fern-nah

ein ort ist also eine momentane konstellation von festen punkten. er enthält einen hinweis auf eine mögliche stabilität. […] ein raum [hingegen] entsteht, wenn man richtungsvektoren, geschwindigkeitsgrößen und die variabilität der zeit in verbindung bringt. (michel de certeau, kunst des handelns)

FERN-NAH – ein performatives raumkonzert in der alten lichtenberger pfarrkirche, loeperplatz, berlin

10. mai 2019, 19:00 & 11. mai 2019, 15:00

dauer: ca. 50 min.

konzept & performance: WAH (weber – anderson – helschinger)
jagna anderson: stimme, diverse klangerzeuger
dodi helschinger: elektrische gitarre, stimme
anja weber: bass-synthesizer, diverse klangerzeuger, elektrische gitarre

technische assistenz: karin weissenbrunner
foto-dokumentation: mariya boyanova

videotrailer (siehe seitenende/ see end of page): anja weber

ort + klang + licht + bewegung = raum
dodi h.: (vor-)überlegungen zu FERN-NAH

der klang: der ort wird ausgelotet. sein gegenwärtiger pragmatismus offenbart klangwinkel u. tonspalten, fenster in die vergangenheit. die musik verschachtelt die ebenen, dehnt den ort zum raum, lässt ihn zusammenschnurren. wievielstimmig kann dreistimmig sein? wie akustisch ist elektrisch? wie analog ist digital? wie unmittelbar der klang durchs mikrofon, das schwingen der membrane? synchron u. ungleichzeitig, crescendo u. diminuendo. pause. längere pause: stille. die musik ist mathematisch wie der raum. sie ist zulassend u. unmittelbar. sie macht sich die gegebenheiten zu nutze. sie setzt akzente, lenkt das ohr wie etwas sichtbares den blick lenkt. der klang ist mobil. er interagiert mit dem licht u. der architektur. er affiziert. verklangkörperung u. wertschätzung des ephemeren (entgegen der stets scheiternden absicht eines kirchengebäudes). abstraktion. transparenz.

das licht: der ort hat sein eigenes licht. er macht sich selbst sichtbar. er wird gesehen. wird dadurch zum möglichkeitsraum. das scheinbar statische des hier u. jetzt erweist sich als porös, fragil, bewegt: weite nähe hinten vorne rechts links oben unten: das licht differenziert, proportioniert, relationiert. misst den raum aus. licht u. klang gleichen sich darin.

die bewegung: nicht die körper bewegen sich (auch wenn sie sich bewegen), sondern sie bewegen den raum um sich herum: den klangraum lichtraum zeitraum zuhörerraum gegenwartsraum möglichkeitsraum. die bewegungen sind zweckgerichtet. absichtsvoll. klar. sie sind weder beliebig, noch erzählen sie eine geschichte. die körper sind nicht figuren noch individuen, nur ausführende einer raumklangbewegung.

der raum: klang licht bewegung ereignen sich in einem von ihnen definierten raum. dieser (neue) raum interagiert mit den (vormaligen) gegebenheiten des ortes. ort u. raum können sich aneinander reiben: brüche risse fugen dissonanzen. ort u. raum können sich bis zur verschmelzung überlappen: harmonie (d.h. die gefahr des statischen). alles ist eher ephemere installation als freies spiel. zufall wäre das gegenteil dessen.

der hintergrund (aus dem presse-text zum projekt)
unsere beschäftigung mit verschiedenen zeit-räumen führte uns zur figur der marguerite porete. als mystikerin war marguerite eine lehrerin und rebellin, die der hierarchischen mittelalterlichen institution der kirche eine radikal auf liebe beruhende ethik entgegenstellte, wofür sie 1310 auf dem scheiterhaufen verbrannt wurde. In FERN-NAH führen wir die figur der marguerite in die etwa „gleichaltrige“ lichtenberger pfarrkirche, um die art und weise, wie die vergangenheit im jetzt präsent ist, zu reflektieren: sie ist uns als spur, als phantasiegebilde, als projektion, als überlagerung, als aura, als echo, als fragment gegeben. diese qualitäten „geschichteter“ zeit, die verschiedene ebenen, einschließlich des „jüngstvergangenen“ (w. benjamin), der gegenwart und der zukunft, zu einem dichten palimpsest verwebt, sind in der alten lichtenberger pfarrkirche besonders ausgeprägt: der mittelalterliche grundriss und die umfassungsmauer sind ein fernes echo der vergangenheit des gebäudes, das, mehrfach umgebaut und verändert, im letzten krieg zu 80% zerstört wurde. in „wiederaufbau“ und „regotisierung“ wurde die kirche auf einen imaginierten ursprung zurückgeführt. diese imagination des mittelalters ist selbst zu einer historischen schicht geworden, die den geschmack der 50er-60er jahre spiegelt und ein zeugnis der materiellen kultur und der denkmalpflegerischen ansätze in der ehemaligen ddr ist.

das kunstkollektiv WAH arbeitet seit 2016 an der schnittstelle von tanz/choreographie, soundart, digitalart, video, extended voice und experimenteller musik. anja weber, jagna anderson und dodi helschinger verbindet das interesse an einem choreographischen verfahren, das ein transdisziplinäres kontinuum aus analogen und digitalen künstlerischen ausdrucksformen in raum und zeit organisiert.

projektförderung: das projekt wurde gefördert durch den bezirkskulturfonds lichtenberg und das amt für weiterbildung und kultur – fachbereich kunst und kultur – des bezirksamts lichtenberg. mit unterstützung durch die evangelische kirchengemeinde lichtenberg.

 

videotrailer (ca. 10 min.):