bild: jagna anderson

leseprobe aus

echtzeitleben

erzählung, 2016/2017, 180 seiten

 

       
      die platte muss an der stelle einen kratzer haben, denn es macht ein komisches geräusch. und da ist etwas, was das herz zusammenschnürt: nämlich, dass die melodie überhaupt nicht von dem leichten krächzen der nadel auf der platte berührt wird. sie ist so weit – so weit dahinter. auch das verstehe ich: die platte wird verkratzt und nutzt sich ab, die sängerin ist vielleicht tot; ich werde fortgehen, werde meinen zug nehmen. aber hinter dem existierenden, das von einer gegenwart in die nächste fällt, ohne vergangenheit, ohne zukunft, hinter diesen klängen, die von tag zu tag zerfallen, zerkratzt werden und in den tod gleiten, bleibt die melodie dieselbe, jung und fest wie ein erbarmungsloser zeuge.
      jean-paul sartre, der ekel, paris 1938

 
 

dido, protagonistin aus der grösste himmel, erzählt in vier kapiteln – vor dem kirschgarten, im kirschgarten, hinter dem kirschgarten, das krakau-experiment – eine neue liebesgeschichte. zeit der handlung ist die jahrtausendwende, das vierte kapitel springt ins jahr 2017. die leseprobe (18 seiten im manuskriptformat) beinhaltet auszüge aus dem ersten kapitel, das in krakau, tübingen und göttingen spielt.
 
 

aus kapitel eins: vor dem kirschgarten

 

seerosen

vom geöffneten fenster weht es kühl herein. „meterdicke mauern“, sagt anna als wir uns setzen, „wie bei einer alten festung.“
der junge hinter der bar widmet sich mit hingabe dem polieren seiner zapfanlage. „summerwhisky, summerwhisky“ nuschelt er mit so einem grinsen. was hat sommer mit whisky zu tun. anna fragt ihn, lacht dann, „er will wissen, ob wir einen longdrink wollen, something with the whisky.“
die stimmen anderer gäste klingen zu uns in den seitenraum herüber, ab und zu ein kichern, das kurz in der luft hängt. die musik ist spanisch, melancholische gitarre, fliegender rhythmus. der papst ist abgereist. die prohibition, die die polnische regierung anlässlich seines besuches verhängt hatte, ist seit mitternacht aufgehoben und die stimmung hier ist dementsprechend.
ich puste rauch aus dem fenster. anna spielt mit der kerze, mit dem weichen wachs am oberen rand. als sie den docht dabei fast ertränkt, wird es für einem moment dunkler, doch sofort springt die flamme wieder empor und erhellt unsere gesichter. ein luftzug trägt den rauch zurück, jetzt stört er sie, ich entschuldige mich und drücke die kippe in den aschenbecher. anna formt kleine figuren aus wachs, lässt sie erstarren, um sie erneut zu schmelzen.
ein älterer mann in cremefarbenem anzug setzt sich an einen freien tisch auf der gegenüberliegenden seite des raumes. die kerzen flackern im luftzug. ihr licht reicht nicht bis zur decke, der raum ist höher als tief. der mann, er mag so um die siebzig sein, legt seinen hut neben sein glas und fährt sich mit der hand durchs haar. er sitzt vor einer jugendstillandschaft. rechts oben, in diesem licht nur eben zu erahnen, ist ein fantasieschloss mit einem grossen teich voll von seerosen, der sich bis in die wandmitte erstreckt. der mann wiegt den cognakschwenker in der hand und führt ihn vorsichtig an die lippen. er nimmt einen kleinen schluck und prüft den eindruck mit unbewegtem gesicht. seine hand mit dem glas verharrt dabei auf halber höhe, die andere liegt flach und weiss vor ihm auf der tischplatte. gräser tasten nach seinem arm. blumen wuchern aus der wand, beginnen, ihn zu umschlingen. er verschmilzt mit dem hintergrund, ein trauriger könig zwischen den seerosen. ich will etwas dazu sagen, lasse es aber, weil ich nicht weiss, ob anna es sehen kann. das bild ist nicht beständig. schon löst es sich wieder auf. der alte dandy leert sein glas in einem zug. er nimmt seinen hut und verlässt die kneipe. ich sehe ihn draussen am geöffneten fenster vorbeigehen. seine schritte hallen auf dem kopfsteinpflaster, dann wird der schall von der dunkelheit verschluckt.
ich beginne die geschichte mit dieser episode, weil ich glaube, dass sie alles kommende bereits enhält. eine entscheidung, die auch anders hätte ausfallen können. die taxifahrt zum baikalsee wäre als anfang ebenso geeignet gewesen. oder die szene mit dem bettler in der franziskanerkirche. aber irgendwo muss ich ja anfangen.
 

münzen

ich versuche mich nicht zu bewegen. ich sehe dem licht zu, das durch die farbglasfenster fällt, an den wänden hinabläuft, bunte lachen auf dem steinboden bildet. der rhythmus gemeinsam gemurmelter worte klingt aus einer seitenkapelle, vielleicht ein vaterunser oder ein ave maria. ich denke an die frommen massen, gestern und vorgestern. die glänzenden augen. die gelb-weissen plastikfähnchen in allen händen. da war kein durchkommen. ich sitze ganz gerade, obwohl das unbequem ist, stemme die füsse fest auf den steinboden, spüre das holz meine wirbelsäule entlang, bis in den nacken. ein mönch schlurft vorbei. müssen mönche so gehen, denke ich. doch dieser tut es wirklich, wie in der name der rose, und ich sehe jorges gesicht vor mir, seine vom gift geschwärzten lippen. schlurfen die mönche auch im buch oder schlurfen sie nur im film? schlurft dieser franziskaner, weil ich gelesen habe, dass mönche schlurfen? vorne in der kirche staubt eine schlampig aussehende frau heiligenfiguren ab. jetzt rückt sie ein paar stühle zurecht, und die kreischen dabei über den steinboden. oben im gewölbe schwebt der, der mit seinem tod den tod getötet hat. zmiluj sie nad nami. was für eine perversion, denke ich. dann wieder glaube ich, etwas zu verstehen. doch immer schlägt die tür vor mir zu, bevor ich einen blick hineinwerfen kann. dieser eingang war nur für dich bestimmt. ich gehe jetzt und schliesse ihn.
ein junger mann schichtet verstreut im gras liegende steine zu einem haufen. jetzt richtet er sich auf, vor sich das verfallene gemäuer einer kirche, und wischt sich lachend den schweiss von der stirn. ich sehe ihn nach einem streit mit seinem vater aus dem elternhaus fliehen. er dreht sich um, schüttelt die fäuste, läuft weiter. ich sehe ihn, älter inzwischen, allein auf seinem berg. er sitzt lange dort und vielleicht hat er ein messer dabei. es ist september 1224, und als er den berg verlässt, bluten ihm hände und füsse. ist es nur ein kleiner schritt, der mut einer sekunde? oder ist es die harte arbeit, sich fortwährend den eigenen zweifeln auszusetzen, bis etwas – doch was sollte das sein – dabei reift? und jetzt möchte ich die stirn auf das kalte holz der bankreihe vor mir legen. mein kopf wäre ihrem dann nahe. fast würde meine stirn ihren nacken berühren. und ich sehe mich dort, in dieser theatralischen geste – und ich kann es nicht tun. und so drücke ich weiter meinen allmählich schmerzenden rücken gegen die bank.
übrigens ist es recht früh am morgen des 20. juni 1999. ich bin in meinem zimmer im institut in tübingen. durchs fenster fällt strahlender sonnenschein und in einem der grossen bäume vorm gebäude singt ein vogel. natürlich hätte ich dringlicheres zu tun als diese geschichte zu erzählen. ich sollte an meiner dissertation arbeiten, das kapitel über franz von assissi fertigschreiben. über die erfindung des wunders.
die frau in der franziskanerkirche in krakau, die habe ich erfunden. auch wenn ich vor ein paar tagen wirklich dort gewesen bin. nicht alle gedanken, die ich jetzt aufschreibe, habe ich dort gedacht. und nicht alles, was ich dort erlebt habe, werde ich jetzt aufschreiben. ich kann ja immer nur einen ausschnitt wählen.
der bettler zum beispiel. ich habe diese figur, die die realität ins geschehen geschrieben hat, bislang ausgeblendet. genau wie vor ein paar tagen. ich wollte mich wahrnehmen als jemanden, der dort sitzt. und anna in der bankreihe vor mir. ich wollte mich wahrnehmen als jemanden, der sie wahrnimmt. und so habe ich versucht, den dritten, der nicht in die symmetrie meiner wahrnehmung passte, zu ignorieren. natürlich war da auch sonst ein kommen und gehen, vor allem touristen, doch die gehörten so wenig dazu, dass sie (wie die tauben in den strassen) nur aus dem augenwinkel bemerkt wurden. andere, der schlurfende mönch, die schlampige frau, die betenden nonnen vorne am altar, die waren bloss requisiten auf einer bühne, bewegte gegenstände.
mit dem bettler aber ist etwas anders. ich weiss, er wird irgendwann von der seite an mich herantreten. er druckst schon eine weile ein paar schritte entfernt von mir herum, streicht mit seinen schmalen händen über die bankreihen, durchsucht die ablagen für gebetbücher nach liegengebliebenen handtaschen. dann steht er neben mir, beugt sich zu mir herab und spricht mich an. ich verstehe kein wort, sage nein, schüttele den kopf und schliesse, um ihn meine ignoranz spüren zu lassen, einfach die augen. er soll meine womöglich fromme andacht nicht stören. für einen moment ist da noch seine präsenz dicht neben mir, dann geht er weiter. er zieht einen seiner lautlosen kreise durch den grossen raum, um sich wiederum zu nähern und diesmal anna anzusprechen. sie wendet sich ihm zu und fragt ihn etwas. er antwortet leise. sie wechseln mehrere sätze, er scheint etwas zu erklären. sie nickt. dann nimmt sie ihr portemonnaie und drückt ihm münzen in die hand. er bedankt sich und schlurft in den vorderen teil der kirche (ja, auch er schlurft, bettler und mönche, mit gesenktem blick), er steht beim altar, bis ihn die frau mit dem staubwedel aus der kirche vertreibt. nur anna hat ihm etwas gegeben.
 

rituale

der stets gut gelaunte italiener macht ein zeichen mit der hand. ich nicke. bald wird er mir, wenn ich am frühen nachmittag für eine pause aus dem institut hierher komme, einen milchkaffee bringen, ohne dass ich bestelle. ich bleibe oft länger hier sitzen, lese etwas oder mache mir notizen, und trinke noch ein mineralwasser. auch das wird er mir, vielleicht eine viertelstunde nach dem kaffee, ungefragt bringen. diese verabredung wird den ganzen sommer hindurch gelten, bis im herbst die tische abgebaut werden und das cortina für den winter schliesst. eine kleine verbindlichkeit gegen das ungeordnete verfliessen von zeit. zugleich aber auch eine subtile form von unfreiheit. denn was ist, wenn ich einmal keinen milchkaffee möchte, sondern, aus irgendeiner laune heraus, lust habe auf eine cola? der stets gut gelaunte italiener wird den kaffee zurück in die küche tragen. fortan wird er wieder abwarten, bis ich einen blick in die karte getan habe, und sein breites lächeln wird um eine nuance weniger herzlich ausfallen, denn er hatte geglaubt, mich zu kennen.
am nebentisch sitzt jetzt ein paar. er schweigt. sie erzählt vom spiel, vom publikum, vom programm und von änderungen des programms. er brummelt eine nicht verständliche antwort. sie redet unablässig weiter, ihre hohe stimme und der für mich vollständig uninteressante inhalt ihres geschwäbels dringen auf mich ein, unmöglich, sich dem zu entziehen, und schon spüre ich einen ganz unsinnigen ärger über diese person. ich werde gleich gehen müssen. das ist schade, denn es ist schön hier im halbschatten zwischen den fachwerkhäusern. der kleine kanal plätschert wenn eine taube in ihm badet. die tauben sitzen auf der niedrigen mauer, äugen zögerlich ins wasser, trauen sich zunächst nicht. dann macht eine den anfang, das wasser reicht ihr nur bis an den bauch, davon ist sie angenehm überrascht und wird mutiger, taucht ihren kopf unter, schlägt mit den flügeln, eine nach der anderen landen sie dann im wasser, um zu trinken und zu plantschen, ihr gefieder wird ganz dunkel, tropfen stieben perlend zu seite, wenn sie, durch einen taubengedanken aufgescheucht, auffliegen, ganz so, als durchfahre sie ein kollektives erschrecken darüber, sich in einem fremden element zu befinden – ich höre die frau immer noch, „und die oboe, jessuss, die oboe!“ (oh-boo-ähh) kreischt sie und schlägt sich lachend auf die schenkel. ich sehe kurz zu ihr herüber und weiss, dass ich sie immer hassen werde.
andreas übrigens würde das, wenn ich versuchte, es ihm zu erklären, überhaupt nicht verstehen. überempfindlich, würde er mich kopfschüttelnd nennen. das nimmt ja langsam formen an, würde er sagen.
der genuss, in einem fremden land, umgeben von einer fremden sprache zu sein. die umherfliegenden worte nur als klang, inhaltsleer, aufzunehmen – kaa-uuu-schaa, kaa-uuu-schaa – sie lassen das eigene denken in ruh.
„und wenn es zum beispiel strassenbahn bedeutet hätte?“
„dann wäre ich wohl überfahren worden. es sei denn, du hättest mich gewarnt. hättest du mich gewarnt?“
anna überlegt kurz. „vielleicht“, sagt sie.
 
[…]

präzise beschreibung

die erde so fern. felder, wald, strassen, ortschaften. fensterscheiben wie fünkchen blitzend. ein schimmernder flusslauf ist eine unverständliche zeichnung. einzelne wölkchen, dann wolkenfelder, grauweiss, bis zum horizont. dann der horizont, der den blick ins leere stürzen lässt. jetzt meldet sich der pilot, die erreichte reiseflughöhe beträgt knapp elf kilometer und wir sind gerade über prag. zwischen den wolken sehe ich felder, wald, kleine orte. keine grosse stadt. vielleicht war der fluss eben die moldau. die flugzeit wird noch fünfundvierzig minuten betragen, und ich weiss, dass mir das zu kurz sein wird. ich möchte mehr zeit haben in diesem raum zwischen allen möglichen welten.
ich sitze auf der einen seite des fast leeren flugzeugs, anna sitzt auf der anderen seite. wir sind auseinandergerückt, um, so witzelten wir, nach der intensiven zeit in krakau wieder ein wenig distanz zwischen uns zu schaffen. historisches seminar, seminar für polnische philologie, jagiellonische bibliothek, metropolitanarchiv… es fühlt sich an, als hätten wir mit der halben stadt und mit der ganzen universität gesprochen. vom 29. september bis zum 04. oktober ist unser graduiertenkolleg dann dort, eine deutsch-polnische fachtagung zur wissenschaftsgeschichte, geplant und koordiniert von anna und mir.
sie hat ein buch vor sich auf dem ausgeklappten tisch, den zu mir gewandten arm mit dem ellenbogen aufgestützt, den kopf vorgebeugt und auf die unter ihren kurzen haaren halb verborgene hand gelegt. ich sehe ihr im abendsonnenlicht glänzendes haar, ein wenig schimmernden flaum auf ihrer nackenhaut, den ansatz der schulterblätter, die sich in weichen konturen unter ihrem grobgestrickten pullover fortzeichnen. sie legt ihre hand seitlich in den nacken, die finger spielen mit den haaren am hinterkopf, so dass ich ihr gesicht im profil sehe. ich weiss, wie unbeholfen meine beschreibung ist. mir fehlt die übung darin und ich nehme mir vor, das zu ändern.
das flugzeug rüttelt, turbulenzen, mir wird ein wenig schummrig, ein leichter druck im kopf und auf den ohren. unten ist eine grosse strasse, die autos sind winzige rechtecke. ich habe noch nie darauf geachtet, wieviele details man von hier aus erkennt. sonnenstrahlen fallen jetzt fast waagerecht durch eine wolke. lichtfinger. schattenfinger. wir fliegen eine kurve und sinken, immer noch in kurvenlage. ein greller strahl schiesst an annas kopf vorbei und trifft mich, ich schliesse die augen, blinzle, und da ist für einen moment nur dieses weiss. als ich wieder hinaussehen kann, kommt alles näher, die dimensionen verändern sich. unter uns schwebt eine bunte scheibe, wird grösser, wird dreidimensional, es ist ein heissluftballon. wieder kippt die erde zur seite, wolken und himmel nehmen ihren platz ein, mir ist inzwischen richtig schwindlig, dazu der kopfschmerz, pochende schläfen. ja, da kommt die durchsage: wir sind im landeanflug auf stuttgart. ich will noch nicht landen. ich will weiter fliegen, in den abend, in die nacht. mit anna, die auf der anderen seite des ganges am fenster sitzt und ganz konzentriert in ihr buch schaut, die mich vergessen hat (das wünsche ich), und dennoch dort ist, damit ich sie ansehen kann. damit ich lernen kann, sie präziser zu beschreiben. die erde kommt näher. müssen wir landen? keine angst, nein. diesmal habe ich habe fast gar keine angst. übrigens erstaunt es mich nicht, mich in eine frau verliebt zu haben.

[…]

 

date: thu, 29. jul.1999 – from: jule.xxx@xxx.de
to: dido.helschinger@uni-tuebingen.de – subject: rückmeldung

liebe dido,
entschuldige, dass ich mich erst jetzt melde. wie ich dich kenne, wartest du schon nervös auf eine nachricht und bereust es, den brief überhaupt abgeschickt zu haben. daher melde ich mich auch prosaisch-elektronisch und nicht etwa brieflich, das würde nämlich dauern.
ich glaube nicht, dass wir erbsenzählerisch mit unserem leben umgehen, weder du noch ich. nein – es ist ein privileg, das wir vielen voraus haben, die fähigkeit, doppelleben zu führen, vielleicht sogar dreifach-, vierfachleben, in mehreren dimensionen zu existieren und darum nicht eine für die andere opfern zu müssen. ist nicht die einzige art, einen guten text zu schreiben, ihn selbst zu erleben, nicht als konstruierende autorin sondern als fühlende, handelnde, zweifelnde figur? wir können uns ein polygames leben leisten und trotzdem unseren partnern treu bleiben. und ich glaube, dass eine affäre in gedanken um vieles intensiver und erfüllender sein kann, als eine wirklich durchlebte.
oder sind wir feige?
ich habe bisher auch nur gedankliche affären kennengelernt. und fast so ein schlechtes gewissen gehabt, als wären sie wirklich geschehen. aber ich denke, es ist auch eine form von takt und respektgefühl gegenüber dem geliebten partner, ihn nicht körperlich zu betrügen. ich glaube, der mensch ist nicht auf ein monogames leben eingerichtet. die beste art, beziehung und ausbruchswünsche zusammenzubringen, ist wohl die affäre im geiste.
ich würde den text gerne mal in einem stück lesen. wobei die häppchen, gemischt mit real existierender dido, auch einen ganz besonderen reiz haben.
gruss, kuss und ein bisschen neid, Jule
 

date: fri, 30. jul.1999 – from: dido.helschinger@uni-tuebingen.de
to: jule.xxx@xxx.de – subject: re: rückmeldung

liebe jule,
nein, ich weiss nicht, ob das „bisschen neid“ angebracht ist. vielleicht in gewisser weise auf die intensität des erlebens, von der ich ja selbst in diesem fall ausserordentlich überrascht bin. glaubst du mir, dass ich mich, während ich dieses schreibe, total zittrig fühle und mein herz regelrecht holpert? – ziemlich bescheuert eigentlich, und auf dauer auch zu anstrengend.
in gewisser hinsicht betrachte ich das alles als experiment, bei dem ich sowohl forscherin bin, die auf knöpfe drückt und die kurven berechnet, als auch versuchtstier, das im käfig hin- und herläuft und den erwartungen entsprechend reagiert. ich steche mir nadeln ins fleisch, setze mich unter strom, bohre mir sonden ins eigene hirn und lese die worte nicht auf einem monitor ab, sondern lese sie, während ich schreibe, meine schrift eine fieberkurve, meine texte ein versuchsprotokoll (das bild gefällt mir, ich werde es übernehmen).
insofern hat eine solche, wie du es nennst, „gedankliche affäre“ durchaus ihren reiz und wert, sie erscheint mir aber auch als perversion. und mich verunsichert die damit verbundene infragestellung der „realen“ welt. und, das will ich nicht leugnen, die fantasie hilft nichts gegen die ganz reale – wie formuliere ich es? – begierde (was für ein wort! und doch das einzig mögliche). im gegenteil. ich dachte, das schrieb ich dir ja, ich hätte mittlerweile genügend „distanz“. und tue dann doch wieder alles, diese distanz zu verringern.
wir sassen gestern in einem café in der innenstadt. ich habe ihr ein paar texte gegeben. die szene mit dem seerosenkönig zum beispiel, die ich auch in meinen brief an dich eingebaut hatte. passagen, in denen, trotz aller fiktionalität, der reale hintergrund des gemeinsam erlebten nicht ausblendbar ist. ich beobachtete sie während sie las. ihr amüsiertes lachen ab und zu. ihre gelegentliche irritation. ihre zustimmung zu manchem detail.
„gefällt mir“, sagte sie, mit dem für sie typischen ironischen lächeln, „lass‘ mich irgendwann alles lesen.“
solche situationen, es gibt sie häufiger, ich provoziere sie ja, sind für mich ein seiltanz über einem abgrund. ich habe manchmal das gefühl, dabei zu stolpern. und ich ersehne doch nichts, als endlich zu stürzen. dabei habe ich nicht die geringste ahnung, wie sie empfindet. wie weit sie dieses spiel durchschaut und mitspielt. oder ihr eigenes spiel nach ihren eigenen regeln spielt.
das war mehr und länger als ich wollte, und es wäre sicherlich besser – wenn überhaupt – in einem brief aufgehoben. ich lösche diese e-mail, nachdem ich sie an dich absende, anna nutzt das büro während meiner abwesenheit für mails und telefonate mit den krakauer kollegen, und es wäre mir echt unangenehm, wenn sie oder ein hiwi zufällig darauf stiessen.
liebe jule, drück mir die daumen, dass bei all dem zumindest eine erzählung herauskommt. schade, dass du an diesem wochenende nicht auch in göttingen bist.
grüsse an max, deine dido

[…]  
 

aeneas

ich sitze in der goetheallee bei einem neu eröffneten café. neben mir steigt lauer fäkalgeruch aus einem gulli, steht kurz in der heissen luft, bevor ihn ein leichter wind die strasse hinabweht. einen tisch weiter essen zwei burschen currywurst mit pommes.
„zu viele freiheiten“, höre den einen schmatzen und der andere nickt. die sehen ungelogen aus wie von george grosz. was das angeht, sind göttingen und tübingen ja fast so austauschbar wie ihre ingen. ich überlege, ob ich sie ansprechen und darum bitten soll, leiser zu leben, wenn es denn schon sein muss, doch jetzt grüssen sie einen dritten, der im gleichen wichs über die strasse kommt. sie springen auf, lassen geldscheine neben ihren rasch im stehen geleerten humpen liegen und marschieren rülpsend davon.
es wird ruhig.
ich sehe auf den gartenpavillon beim studentenwohnheim, und da ist die erinnerung an eine ziemlich heftige fete, die mit einem polizeieinsatz endete. das war ganz am anfang des studiums. und gegenüber dieses pavillons, da ist die niedrige steinmauer am kanal, und dido und aeneas sitzen dort an einem herbstmorgen vor drei jahren. es wird allmählich hell und der kanal gluckst so vor sich hin und sie lehnt den kopf an seine schulter. das war ja irgendwie auch so eine liebesgeschichte. dido und aeneas, die soundsovielte:
„ich will jetzt nicht so gehen.“
„ich komme mit dir. wenn du dich neben mich legst. auf den fussboden. nackt.“
„ja. komm mit mir.“
„nein. es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“
sie entfernen sich zu zwei seiten aus dem bild. ihre schritte hallen noch eine weile in der kleinstadtdämmerung. cut.
und im nachhinein war ich dann doch heilfroh, an jenem morgen allein im bett gelandet zu sein.
gestern bei edith kannte ich nur ein paar leute. auch daran merke ich, dass ich nicht mehr hier in göttingen wohne. michél, jango und charly waren da, immerhin. charly sagte, dass aeneas wieder in hong-kong sei und vielleicht bald ganz dahin gehen werde. und er lasse mich grüssen. kurt ist bei seiner neuen flamme in berlin, er hat edith den wohnungsschlüssel für mich dagelassen. der weg in der morgendämmerung war schön. ich bin einmal um den ganzen wall, obwohl kurts wohnung auf halber strecke liegt und obwohl ich reichlich besoffen war.
jetzt habe ich den zweiten milchkaffee getrunken. die sonne steht tiefer und der gulli stinkt immer noch. und da ist immer noch die niedrige steinmauer am kanal. was fange ich mit dem rest dieses tages hier an?
aeneas erzählte vor einiger zeit von einem café in hong-kong. als er das dritte oder vierte mal dort war, fiel ihm auf, dass ihm die kellnerin ganz interessiert zuschaute. sie kamen ins gespräch, und sie fragte, ob das woanders üblich wäre. sich in ein café zu setzen und einfach nur so kaffee zu trinken und zu schreiben. in einem notizbuch. aeneas verstand ihre frage zunächst überhaupt nicht.
„hier hat das noch nie jemand gemacht“, sagte sie.
 

some of these days

ich spiele dido im zug. der zug erreicht frankfurt. es wird immer voll in frankfurt. graue und dunkelblaue männer mit krawatte und aktentasche. blicke, die aneinander abperlen. gedämpfte konversation, das klackern einer tastatur. und morgen früh sitzen sie hier in der gegenrichtung. einander gleichende tage, wie an einer perlschnüre aufgefädelt. einander gleichende leben.
plötzlich eine viel zu laute stimme. erschrecken flammt über die gesichter der pendler. es ist die wohltönende stimme eines schwarzen, und sie lacht laut und herzlich: „it’s shooowtime!“
blitzende zähne, blitzende augen. sein begleiter zupft zwei, drei töne auf der gitarre, und dann legen sie los: „raindrops are falling on my head…“ – und alles beginnt sich zu verändern. zunächst scheinen nur der sänger und der gitarrist wirklich zu sein. sonst sind da nur puppen, die in ihren zeitungen blättern, auf ihren tastaturen klackern, als ginge sie nichts etwas an. dann schmelzen die ersten unter dem klang dieser stimme. verhaltener applaus. noch ein lied. man traut sich zu klatschen (die anderen tun es ja auch), man traut sich ein lächeln (die anderen tun es ja auch). der graue schnurrbart schräg gegenüber wird lebendig, seine augen suchen meine augen, auf einmal hat er ein gesicht, das mich interessieren könnte, wir grinsen uns an – und wie getroffen wendet er sich ab und stirbt erneut. doch etwas hat stattgefunden.
der gitarrist geht durch den gang und sammelt münzen in eine wollmütze. der sänger verabschiedet sich mit breitem akzent: „thank you for coming to our little show! wir wünsche noch ein viele spass!“ dann lösen sich beide in luft auf.
hat etwas stattgefunden?
inzwischen hat der zug in mannheim gehalten. ich spiele dido, die gleich in stuttgart umsteigen wird. die mit dem bummelzug weiter fahren wird bis tübingen. die vom bahnhof durch die tübinger abendsonnenaltstadt gehen wird. die die treppe hinaufsteigen und den schlüssel im schloss umdrehen, ins wohnzimmer gehen und dem mann, der gerade telefoniert oder der an einem aufsatz arbeitet oder in einem buch liest, einen kuss geben wird. hallo andreas.
ich spiele dido, die mit dem gedanken spielt, nicht in stuttgart auszusteigen, sondern bis münchen zu fahren. wer wäre die dido, die in münchen ausstiege, und wer ist die dido, die in stuttgart aussteigen wird? es ist nicht die, die jetzt hier sitzt und schreibt. und die, die das gerade tut, ist eine andere als die, die hinter frankfurt von der stimme des schwarzen sängers getroffen wurde.
und mir fällt die schlussszene aus der ekel ein: roquentin, kurz vor seiner abreise nach paris, dem alles entgleitet, bis ihn ein jazz-song gleichsam in die mitte seines seins bündelt: some of these days you’ll miss me, honey…