felder und weiden

 

es klang zuweilen, als fände inmitten des rauschens eine weit entfernte unterhaltung statt…

 
 
kurzgeschichte // 2013

ein technischer defekt. dachte sie zunächst. dann lief sie von wagen zu wagen und zog einen roten griff nach dem anderen.
sie hatte sich oft vorgestellt, wie sie den zug auf freier strecke, oder, wenn es ihr gelänge, genau den richtigen zeitpunkt abzupassen, vielleicht sogar in einem bahnhof, obwohl sie sich nicht erinnern konnte, wann der zug zum letzten mal durch einen bahnhof gefahren war, wie die notbremse also den zug zum halten bringen würde, denn das war die funktion einer solchen bremse, einen zug, unabhängig von der entscheidung eines schaffners oder eines lokführers, zum halten zu bringen, sie hatte sich also ausgemalt, wie es wäre, wenn sie den roten griff, irgendeinen dieser roten griffe, gezogen hätte, irgendwo in diesem zug, denn die gab es ja in jedem wagen, praktisch in jedem abteil, wenn sie durch das betätigen einer solchen bremse den bremsvorgang eingeleitet hätte und, sich festhaltend, nun darauf wartete, dass der zug ausrollen und schliesslich zum stehen kommen würde. wie es wäre, wenn sie dann die tür, irgendeine dieser vielen türen, egal auf welcher seite des zuges, öffnete. ausstiege. oder, falls sich die türen nicht öffnen liessen, wie sie dann mit einem dieser kleinen roten hämmerchen, die sich, ebenso wie die notbremsen, in fast jedem abteil befanden, jeweils in kopfhöhe waren sie angebracht, und auch sie waren mit dem hinweis versehen, dass ein missbrauch strafbar sei, aber das war es ja nun wirklich nicht, alles andere als das, einen triftigeren grund, den zug anzuhalten, konnte es ja gar nicht geben, wie sie nun also, weil die türen sich nicht öffnen liessen, mit einem dieser komisch geformten kleinen hämmerchen eine fensterscheibe einschlüge und ins freie kletterte, und dieses freie wäre möglicherweise ein bahndamm inmitten von feldern, über denen, denn es scheint früher morgen zu sein, nebel hängt.
und da rollen ein paar schottersteine mit ihr, als sie hinunterklettert. dann ist sie auch schon am rand des feldes. auf dem weg zwischen bahndamm und feld, vom feld durch einen stacheldraht getrennt, der locker und in unregelmässigen abständen an groben holzbalken angenagelt ist. weniger, so scheint es, um jemanden davon abzuhalten, das feld zu betreten, als vielmehr um eine grenze zu markieren. oder vielleicht auch um die tiere, kühe wahrscheinlich, beieinander zu halten. aber da sind keine kühe auf der weide. denn um eine solche handelt es sich. es ist eine weide und kein feld. sie bemerkt, dass sie, am stacheldraht entlang gehend, zum ersten mal über diesen unterschied nachdenkt. zwischen feldern und weiden. dabei ist er so offensichtlich. vor allem aber bemerkt sie, wie sehr sie das gehen geniesst. die steine und die erde unter den fusssohlen. und dann das gras. denn jetzt hat sie den stacheldraht vorsichtig heruntergedrückt und ist, darüber hinweg, vom feldweg auf die weide gelangt, weil das gras sie angelockt hat, genauer die tautropfen, die an den spitzen der gräser funkeln. und jetzt streift sie nicht mehr nur mit den füssen hindurch, jetzt liegt sie schon inmitten dieses nassen grüns, badet im morgentau, und erst als sie zu frösteln beginnt, denkt sie, dass es vielleicht nicht so eine gute idee gewesen ist, unbekleidet aus dem zugfenster zu steigen.
sie dreht sich um. da steht der zug. sie fühlt sich erfrischt genug, also den bahndamm wieder hinauf, zurück durch das fenster, und ihren koffer suchen. was aber, wenn der zug dann anrollt? was, wenn sie wieder in ihm ist und er dann weiterfährt? und während sie spürt, wie diese sorge grösser wird, sieht sie, rücklings im gras liegend, auf die ellenbogen gestützt, zum bahndamm schauend, dass der zug tatsächlich beginnt, sich in bewegung zu setzen. so langsam, dass es zunächst eine täuschung sein könnte. so langsam, dass es ihr wie eine einladung vorkommt. und sieht sie richtig? steht da nicht sogar eine tür offen? ja, es ist die tür am hinteren ende des speisewagens, sie muss also gar nicht durch das fenster, sie kann, während der zug sich immer noch kaum merklich vorwärts bewegt, ganz bequem durch die offene tür einsteigen. aber sie zögert. und je länger sie zögert, desto schneller wird der zug. schon kann sie die geöffnete tür kaum noch rechtzeitig erreichen, da bleibt nur das eingeschlagene fenster. doch auch dieser wagen gleitet heran und sie ist noch immer nicht aufgestanden. noch einmal denkt sie an ihren koffer. und jetzt sieht sie, wie lang der zug ist. und er beschleunigt weiter, an ein aufspringen ist nicht mehr zu denken, sie kann nur noch dabei zusehen, wie er, immer noch völlig geräuschlos, vorüber gleitet. das war jetzt, endlich, der letzte wagen. die roten schlusslichter verschwinden im nebel. erst allmählich beginnt sie, die geräusche um sich herum wahrzunehmen. es summt in der luft. etwas weiter entfernt zwitschert ein vogel. dann krabbelt ein kleiner käfer über ihren fuss. seine beinchen kitzeln sie und sein chitinpanzer schimmert grünlich in der morgensonne, die den sich allmählich auflösenden nebel durchdringt.
ein technischer defekt, dachte sie. dann lief sie von wagen zu wagen und betätigte alle notbremsen. es war niemand da, den sie hätte fragen können. die mitreisenden waren an den letzten stationen ausgestiegen. der schaffner unauffindbar. schliesslich war auch der kellner des bordrestaurants nicht mehr im bordrestaurant. auf den toiletten gab es wasser, seife und papier. die klimaanlage schnurrte leise. nur die heizung war zu hoch eingestellt. vor den fenstern wechselten helligkeit und dunkelheit einander ab. wenn es dunkel wurde, schaltete sich zuverlässig die innenbeleuchtung ein. und wenn sie, aber das tat sie nur noch selten, den hörer der sprechanlage im dienstabteil abnahm, klang es zuweilen, als fände inmitten des rauschens eine weit entfernte unterhaltung statt.

 

 
 
 
bild oben: jagna anderson