bild: jagna anderson

leseprobe aus

der grösste himmel

erzählung, 2016, 130 seiten

 

       
      there was a time / a wind that blew so young / for this could be the biggest sky / and i could have the faintest idea…
      david bowie, this is not america

 
 

andreas ist weit weg. aeneas will nur spielen. dido liebt beide und erzählt eine geschichte. orte der handlung sind göttingen und lewisville/north carolina im jahr 1996 sowie berlin kreuzberg zum jahreswechsel 2015/16. die leseprobe (18 seiten im manuskriptformat) beinhaltet den anfang der erzählung, einen teil des zweiten kapitels aus der mitte der erzählung und den beginn des dritten und letzten kapitels.
 
 

prolog

eine postkarte, die aus einem buch herausflattert. die bildseite zeigt eine unspezifische wüstenlandschaft in zu grellen farben. ein schwarzer strich teilt die andere seite in zwei hälften. auf der rechten hälfte markiert ein kästchen den platz, der für die briefmarke vorgesehen ist. in der linken oberen ecke steht, so klein gedruckt, dass es kaum zu lesen ist:
desert country I grants I new mexico.
die karte ist unbeschrieben.
das buch, ein weisses dtv-taschenbuch mit zerknickten ecken: oriana fallaci, wenn die sonne stirbt. weil uns der titel nichts sagt, soll es mit anderen ausgelesenen thrillern und verstaubten eintagsfliegen in eine kiste, die unten auf dem bürgersteig landet. zum mitnehmen.
ein zweiter blick auf die postkarte, auf das buch: deins oder meins? meins nicht, sagst du. muss deins sein.
und dann kommt eine erinnerung, und die hat, so scheint es zunächst, weder mit der postkarte noch mit dem buch etwas zu tun: ich sitze an einem flügel in einem zimmer mit geblümter tapete und spüre an den nackten füssen einen hochflorigen teppichboden. ich weiss, dass der flügel verstimmt ist, weil nie jemand auf ihm spielt. vor mir, auf seinem angestaubten rücken, stehen fotos: eine frau unbestimmten alters mit einem pferd. die frau lacht und das bild ist schwarz-weiss. zwei junge, elegant gekleidete männer, sie lachen ebenfalls und beide haben blondes haar.
this is not america, sha la la la la…
die frau mit dem pferd. vielleicht beginnt die geschichte mit ihr. weil es sie wirklich gegeben hat, brauche ich ihren echten namen. ich erinnere mich nur, dass es ein ungewöhnlicher name war, so gar nicht typisch südstaaten, eher europäisch, fenchel, wie das gemüse. oder fehmarn, wie die insel. ich habe ihren namen sicherlich aufgeschrieben, so wie ich damals, während der reise, einiges aufgeschrieben habe.
ganz oben, unter einer dicken staubschicht, steht der karton mit notizen. bevor ich die leiter ans regal schiebe, bringe ich zunächst die kiste ausgemusterter bücher runter auf die strasse, sie landen im berliner wintersonnenschein und hoffen auf ein neues leben bei den nachbarn.
das angeknickte taschenbuch mit dem pathetischen titel bleibt hier. ich lege es auf den schreibtisch. dazu die wüstenpostkarte. und eine halbe stunde später liegt daneben ein blaues notizbuch, a5 format, fester einband, von vorne bis hinten eng mit kugelschreiber beschrieben. auf dem schmutzblatt steht: herbst ’96.
und noch eine halbe stunde später weiss ich, dass ich die geschichte, die ich erzählen will, bereits vor zwanzig jahren einmal erzählt habe.
und dass die frau, nach deren namen ich vorhin suchte, sie heisst tatsächlich vermeer, darin nur eine, wenn auch bislang unterschätzte, nebenrolle spielt.
 

kapitel eins: aeneas

29.08.1996 – 30.09.1996, göttingen
sie sind um mitternacht verabredet, kurt, charly, dido und aeneas. kurt und dido warten bis kurz vor eins in der tangente. die musik ist scheisse, sie wollen gerade gehen, woanders was besseres suchen, da trefffen sie vor der tür charly und aeneas. er, total komisch drauf, setzt sich gleich ab, will nicht tanzen, will in irgendeiner kneipe allein einen kaffee trinken. die anderen gehen dann, weil auch im juzi nichts los ist und die oper zu voll, zu dido.
sie hören den trainspotting-soundtrack und reden übers fixen, obwohl sie nur gras haben. sie stehen damit am fenster, charly und dido, kurt natürlich nicht.
mr. drogenfrei sagt: „wenn ich mich umbringe, dann mit heroin. nur ein schuss. nur ein rausch. aber ein richtiger.“
dido sagt: „wenn ich mich umbringe, dann im schnee. ich gehe raus und lasse mich wegtreiben im schnee.“
charly kichert: „ich bin schon tot.“
„was findest du eigentlich an aeneas“, fragt kurt. dido weiss nicht, ob er sie oder charly meint.
charly zuckt die schultern, das kann sie total nonchalant. „ich kenne ihn halt so lange. wir ficken ab und zu.“
dido sieht an kurts blick, dass er charly auch ab und zu ficken möchte. jetzt steht charly auf und beginnt zu golden years zu tanzen. sie dreht sich so und dido denkt, dass sie geil aussieht.
don’t let me hear you say life’s taking you nowhere, angel…
kurt sagt: „bowie ist als sänger scheisse. er klingt wie ein ziegenbock.“
dido sagt: „das tut dylan auch.“
„aber das ist was ganz anderes“, sagt kurt. „dafür, als schauspieler ist bowie super.“
lawrence von arabien“, sagt charly.
kurt und dido korrigieren sie nicht, weil sie erst übermorgen zwanzig wird, und da muss man sowas vielleicht nicht wissen.
später landen sie doch wieder in der tangente. kurt verzieht sich, weil ihm die musik nicht gefällt. charly ist dann auch weg. dido steht lange allein an der tanzfläche. dann sieht sie charly und aeneas, die köpfe zusammen, wie wegen der lauten musik. als sie dido bemerken, kommen sie zu ihr. unverbindliches blabla. charly tanzt aufreizend. aeneas und dido gucken ihr zu.
„ich verabscheue solches ausgehen zu dritt.“
das sagt er, genau so. dido bemüht sich, den rest der nacht locker drauf zu sein (gelingt ihr nicht).
 
ortswechsel, zeitwechsel. dido am schreibtisch. durch die vorhänge schleicht ein mattes leuchten in den raum. beginnt ihn auszufüllen, kalt und blass. beginnt das sanfte licht der kerzen, die neben ihr stehen, unbarmherzig zu ersticken. dido ist ganz schreibende hand, die, übers papier gleitend, eine spur zieht, zeile für zeile. irgendwo, in der tiefe, ist ein zittern, aber die hand ist ruhig. laute musik lenkt den strom ihrer gedanken, rhythmisch, hämmernd, der kopfhörer ist eine abschirmung nach aussen, so wie das kerzenlicht, ein kleiner kreis, gerade ausreichend, um dabei zu schreiben.
die ersten stunden des tages wird sie bald verschlafen. und sie wird dann unweigerlich irgendwann aufwachen und das zittern wird zurückkehren. sie wird aufstehen, die vorhänge einen spalt zur seite ziehen, um zu sehen, ob es regnet. regenwetter, grauer himmel, das würde eher passen, einen grund geben, objektiv, für ihre verstimmung. doch seitdem es begonnen hat, scheint die sonne fast ununterbrochen. die letzten augusttage sind heiss und die menschen in der stadt so lebendig, sie füllen fussgängerzone und strassencafés mit ihren lauten gesichtern. nur die kühlen nächte kündigen den nahenden herbst an.
 
ortswechsel, zeitwechsel. dido und aeneas. da sitzen sie auf der brüstung am leinekanal, gegenüber dem kleinen pavillon. sie waren tanzen. es wird allmählich hell. neben ihnen gleitet leise glucksend der kanal dahin. es ist furchtbar romantisch. dido lehnt sich an ihn. er legt die arme um sie. sie spürt seinen atem in ihrem haar.
„ich will jetzt nicht so gehen“, sagt sie.
„wenn du möchtest, komme ich mit dir“, sagt er. „wenn du dich neben mich auf den fussboden legst. nackt.
„ja. komm mit mir.“
er steht auf. „nein“, sagt er. „ich komme nicht mit. es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“

dido am schreibtisch. mit dem kopfhörer auf den ohren. es wird immernoch hell. vor ihr steht das telefon. das rote lämpchen neben der tastatur wird irgendwann blinken. ich spiele nicht mit dem feuer, denkt sie, ich stürze mich in die flammen. und erstaunt beobachte ich, wie es mich tatsächlich versengt. wie hülle um hülle meiner haut blasen wirft, einreisst, kohlschwarze asche, abblättert. ich beobachte den schmerz und kann nicht davon lassen. die augen, zwei kugeln, brennen zuletzt, sie werden, wenn nichts mehr übrig ist von mir, zu boden fallen und mit einem obszönen ploppen zerplatzen. sie dreht am lautstärkeregler, bis sie einen grad erreicht hat, der betäubend ist.
„sag mir doch wenigstens, dass du auch ein wenig unter dieser situation leidest.“
„wem nützte das?“
„mir. weil ich dann wüsste, dass ich nicht allein damit stehe. ich habe keine lust, mich hier völlig zum affen zu machen.“
„gut. ja. ich leide auch darunter.“
die papierfetzen leuchten im hereindringen des ersten tageslichts wie von innen heraus. drama, denkt sie. unvermeidlich in allem, was ich tue. gestern mittag (und ihre laune war beim aufstehen und auch unter den dusche noch verdächtig gut gewesen) kam so ein zusammenbruch. und irgendwann waren dann auch ihre gedichte dran. sie begann mit denen, die sie kürzlich für aeneas geschrieben hatte. sie zerriss die seiten in kleine schnipsel, liess sie mit einer weitausholenden geste auffliegen und sich im raum verteilen. was für ein schönes bild. und es war ja niemand da, sie auszulachen. dann ging es mit den älteren texten weiter. sie arbeitete sich rückwärts durch die zeit. als sie fertig war, streckte sie sich auf dem fussboden aus und lag dort. wie im schnee.
 
anfang und ende, das ist immer das schwierigste. der mittelteil entwickelt sich meistens ganz selbstständig, ohne ihr zutun, sie kann mitschreiben, das geschehen folgt der grammatik ihres denkens. der anfang ist problematisch, weil er als solcher erkannt und benannt werden muss. zu viele geschichten finden statt und werden nicht geschrieben, weil der anfang nicht bemerkt wird. und das ende muss gesetzt werden, ein bewusster akt. es gilt, irgendwann den passenden schlusssatz zu finden. zu viele geschichten sind endlos. zu viele geschichten sind sich der einfachsten gesetze nicht bewusst. es geschieht einfach, aus mangel an aufmerksamkeit, aus mangel an mut, aus faulheit und angst das, was man leben nennt.
sie sind um mitternacht verabredet, kurt, charly, dido und aeneas.
seit diese geschichte damit begonnen hat, denkt sie über den möglichen schluss nach.
 
„ich finde es völlig scheisse, was du da machst.“
das ist kurt am telefon. gestern mittag. didos versuch, sein zustimmendes schweigen mit erklärungen zu erkaufen, scheitert da gerade kläglich.
„es bedeutet mir nichts“, lügt sie.
„und warum tust du es dann?“
was hat sie erwartet? dennoch, der harte realismus in seiner aussenseiterstimme zerschlägt etwas in ihr.
„ich finde es scheisse und fühle mich ausgesprochen unwohl, wenn ich so etwas mitbekomme. ich gerate in eine zwickmühle, denn ich mag andreas. und ich mag dich. und ich meine, du kannst ihn nicht so behandeln. das hat er echt nicht verdient.“
und dann kommt die lakonische aussage, die es zu dem macht, auf das reduziert, was es ist: „dein mann ist gerade mal zwei wochen fort und du suchst dir den nächsten.“
 
als dido wach wird, ist es wider erwarten noch früh und tatsächlich, es regnet. tief lehnen sich graue wolkenmassen an die dächer, im garten schwimmt nebel, sintflutartig plätschert es aus den überlaufenden regenrinnen –
– nein. dieses erzählen funktioniert nicht. die aussenperspektive versagt. was ist denn schon gewesen, wir haben bertoluccis der himmel über der wüste zusammen angeschaut, haben vor dem sofa auf dem boden gesessen, ich mit dem rücken ans sofa gelehnt, du mit deinem kopf auf meinem schoss. ich habe dein gesicht gestreichelt, dein haar. meine hand lag auf deinem arm, deiner brust. mehr war nicht. zwischendurch bist du eingenickt. dann stehen wir am fenster, aneinandergelehnt, natürlich wegen des platzes, das wäre ein grund, gemeinsam den rauch aus dem fenster blasen. wir reden leise. du streichst über mein gesicht. deine stimme ist zärtlich und in meiner stimme spüre ich ein verlangen, das ungewohnt ist. weisst du, wie ich auf dich reagiere? wieviel angst ich habe, vor dem, was hier geschieht? das ist auch der grund, glaube ich, für diesen blödsinn mit deinem notizbuch. als du nebenan in der küche warst. ich sah es in deiner offenen tasche. es lud mich ja dazu ein, es herauszunehmen, darin zu lesen. es ging mir wohl darum, ehrlichkeit zu erzwingen. mit unlauteren mitteln, das stimmt. doch deine heftigkeit hat mich überrascht. dass du so wortlos gegangen bist. und du hast ja recht. es gibt keinen grund, mir zu vertrauen.
 
steht da: ich weiss, dass sie eigentlich von mir nichts will. ich bin gerade verfügbar und erfülle eine funktion. doch die ursachen liegen woanders. in den problemen, die sie miteinander haben. oder in denen, die sie mit sich selbst hat. wenn es ihr hilft, werde ich mit ihr darüber sprechen.
[…]  
 

kapitel zwei: dido

31.12.2015, berlin / island
was das beste in 2015 war, fragte anna vorhin beim essen. wir hatten vegetarisches sushi, dazu sekt, haben geredet, dann mit den katzen gespielt. jetzt ist es kurz nach zehn und wir machen beide noch eine weile unser jeweiliges ding, dann trinken wir mehr sekt und wundern uns wie jedes jahr über das pünktlich um mitternacht eskalierende geböllere da draussen. das geht jetzt schon los. wie granateinschläge. für all die leute, die mit kriegstrauma hierher kommen, muss das sowas von scheisse sein.
was das beste war in 2015 also. ich denke zurück an dieses jahr, das ein gutes war, obwohl viele schlimme dinge passiert sind. dann muss ich grinsen. das beste kommt zum schluss. was für ein blöder spruch, denke ich, nehme die postkarte, die neben der tastatur liegt, und sehe mir die wüstenlandschaft noch einmal an:
desert country I grants I new mexico.
dass mir vor ein paar tagen, beim aufräumen, diese erinnerung entgegen geflattert ist. wie das weisse kaninchen, das man an den ohren aus dem zylinder zieht. dass ich jetzt in der mitte dieser geschichte angekommen bin. und zugleich auch: dass ich nicht mitten in dieser geschichte bin.
zaubersprüche. wünsche. magische orte.
vielleicht, weil anna im zimmer nebenan die aufnahme der purcell-arie hört, die sie selbst gerade lernt. weil die aufnahme jetzt etwas leiser wiederholt wird und annas stimme sich zunehmend in die arie einflicht – when i am laid, am laid in earth / may my wrongs create / no trouble, no trouble in thy breast – weil fabian dazwischen maunzt und weil ich tee mit honig trinke, vielleicht deshalb hatte ich gerade die idee, einen eintrag aus einem weiteren notizbuch hier einzufügen. es ist der einzige eintrag auf den ersten seiten, danach ist das buch leer – und interessant, nicht wahr, dass diese vorrede irgendwie schon wieder so eine gewisse dramatik, zumindest spannung, erzeugt, keine ahnung, woran das liegt, das jedenfalls ist die textstelle:

am thingvallavatn, bei der alten thingstätte, ist eine kleine schlucht, vielleicht zwanzig meter tief, ein paar meter breit, eine lavaspalte, mit klarem, kaum bewegten wasser gefüllt und von einer brücke überspannt. der sage nach hat derjenige, der eine münze hineinfallen lässt und der den fall der münze bis zum grund verfolgen kann, einen wunsch frei. die schlucht glitzert vor lauter münzen. beidseits der brücke, am grund und auf den felsvorsprüngen liegen die wünsche, die gescheiterten und die, die – vielleicht – in erfüllung gegangen sind.
ich stand dort, vor ein paar tagen, in jener anderen welt, eine von vielen anderen welten, und sah das glitzern im wasser. ich liess eine münze, ein 50-pfennig-stück, hineinfallen, ganz aufgeregt und gleichzeitig wegen meines aberglaubens erheitert. ich hörte das platschen, mit dem sie ins wasser fiel. dann verfolgte ich ihren taumelnden fall durchs klare, metertiefe wasser. sie drehte sich um ihre achse, wirbelte hin und her, und ich ertappte mich dabei, dass ich das eiserne brückengeländer ganz festhielt vor lauter anspannung. die kleine münze fiel langsam, erstaunlich langsam, und für einen moment schien es, als würde ihr taumeln sie unter die brücke treiben und damit meinem blick entziehen. und ich dachte (mir fiel auf, dass ich das dachte): was mache ich jetzt, wenn ich sie nicht mehr sehe und mein wunsch nicht in erfüllung gehen kann? springe ich, tauche ich ihr hinterher, um ihren fall bis zum ende zu verfolgen? und in gedanken lachte ich mich aus wegen dieser absurden idee. doch die münze trudelte hin und her und änderte ihren kurs, sie trieb wieder von der brücke weg und endlich traf sie den grund und kam, ich sah sie genau, zwischen den anderen münzen zu liegen. (island, september 1998).

das ist natürlich der beginn einer weiteren geschichte. wer spricht da von sich in der ersten person? was hatte diese person 1998 auf island zu suchen? und, vor allem, was war der wunsch? – doch jetzt ist es gleich mitternacht und draussen leitet man die alljährliche kreuzberger apokalypse ein. also gehe ich zu anna, damit wir, mit unserem sektglas in der hand am fenster stehend, dabei zusehen können, wie die welt in krach und nebel versinkt.
 
01.10.1996, über dem atlantik
ich bin gestern abend bereits nach frankfurt gefahren, weil mein flug über chicago nach charlotte heute ganz früh ging. ich war erst gegen zehn dort, weil ich einen zug später genommen hatte, in der hoffnung, aeneas würde doch noch am bahnhof erscheinen um sich von mir zu verabschieden. in frankfurt habe ich mich dann in die falsche s-bahn gesetzt und wartete, als ich es nach vielen stationen endlich bemerkt hatte, lange auf die gegenrichtung. es war mir dann zu spät, noch essen zu gehen. ich sass am schreibtisch in meinem hotelzimmer beim flughafen, rauchte, hörte musik, knabberte erdnüsse und trank mich durch die minibar. das war ein seltsames gefühl. die eine welt hatte ich schon so gut wie verlassen (obwohl, paradox, die gedanken noch an ihr hingen), die andere noch nicht erreicht (nur im spekulativen vorgriff). das hat etwas mit freiheit zu tun. zwischen zwei welten ist ein stück freiheit, weil allen entscheidungen noch keine konsequenzen gefolgt sind.
davon erzählen. von der freiheit in solchen hotelzimmern, die irgendwo liegen können, es spielt gar keine rolle ob frankfurt oder london, new york, paris oder peking. eine geschichte, die von diesem zwischenraum handelt. jemand, der weiss, dass er weg muss. auf die eine oder andere weise, an den einen oder anderen ort. und den es dennoch so festhält. wird er fliegen? er wird am nächsten morgen zum flugplatz gehen, an irgendeinen schalter, last minute, ein restplatz – spielt es eine rolle, wohin oder warum? eine geschichte über einen abschied und einen aufbruch. über die möglichkeit eines erneuten ankommens, irgendwo. über die angst, irgendwo erneut anzukommen – und doch als derselbe mensch, an dem dieselbe vergangenheit klebt, der dieselben fehler machen wird, dieselben lüste empfinden wird und ängste – eine geschichte über die unausweichlichkeit von identität. so ein handke-titel: die lust des fluggasts am möglichen absturz in der nacht im hotel vor dem möglichen abflug.
ich bin in zehn km höhe über dem atlantik und es saust und rauscht und rüttelt. doch wenn ich schreibe, habe ich keine angst. ich muss noch lernen – das ist wichtig – die bilder, die oft viel zu kurz nur aufflammen, einzufangen. so viele bilder werden vergeudet, auch aus faulheit, aus nachsicht mir selbst gegenüber.
ich bin gespannt auf andreas. wir haben uns fast zwei monate nicht gesehen. und ich bin scharf auf ihn. ich will ihn. ich bin glücklich. glücklich!
 
 

kapitel drei: andreas

02.10.1996, lewisville, north-carolina.
das haus von mrs. vermeer: umgeben von grossen alten bäumen, die anders aussehen als die bäume bei uns, an einer strassenbiegung gelegen, sanft hügeliges, bewaldetes land, eine ruhige, wenig bebaute gegend, einige meilen ausserhalb von winston/salem.
der rasen gestutzt, doch die büsche wild wuchernd, die blumen in den kübeln verdorrt, überall spinnweben. herbstliche vegetation, erste laubfärbung, gelb, tiefrot zum teil, blätter, die abfallen. es ist warm draussen im vergleich zu göttingen, obwohl das wetter hier wohl einen temperatursturz erfahren hat, knapp 20 grad sind es noch, es hat kräftig geregnet gerade, jetzt hängen schwaden zwischen den bäumen, es tropft und rinselt überall.
den ganzen tag, die ganze nacht, das zirpen der zikaden. und vögel, deren fremde stimmen. ein neugieriges squirrel im garten. schmetterlinge soll es hier geben, grösser als eine menschenhand, aber die werden jetzt weniger, sagt andreas. und riesige spinnen, ich habe vorhin eine vor der haustür im laub gesehen, fast wie eine vogelspinne. in der dämmerung sei mit schwärmen von glühwürmchen (lightning-bugs) zu rechnen.
das haus macht einen verschlafenen eindruck, es befindet sich im dämmerzustand. altrosa teppich verschluckt die schritte. die wände sind ebenso rosa tapeziert, nur im wohnzimmer dunkelblauer grund mit grossen, pastellfarbenen blumenmustern. schwere altmodische vorhänge. eine abgründige mischung aus südstaaten-romantik, amerikanischer zweckmässigkeit der 60er/ 70er jahre, nostalgie und rumpelkammer. das haus strahlt eine fast bergende traurigkeit aus. hier wohnt jemand, der keine lust hat.
im wohnzimmer. ich sitze an einem ovalen esstisch, dunkles, teures holz, die ränder angestossen. neben mir stapeln sich briefe, die meisten ungeöffnet, und kataloge, die hier abgelegt werden, damit im postkasten jeden tag genug platz für die nächste ladung ist. über dem tisch der inbegriff eines abartigen cremefarbenen porzellankronleuchters mit dimmer. mir gegenüber, an der längsseite des raumes, eine anrichte aus besseren zeiten. darauf, zu beiden seiten eines ovalen spiegels in barockem plastikgoldrahmen, zwei künstliche blumensträusse in schlichten glasvasen, passend zum blumenmuster der tapete. von den sechs hochlehnigen esszimmerstühlen, country-style, sind zwei kaputt.
durch eine grosse flügeltür gehe ich in den nebenraum. vier stiche mit segelschiffen auf stürmischer see an ansonsten kahler wand, darunter ein durchgesessenes sofa. an der anderen wand vier pferdebilder. ein verstimmtes klavier, ein tv-set mit video und ein tisch, vollgestellt mit familienfotos: hochzeit, schule, glück. eine lachende frau mit pferd. diesselbe frau beim springreiten in schwarz-weiss. zwei strahlende junge männer in anzug und krawatte, breites amerikaner-grinsen unter blondem haar: die söhne? ausser dem verstimmten klavier in der anderen ecke noch ein ebenso verstimmter flügel, die elfenbeintasten gelb und rissig, der klang scheppernde wehmut. oder sogar ein bisschen trotz, fast blechern, die parodie eines flügels, stumpfes, fleckiges holz. so ist das ganze haus: wie von einer leichten, mal mehr, mal weniger sichtbaren staubschicht überzogen. als wäre alles wirkliche geschehen, alles leben, irgendwann, vor jahrzehnten, stehen geblieben. als wäre es von einer inhaltslosen zeit überholt und quasi konserviert worden.
mrs. vermeer: ich sah sie kurz gestern abend, nach meiner ankunft, und heute früh, wieder nur im vorübergehen. eine älter aussehende mitfünfzigerin, mitarbeiterin der bowman-gray-medicine-school, relativ kräftig gebaut, nicht geschminkt, ein wenig rustikal, eher keine lady, aber auch keine schlampe. das gesicht weich und müde. die stimme ein wenig leiernd, dabei irgendwie sogar humorvoll. ganz anwesend ist sie wohl nie, auch in sich selbst nicht.
sie sei komisch, sagt andreas, nehme medikamente. sie würde sich einen einverleiben, wenn man sich auf sie einlassen würde, warnt er mich. biete ihr bloss nicht an, ihr im garten zu helfen, sonst müssen wir das alle. schau dir mal ihr zimmer an, wenn sie weg ist: da liegt alles, wirklich alles, kniehoch auf dem boden und die schränke sind leer. ich werde mir ihr zimmer nicht ansehen. und ich werde ihr auch nicht anbieten, ihr bei der gartenarbeit zu helfen.
sie kocht nie, sagt andreas. wenn sie von der arbeit nach hause kommt, packt sie sich ein fertiggericht in die mikrowelle, isst stumm, und geht dann immer sofort in ihr zimmer. wenn wir kochen, sagt er, dann rümpft sie die nase, egal, wie gut es riecht, it smells, sagt sie.
ausser andreas wohnt noch uschi für ein paar monate bei mrs. vermeer. sie ist auch medizinstudentin, tochter eines bekannten neurologen, will wohl psychiaterin werden, und geht andreas inzwischen reichlich auf die nerven. sie sei total oberflächlich, sagt er, so voll von belanglosem. ich kann das noch nicht beurteilen, auf mich wirkt sie ganz angenehm. andreas und uschi haben jedenfalls, so scheint es, ein recht vertrautes verhältnis. kein wunder, sie sind ja die letzten wochen praktisch immer zusammen, und, weil es nur einen wagen, einen vergammelten chevy, gibt, aufeinander angewiesen.
und dann ist da noch kevin. er ist einen halben kopf kleiner als ich, trägt cowboystiefel und hut, wirkt etwas verlangsamt und spricht einen ganz wunderbar unverständlichen südstaaten-akzent. er ist irgendwas wie elektriker oder mechaniker und hilft mrs. vermeer im garten und bei ihren zwei pferden. die pferde übrigens scheinen ebenso aus einer anderen zeit zu stammen wie alles hier. zwei klapprige alte gäule, sagt andreas, nix zum reiten.
ich sitze allein in diesem seltsamen haus. alle anderen sind bei der arbeit. ich wollte mich erstmal ausschlafen, vom langen flug erholen. ausserdem ist mein koffer beim umsteigen in chicago auf der strecke geblieben und soll heute nachgeliefert werden. jetzt ist es gleich sechzehn uhr. der koffer ist immer noch nicht da. ich sitze hier und frage mich, wie es mir eigentlich geht.
[…]