harrys frau

 

„the marvellous thing is that it’s painless“, he said.
„that’s how you know when it starts.“

e. hemingway, the snows of kilimanjaro

 
kurzgeschichte
 

nachdem das paar mit dem kleinkind ausgestiegen ist, sind sie nur noch zu fünft im wagen. die vier jungs sitzen an einem ende, jeweils zwei einander gegenüber, dicht zusammengerückt und nach vorne gebeugt, so dass man nicht sehen kann, womit sie sich beschäftigen. der mann sitzt in der mitte des wagens und summt. er dreht eine locke zwischen den fingern und tippt den takt einer melodie mit dem linken fuss. seine plastiklatsche macht ein schmatzendes geräusch. da ist etwas zwischen plastik und fusssohle. womöglich ein glassplitter. aber er will jetzt lieber nicht nachsehen. und dann dreht auch schon einer der jungs den kopf und mit dem kopf den oberkörper in seine richtung, streift mit einem blick an ihm entlang, so von oben nach unten, und nimmt ihn ganz in sich auf mit diesem blick. und dreht sich wieder zu den anderen. sie balgen sich um etwas, ein kleiner gegenstand, einer greift danach, will aufstehen, die anderen ziehen ihn zurück. so geht es hin und her, sie kichern und tuscheln dabei und sehen immer wieder zu ihm herüber. der mann hört auf zu summen. er denkt an den glassplitter. und dann denkt er an den kerl in afrika. wie der da vor dem zelt auf seinem feldbett liegt und sich betrinkt. als die u-bahn an der jannowitzbrücke hält, sieht eine frau in blauem sommerkleid in den wagen hinein. sie sieht die vier jungs auf der einen seite und den mann in der mitte und geht weiter. das hätte harrys frau auch so gemacht, denkt der mann. harry, das ist dieser kerl in afrika. und dessen frau würde auch nicht in einen wagen steigen, in dem sie allein mit einem fremden und vier jungs wäre. er hat nie verstanden, warum harry sie die ganze zeit über anpöbelt. sie kann ja nichts dafür, dass er den kratzer am knie nicht ernst genommen hat. und vor allem kann sie nichts dafür, dass er so ein versager ist. und dabei hat sie nichtmal einen namen. die vier jungs sitzen jetzt ganz ordentlich, alle in einer reihe, in der mitte des wagens, dem mann gegenüber. sie haben, bis auf den mit dem smartphone, die flachen hände auf den oberschenkeln abgelegt und sehen den mann an. der mann sieht die vier jungs an. erst die drei mit den händen auf den oberschenkeln. dann den vierten, der das alles filmt. dann sieht er auf seinen fuss. und dann erinnert er sich. helen. so heisst harrys frau.
„harry hat eine scheissangst vor allem“, sagt der mann. „das ist es, womit er nicht klarkommt. bis zum schluss. bis zu der sache mit dem flugzeug. und die geschichte wäre sowieso viel besser“, fügt er, bereits leiser werdend, hinzu, „wenn hemingway das ende offen gelassen hätte.“

 
 
 
bild oben: jagna anderson