felder und weiden

 

…dann klang es, als fände inmitten des rauschens eine weit entfernte unterhaltung statt

 
 
felder und weiden. kurzgeschichte
(6 manuskriptseiten)
 
 
ein technischer defekt
(einatmen)
dachte sie zunächst
(ausatmen)
dann lief sie von wagen zu wagen und zog einen roten griff nach dem anderen
(tief einatmen)
sie hatte sich oft vorgestellt wie sie den zug auf freier strecke oder wenn es ihr gelänge genau den richtigen zeitpunkt abzupassen vielleicht sogar in einem bahnhof obwohl sie sich nicht erinnern konnte wann der zug zum letzten mal durch einen bahnhof wie die notbremse also den zug zum halten denn das war die funktion einer solchen bremse einen zug unabhängig von der entscheidung eines schaffners oder eines lokführers zum halten zu bringen hatte sich also ausgemalt wie es wäre wenn sie den roten griff irgendeinen dieser roten griffe irgendwo in diesem zug denn die gab es ja in jedem wagen praktisch in jedem abteil wenn sie durch das betätigen einer solchen bremse den bremsvorgang eingeleitet und sich festhaltend nun darauf wartete dass der zug ausrollen und schliesslich zum stehen kommen würde
(ausatmen. tief einatmen)
wie es wäre wenn sie dann die tür irgendeine dieser vielen türen egal auf welcher seite des zuges öffnete ausstiege oder falls sich die türen nicht mit einem dieser kleinen roten hämmerchen die sich ebenso wie die notbremsen in fast jedem in kopfhöhe waren sie angebracht und auch sie mit dem hinweis dass ein missbrauch strafbar aber das war es ja nun wirklich nicht alles andere als das einen triftigeren grund konnte es ja gar nicht wie sie nun also weil die türen sich nicht öffnen liessen mit einem dieser komisch geformten hämmerchen eine fensterscheibe und ins freie und dieses freie wäre möglicherweise ein bahndamm inmitten von feldern über denen es scheint früher morgen zu sein nebel hängt
(ausatmen. pause. können sie noch?)
und da rollen ein paar schottersteine mit ihr als sie hinunterklettert
(tief einatmen)
dann ist sie auch schon am rand des feldes auf dem weg zwischen bahndamm und feld vom feld durch einen stacheldraht getrennt der locker in unregelmässigen abständen an groben holzbalken weniger so scheint es um jemanden davon abzuhalten das feld als vielmehr um eine grenze zu markieren oder vielleicht auch um die tiere kühe wahrscheinlich beieinander aber da sind keine kühe auf der weide denn um eine solche handelt es sich es ist eine weide und kein feld
(ausatmen. sie machen das sehr gut)
sie bemerkt dass sie so am stacheldraht lang zum ersten mal darüber
(einatmen)
nachdenkt
(ausatmen)
über diesen unterschied
(einatmen)
zwischen feldern und weiden
(ausatmen)
dabei ist er so offensichtlich
(einatmen)
vor allem aber bemerkt sie wie sehr sie das gehen geniesst
(das, was sie da hören, das ist nur ihr herzschlag)
steine und erde unter den fusssohlen und dann das gras jetzt hat sie den stacheldraht vorsichtig herunter und ist darüber hinweg vom feldweg auf die weide weil das gras sie lockt genauer die tautropfen die an den spitzen funkeln jetzt streift sie nicht mehr nur mit den füssen hindurch hindurch hin jetzt liegt sie inmitten dieses nass und erst als sie zu frösteln beginnt
(kein grund zur besorgnis. ausatmen)
dass es vielleicht nicht so eine gute idee
(bitte weiter ausatmen)
unbekleidet
(einatmen)
sie dreht sich um
(ausatmen)
da steht der zug
(und ganz tief einatmen)
sie fühlt sich erfrischt also den bahndamm hinauf zurück durch das fenster und ihren koffer was aber wenn der zug dann was wenn sie wieder und er weiter während sie spürt wie die sorge grösser und grösser sieht sie rücklings im gras den zug so langsam dass es eine täuschung so langsam dass es wie eine einladung und sieht sie richtig eine tür offen ja am ende des speisewagens also nicht durchs fenster sie kann während der zug so langsam kaum merklich ganz bequem durch die tür sie zögert zögert sie zögert ja je länger schneller wird der zug schon kann sie nicht mehr bleibt nur das eingeschlagene und denkt an ihren koffer und jetzt sieht sie wie lang und völlig geräuschlos vorüber der letzte wagen die roten schlusslichter die roten lichter
(wo sind sie?)
verschwinden im nebel
(atmen sie!)
allmählich beginnt sie die geräusche
(atmen sie!)
um sich herum wahrzunehmen
(atmen sie!)
es summt in der luft
(atmen sie!)
etwas weiter entfernt zwitschert ein vogel
(atmen sie!)
dann krabbelt ein kleiner käfer über ihren fuss und
seine beinchen kitzeln sie
sein chitinpanzer
grünlich
(weiter atmen)
schimmert in der morgensonne
die den nebel durchdringt
(gut)
ein defekt
ein technischer defekt
dachte sie zunächst
(gut)
dann lief sie von wagen zu wagen und betätigte alle notbremsen
(sie machen das sehr gut)
es war niemand da. den sie hätte fragen können. die mitreisenden waren ausgestiegen. der schaffner unauffindbar. auch der kellner des bordrestaurants war nicht mehr im bordrestaurant. auf den toiletten gab es wasser, seife und papier. die klimaanlage summte. die heizung war zu hoch eingestellt. vor den fenstern wechselten helligkeit und dunkelheit einander ab. wenn es dunkel wurde, dann schaltete sich zuverlässig die innenbeleuchtung ein. und wenn sie, aber das tat sie nur noch selten, den hörer der sprechanlage im dienstabteil abnahm, dann klang es zuweilen, als fände inmitten des rauschens eine weit entfernte unterhaltung statt.

 

 
 
 
bild oben: liesenbrücke, wedding, berlin (jagna anderson, bearb. dodi h.), entstanden beim walking-art-projekt w//e