echtzeitleben

 

die platte muss an der stelle einen kratzer haben, denn es macht ein komisches geräusch. und da ist etwas, was das herz zusammenschnürt: nämlich, dass die melodie überhaupt nicht von dem leichten krächzen der nadel auf der platte berührt wird. sie ist so weit – so weit dahinter.
jean-paul sartre, der ekel, paris 1938

 
erzählung, 2016/2017, 160 seiten

 

dido, protagonistin aus der grösste himmel und h. wie heimatfilm erzählt in vier kapiteln – vor dem kirschgarten, im kirschgarten, hinter dem kirschgarten, das krakau-experiment – eine neue liebesgeschichte. zeit der handlung ist die jahrtausendwende, das vierte kapitel springt in die gegenwart. die leseprobe (10 seiten im manuskriptformat) beinhaltet teile des ersten kapitels, das krakau und tübingen spielt.
 

leseprobe: echtzeitleben

 

seerosen

vom geöffneten fenster weht es kühl herein.
„meterdicke mauern“, sagt anna, „wie bei einer alten festung.“
ein älterer mann in cremefarbenem anzug setzt sich an einen freien tisch auf der gegenüberliegenden seite des raumes. die kerzen flackern im luftzug. ihr licht reicht nicht bis zur decke, der raum ist höher als tief. der mann, er mag so um die siebzig sein, legt seinen hut neben sein glas und fährt sich mit der hand durchs haar. er sitzt vor einer jugendstillandschaft. rechts oben, in diesem licht nur eben zu erahnen, ist ein fantasieschloss mit einem grossen teich voll von seerosen, der sich bis in die wandmitte erstreckt. der mann wiegt den cognakschwenker in der hand und führt ihn vorsichtig an die lippen. er nimmt einen kleinen schluck und prüft den eindruck mit unbewegtem gesicht. seine hand mit dem glas verharrt dabei auf halber höhe, die andere liegt flach und weiss vor ihm auf der tischplatte. gräser tasten nach seinem arm. blumen wuchern aus der wand, beginnen, ihn zu umschlingen. er verschmilzt mit dem hintergrund, ein trauriger könig zwischen den seerosen. ich will etwas dazu sagen, lasse es aber, weil ich nicht weiss, ob anna es sehen kann. das bild ist nicht beständig. schon löst es sich wieder auf. der alte dandy leert sein glas in einem zug. er nimmt seinen hut und verlässt die kneipe. ich sehe ihn draussen am geöffneten fenster vorbeigehen. seine schritte hallen auf dem kopfsteinpflaster, dann wird der schall von der dunkelheit verschluckt.
ich beginne die geschichte mit dieser szene, weil ich glaube, dass sie alles kommende bereits enhält. eine entscheidung, die auch anders hätte ausfallen können. die taxifahrt zum baikalsee wäre als anfang ebenso geeignet gewesen. oder das mit mit dem bettler in der franziskanerkirche. aber irgendwo muss ich ja anfangen.

münzen

ich versuche mich nicht zu bewegen. ich sehe dem licht zu, das durch die farbglasfenster fällt, an den wänden hinabläuft, bunte lachen auf dem steinboden bildet. der rhythmus gemeinsam gemurmelter worte klingt aus einer seitenkapelle, vielleicht ein vaterunser oder ein ave maria. ich denke an die frommen massen, gestern und vorgestern. die glänzenden augen. die gelb-weissen plastikfähnchen in allen händen. da war kein durchkommen. ich sitze ganz gerade, obwohl das unbequem ist, stemme die füsse fest auf den steinboden, spüre das holz meine wirbelsäule entlang, bis in den nacken. ein mönch schlurft vorbei. müssen mönche so gehen, denke ich. doch dieser tut es wirklich, wie in der name der rose, und ich sehe jorges gesicht vor mir, seine vom gift geschwärzten lippen. schlurfen die mönche auch im buch oder schlurfen sie nur im film? schlurft dieser franziskaner, weil ich gelesen habe, dass mönche schlurfen? vorne in der kirche staubt eine schlampig aussehende frau heiligenfiguren ab. jetzt rückt sie ein paar stühle zurecht, und die kreischen dabei über den steinboden. oben im gewölbe schwebt der, der mit seinem tod den tod getötet hat. zmiluj sie nad nami. was für eine perversion. dann wieder glaube ich, etwas zu verstehen. doch immer schlägt die tür vor mir zu, bevor ich einen blick hineinwerfen kann. dieser eingang war nur für dich bestimmt. ich gehe jetzt und schliesse ihn.
ein junger mann schichtet verstreut im gras liegende steine zu einem haufen. jetzt richtet er sich auf, vor sich das verfallene gemäuer einer kirche, und wischt sich lachend den schweiss von der stirn. ich sehe ihn nach einem streit mit seinem vater aus dem elternhaus fliehen. er dreht sich um, schüttelt die fäuste, läuft weiter. ich sehe ihn, älter inzwischen, allein auf seinem berg. er sitzt lange dort und vielleicht hat er ein messer dabei. es ist september 1224, und als er den berg verlässt, bluten ihm hände und füsse. ist es nur ein kleiner schritt, der mut einer sekunde? oder ist es die harte arbeit, sich fortwährend den eigenen zweifeln auszusetzen, bis etwas – doch was sollte das sein – dabei reift? und jetzt möchte ich die stirn auf das kalte holz der bankreihe vor mir legen. mein kopf wäre ihrem dann nahe. fast würde meine stirn ihren nacken berühren. und ich sehe mich dort, in dieser theatralischen geste. und ich kann es nicht tun. und so drücke ich weiter meinen allmählich schmerzenden rücken gegen die bank.
übrigens ist es recht früh am morgen des 20. juni 1999. ich bin in meinem zimmer im institut in tübingen. durchs fenster fällt strahlender sonnenschein und in einem der grossen bäume vorm gebäude singt ein vogel. natürlich hätte ich dringlicheres zu tun als diese geschichte zu erzählen. ich sollte an meiner dissertation arbeiten, das kapitel über franz von assissi fertigschreiben. über die erfindung des wunders.
die frau in der franziskanerkirche in krakau, die habe ich erfunden. auch wenn ich vor ein paar tagen wirklich dort gewesen bin. nicht alle gedanken, die ich jetzt aufschreibe, habe ich dort gedacht. und nicht alles, was ich dort erlebt habe, werde ich jetzt aufschreiben. ich kann ja immer nur einen ausschnitt wählen.
der bettler zum beispiel. ich habe diese figur, die die realität ins geschehen geschrieben hat, bislang ausgeblendet. genau wie vor ein paar tagen. ich wollte mich wahrnehmen als jemanden, der dort sitzt. und anna in der bankreihe vor mir. ich wollte mich wahrnehmen als jemanden, der sie wahrnimmt. und so habe ich versucht, den dritten, der nicht in die symmetrie meiner wahrnehmung passte, zu ignorieren. natürlich war da auch sonst ein kommen und gehen, vor allem touristen, doch die gehörten so wenig dazu, dass sie (wie die tauben in den strassen) nur aus dem augenwinkel bemerkt wurden. andere, der schlurfende mönch, die schlampige frau, die betenden nonnen vorne am altar, die waren bloss requisiten auf einer bühne, bewegte gegenstände.
mit dem bettler aber ist etwas anders. ich weiss, er wird irgendwann von der seite an mich herantreten. er druckst schon eine weile ein paar schritte entfernt von mir herum, streicht mit seinen schmalen händen über die bankreihen, durchsucht die ablagen für gebetbücher nach liegengebliebenen handtaschen. dann steht er neben mir, beugt sich zu mir herab und spricht mich an. ich verstehe kein wort, sage nein, schüttele den kopf und schliesse, um ihn meine ignoranz spüren zu lassen, einfach die augen. er soll meine womöglich fromme andacht nicht stören. für einen moment ist da noch seine präsenz dicht neben mir, dann geht er weiter. er zieht einen seiner lautlosen kreise durch den grossen raum, um sich wiederum zu nähern und diesmal anna anzusprechen. sie wendet sich ihm zu und fragt ihn etwas. er antwortet leise. sie wechseln mehrere sätze. er scheint etwas zu erklären. sie nickt. dann nimmt sie ihr portemonnaie und drückt ihm münzen in die hand. er bedankt sich und schlurft in den vorderen teil der kirche (ja, auch er schlurft, bettler und mönche, mit gesenktem blick). er steht beim altar, bis ihn die frau mit dem staubwedel aus der kirche vertreibt. nur anna hat ihm etwas gegeben.

rituale

der stets gut gelaunte italiener macht ein zeichen mit der hand. ich nicke. bald wird er mir, wenn ich am frühen nachmittag für eine pause aus dem institut hierher komme, einen milchkaffee bringen, ohne dass ich bestelle. ich bleibe oft länger hier sitzen, lese etwas oder mache mir notizen, und trinke noch ein mineralwasser. auch das wird er mir, vielleicht eine viertelstunde nach dem kaffee, ungefragt bringen. diese verabredung wird den ganzen sommer hindurch gelten, bis im herbst die tische abgebaut werden und das cortina für den winter schliesst. eine kleine verbindlichkeit gegen das ungeordnete verfliessen von zeit. zugleich aber auch eine subtile form von unfreiheit. denn was ist, wenn ich einmal keinen milchkaffee möchte, sondern, aus irgendeiner laune heraus, lust habe auf eine cola? der stets gut gelaunte italiener wird den kaffee zurück in die küche tragen. fortan wird er wieder abwarten, bis ich einen blick in die karte getan habe, und sein breites lächeln wird um eine nuance weniger herzlich ausfallen, denn er hatte geglaubt, mich zu kennen.
am nebentisch sitzt jetzt ein paar. er schweigt. sie erzählt vom spiel, vom publikum, vom programm und von änderungen des programms. er brummelt eine nicht verständliche antwort. sie redet unablässig weiter, ihre hohe stimme und der für mich vollständig uninteressante inhalt ihres geschwäbels dringen auf mich ein, unmöglich, sich dem zu entziehen, und schon spüre ich einen ganz unsinnigen ärger über diese person. ich werde gleich gehen müssen. das ist schade, denn es ist schön hier im halbschatten zwischen den fachwerkhäusern. der kleine kanal plätschert wenn eine taube in ihm badet. die tauben sitzen auf der niedrigen mauer, äugen zögerlich ins wasser, trauen sich zunächst nicht. dann macht eine den anfang, das wasser reicht ihr nur bis an den bauch, davon ist sie angenehm überrascht und wird mutiger, taucht ihren kopf unter, schlägt mit den flügeln, eine nach der anderen landen sie dann im wasser, um zu trinken und zu plantschen, ihr gefieder wird ganz dunkel, tropfen stieben perlend zu seite, wenn sie, durch einen taubengedanken aufgescheucht, auffliegen, ganz so, als durchfahre sie ein kollektives erschrecken darüber, sich in einem fremden element zu befinden – ich höre die frau immer noch, „und die oboe, jessuss, die oboe!“ (oh-boo-ähh) kreischt sie und schlägt sich lachend auf die schenkel. ich sehe kurz zu ihr herüber und weiss, dass ich sie immer hassen werde.
andreas übrigens würde das, wenn ich versuchte, es ihm zu erklären, überhaupt nicht verstehen. das war mal wieder total überempfindlich von dir, würde er sagen. oder kopfschüttelnd: das nimmt ja langsam formen an.
der genuss, in einem fremden land, umgeben von einer fremden sprache zu sein. die umherfliegenden worte nur als klang, inhaltsleer, aufzunehmen – kaa-uuu-schaa, kaa-uuu-schaa – sie lassen das eigene denken in ruh.
„und wenn es zum beispiel strassenbahn bedeutet hätte?“
„dann wäre ich wohl überfahren worden. es sei denn, du hättest mich gewarnt. hättest du mich gewarnt?“
anna überlegt kurz. „vielleicht“, sagt sie.

präzise beschreibung

die erde so fern. felder, wald, strassen, ortschaften. fensterscheiben wie fünkchen blitzend. ein schimmernder flusslauf ist eine unverständliche zeichnung. einzelne wölkchen, dann wolkenfelder, grauweiss, bis zum horizont. dann der horizont, der den blick ins leere stürzen lässt. jetzt meldet sich der pilot, die erreichte reiseflughöhe beträgt knapp elf kilometer und wir sind gerade über prag. zwischen den wolken sehe ich felder, wald, kleine orte. keine grosse stadt. vielleicht war der fluss eben die moldau. die flugzeit wird noch fünfundvierzig minuten betragen, und ich weiss, dass mir das zu kurz sein wird. ich möchte mehr zeit haben in diesem raum zwischen allen möglichen welten.
sie hat ein buch vor sich auf dem ausgeklappten tisch, den zu mir gewandten arm mit dem ellenbogen aufgestützt, den kopf vorgebeugt und auf die unter ihren kurzen haaren halb verborgene hand gelegt. ich sehe ihr im abendsonnenlicht glänzendes haar, ein wenig schimmernden flaum auf ihrer nackenhaut, den ansatz der schulterblätter, die sich in weichen konturen unter ihrem grobgestrickten pullover fortzeichnen. sie legt ihre hand seitlich in den nacken, die finger spielen mit den haaren am hinterkopf, so dass ich ihr gesicht im profil sehe. ich weiss, wie unbeholfen meine beschreibung ist. mir fehlt die übung darin und ich nehme mir vor, das zu ändern.
das flugzeug rüttelt, turbulenzen, mir wird ein wenig schummrig, ein leichter druck im kopf und auf den ohren. unten ist eine grosse strasse, die autos sind winzige rechtecke. ich habe noch nie darauf geachtet, wieviele details man von hier aus erkennt. sonnenstrahlen fallen jetzt fast waagerecht durch eine wolke. lichtfinger. schattenfinger. wir fliegen eine kurve und sinken, immer noch in kurvenlage. ein greller strahl schiesst an annas kopf vorbei und trifft mich, ich schliesse die augen, blinzle, und da ist für einen moment nur dieses weiss. als ich wieder hinaussehen kann, kommt alles näher, die dimensionen verändern sich. unter uns schwebt eine bunte scheibe, wird grösser, wird dreidimensional, es ist ein heissluftballon. wieder kippt die erde zur seite, wolken und himmel nehmen ihren platz ein, mir ist inzwischen richtig schwindlig, dazu der kopfschmerz, pochende schläfen. ja, da kommt die durchsage: wir sind im landeanflug auf stuttgart. ich will noch nicht landen. ich will weiter fliegen, in den abend, in die nacht. mit anna, die auf der anderen seite des ganges am fenster sitzt und ganz konzentriert in ihr buch schaut, die mich vergessen hat (das wünsche ich), und dennoch dort ist, damit ich sie ansehen kann. damit ich lernen kann, sie präziser zu beschreiben. die erde kommt näher. müssen wir landen? keine angst, nein. diesmal habe ich habe fast gar keine angst. übrigens erstaunt es mich nicht, mich in eine frau verliebt zu haben.

 
 
 
bild oben: susanne soldan