briefe, die meisten ungeöffnet, und kataloge, die werden hier abgelegt, damit im postkasten jeden tag genug platz für die nächste ladung ist. über dem tisch ein rosagoldener porzellankronleuchter mit spitz zulaufenden glühbirnen. ihr gegenüber, an der längsseite des raumes, eine anrichte aus besseren zeiten. darauf, zu beiden seiten eines spiegels mit plastikrahmen, zwei künstliche blumensträusse in schlichten glasvasen, passend zum blumenmuster der tapete. von den sechs hochlehnigen esszimmerstühlen, country-style, sind zwei kaputt.
durch eine grosse flügeltür geht dido in den nebenraum. vier stiche zeigen segelschiffe auf stürmischer see an ansonsten kahler wand, darunter ein modernes aber durchgesessenes sofa. an der anderen wand vier pferdebilder. ein tisch, vollgestellt mit familienfotos: hochzeit, schule, glück. eine lachende frau neben einem pferd. dieselbe frau beim springreiten in schwarz-weiss. zwei strahlende junge männer in anzug und krawatte, breites amerikaner-grinsen unter blondem haar. die söhne? in der zimmerecke ein verstimmter flügel, der rücken stumpf und das elfenbein gelb und rissig. dido schlägt ein paar tasten an. scheppernde wehmut. oder sogar ein bisschen trotz. die blechern ächzende parodie eines flügels. so ist das ganze haus. wie mit einer feucht gewordenen staubschicht überzogen. als wäre alles wirkliche geschehen, alles leben, irgendwann vor jahrzehnten stehen geblieben und von einer inhaltslosen zeit überholt worden.
so happy to have you here. finally. you and your handsome fiancé.
[…]

 
 
 
bild oben: susanne soldan