marek

wie diese nacht duftete. ich glitt abwärts. im schatten. dicht an der fassade entlang

 
marek. kurzgeschichte
(9 manuskriptseiten)
 

nasses tierfell. ich lockere die krawatte und stecke mir noch eine zigarette an. mein spiegelbild atmet aus. rauch steigt zur decke. wird von den blättern des ventilators, tropenholz mit messingbeschlag, zerstückelt. ich spüre schweiss im nacken und unter den achseln. der junge hinter der bar bleckt lächelnd eine reihe schneeweisser schiefer zähne. ich sehe ihn lange an und er weicht meinem blick nicht aus.
„what’s your name?”
„marek.“
meine hose klebt auf dem kunstledersitz. der ventilator wirbelt die verbrauchten luftschichten durcheinander. ich rolle die silben im mund hin- und her wie eine cocktailkirsche. ma-rek. ke-ram. ma-rek. ke-ram.

    „niespotykanie upalne lato, nawet jak na warszawe.”
    ich verstand den taxifahrer zunächst nicht, nickte dann, ja, es ist warm, sagte ich und forderte ihn auf, mich zu irgendeinem guten hotel zu fahren. unsere blicke begegneten sich im rückspiegel. er machte überflüssige bewegungen mit den augenbrauen. bevor er mich fragen konnte, ob ich geschäftlich oder privat in warschau sei, lehnte ich mich zurück und liess die vorübergleitenden lichter an der innenseite meiner augenlider tanzen. die fahrt machte mich schläfrig. die ungeduld, die sich während des fluges angestaut hatte, fiel von mir ab. ich hoffte, er würde umwege fahren, um den preis nach oben zu treiben. er könnte mich, ich hatte solche geschichten gehört, auch entführen. oder schlimmeres. ich bin gut gekleidet. ich reise mit wenig gepäck. ich mache genau den eindruck, den ich machen will. ich öffnete die augen und betrachtete den ausschnitt seines gesichts im spiegel. natürlich würde er mich nicht entführen. das wusste ich bereits beim einsteigen. ebenso wie ich wusste, dass er es nicht war, den ich hier suchte. nach einer viel zu kurzen fahrt verlangte er einen angemessenen preis und ich gab ihm ein unangemessen hohes trinkgeld. er lachte. der motor heulte auf und der wagen sprang in die nacht zurück.

der geruch von nassem fell wird mareks hand noch anhaften, wenn er den muffigen lappen längst wieder in die pfütze neben der spüle geworfen hat. der geruch ist jetzt auf dem feuchten mahagoni vor mir. wermut, bourbon, nasses tier. ob er sich die hände wäscht, wenn seine schicht hier zuende ist?

    ich schrieb einen namen auf, legte einen dazu passenden ausweis vor und verlangte ein zimmer mit doppelbett. der mann am empfang sah auf seine armbanduhr und verkniff sich einen kommentar. ich ging zu fuss nach oben. auf den treppen und in den fluren glomm die notbeleuchtung. ich spürte die anwesenheit vieler menschen. ihr schlaf kroch unter den türspalten hindurch und verdichtete sich um mich herum zu einer amorphen masse. es fiel mir zunehmend schwer, einen fuss vor den anderen zu setzen.

marek spiesst ananasstücke auf bunte plastikstäbchen. er tut das mit der konzentration eines kindes, das nadeln durch käferrücken bohrt. er stellt die stäbchen in hochstielige gläser, deren rand er zuvor in zitrone und dann in zucker getaucht hat, so dass sich eine klebrige, angeschmolzene kruste bildet. das eis im shaker rasselt. er mixt gekonnt. er scheint sich dabei zu langweilen.

    das zimmer war modern und nichtssagend. es entsprach meinen erwartungen. ich hängte please do not disturb von aussen an die klinke. ich öffnete das fenster. unterhalb der kulisse aus autohupen, musik und stimmen war ein rhythmisches wummern und brausen. wenn es in dieser stadt ein herz gab, dann schlug es unweit. die geräusche auf der strasse ebbten für einen moment ab. nur das stakkato auf dem pflaster klackernder absätze blieb, unterlegt von den dumpfen wallungen des blutstromes, der, wie ich jetzt merkte, mein eigener war.

seine haut ist nicht viel sonne gewohnt. das glänzende schwarz der haare ist so künstlich wie die lässige haltung, mit der er dort am spiegelschrank mit den beleuchteten flaschen lehnt, eine halbgerauchte zigarette im mundwinkel. er strahlt eine dumpfe zufriedenheit aus. doch wenn er sich unbeobachtet glaubt, blitzt etwas in seinen augen. eine zornige sehnsucht danach, all das hier hinter sich zu lassen. er ist ein gutaussehendes klischee. das gefällt mir.

    die matratze war fest. das bettzeug roch nach hotelwäscherei. ich öffnete den koffer und nahm die folie heraus. ich faltete sie auseinander und breitete sie aus. die losen seiten schlug ich unter der matratze ein. am durchsichtigen plastik klebte ein fremdkörper. ein kurzes, gekräuseltes haar mit einem weisslich-gelben fortsatz an einem ende. ein talgklümpchen oder die ausgerissene wurzel. ich roch daran. madrid. ich liess es aus dem geöffneten fenster fallen. die warme nacht trug es davon.

„where you from?”
ungewöhnlich, dass er mich anspricht. seine rolle hinter der bar ist es, angesprochen zu werden. vielleicht irritiert ihn die ausdauer, mit der ich hier über meinem dritten manhattan sitze. vielleicht spürt er meinen blick wie eine berührung. vielleicht ist es auch bloss die langeweile, die ihn zur neugierde treibt.

    den hut aufs bett. das oberhemd auf einen bügel. das nachtfarbene jackett darüber. den bügel mit jackett und hemd an die schranktür. die hose dazu. unten die schuhe, budapester, das leder blank poliert. ein doppelter windsor in die paisleygemusterte seidenkrawatte. die hemdärmel ragen genau einen zentimeter aus den jackettärmeln heraus. ich trat einen schritt zurück. es sah jetzt aus, als stünde da noch jemand vor dem schrank. die silbernen manschettenknöpfe glänzten in der gänzlich stimmungsfreien hotelzimmerbeleuchtung.

„i’m from spain. hiszpania.“
„yes, you do look spanish.”
„from madrid. you know madrid, marek?“
„no. never been anywhere. but i will also travel. all the world. sobie na to pozwolic.“
„when you can afford. i understand.“

    ich liess das kleid auf den boden gleiten. ich rasierte mir den schädel. die schwarzen locken fielen ins waschbecken. dann stand ich unter der dusche. das heisse wasser wusch schicht um schicht von mir ab. ich streichelte den weichen körper. die zarten schultern. die schweren brüste. das tiefe geschlecht.

mareks haut wird sich anfühlen wie unbeschriebenes papier.

    dann lag ich auf der folie und die nachtluft trug den duft der stadt zu mir herein. ich spielte mit dem gedanken, bereits jetzt weiter zu gehen. doch ich wusste, die anstrengung wäre zu gross. allmählich wurde es hell. duschen rauschten. toilettenspülungen. ein summender fahrstuhl. menschen bereiteten sich auf den neuen tag vor. auf dem flur hustete jemand lange und gequält. der husten ging in ein keuchen über. ich drehte das radio lauter.

manchmal findet man briefpapier von genau dieser qualität und farbe. kaum dunkler als chamois. kühl, sanft strukturiert und erwartungsvoll. mareks haut schmiegt sich eng und elastisch um seine knabenhafte, fast noch unfertig erscheinende gestalt. ich schreibe meine zimmernummer auf.

    lichtfinger griffen nach den vorhängen. tasteten die wände ab. ich lag reglos. ich wusste, dass diese wahrnehmung ein symptom war. ich atmete tief und langsam. ein – aus – ein – aus. ich dehnte die intervalle auf minuten. die lichtfinger zogen sich zurück. der tag verging. in die abenddämmerung mischte sich ein neongrün, ein pulsierendes blau, ein grelles, doch harmloses weiss. meine haut löste sich mit einem schmatzenden geräusch von der folie. sie hinterliess einen abdruck, wie ein hauch an einer beschlagenen glasscheibe.

den mittelfinger auf dem zettel abgesetzt, zieht marek ihn wie eine belanglosigkeit zu sich heran, wirft einen kurzen blick darauf und steckt ihn dann mit der andeutung eines lächelns in die brusttasche seines schneeweissen hemdes.

    ich zog mich an. zum schluss rückte ich die krawatte zurecht und legte meine hand kurz auf die wölbung im schritt, wo sich das suspensorium befand. ich trat ans fenster. wie diese nacht duftete. ich glitt abwärts. im schatten. dicht an der fassade entlang.

ich lege einen geldschein neben mein leeres glas und gehe.

    das erste geräusch, als ich unten auf der strasse war. stöckelschuhe auf dem asphalt. zwanzig schritte hin und zwanzig schritte her. schlanke fersen in netzstrumpfhosen. ein zu kurzer rock. ein seitwärts geneigter kopf auf der anderen strassenseite. ein mann, der sich zigaretten anzündete, eine an der anderen. er traute sich nicht, also stand er da und glotzte. die frau rief ihm etwas zu und er ging rasch davon. ich folgte ihm eine weile durch ein gewirr von seitenstrassen und verlor rasch das interesse.

    mein blick fiel auf zwei, die sich küssten. die beine leicht auseinandergestellt, seine hände zu beiden seiten ihres kopfes flach an der hauswand, wühlte ein junger mann mit seiner zunge im mund einer jungen frau als wollte er sie verschlingen. sie zog, die hände in den gesässtaschen seiner jeans, seinen unterleib zu sich heran. stiess ihn weg. zog ihn wieder an sich. sie lösten sich voneinander und ein paar worte flatterten unverständlich zu mir herüber. ich zögerte vielleicht eine sekunde zu lang. es war noch nicht so weit. ich liess sie ziehen.

    das ritual am eingang eines clubs. der zerberus an der tür, gesicht und pranken einer bulldoge. er gestattete einigen den zutritt, andere wurden angeknurrt. gab es eine regel dafür? oder war es nur die laune des wächters? die abgewiesenen trugen ihr schicksal mit fassung. diese nacht war viel zu lau, um ohne hoffnung zu sein.

    ich dachte an das haar. wie es von der abendluft davongetragen wurde. ich dachte an das kleine gelbweisse klümpchen am ende dieses haares. und dann kam die angst. was, wenn ich niemanden fand? könnte ich einen weiteren tag, wartend wie den vergangenen, ertragen? ich sah mein spiegelbild in einer schaufensterscheibe. der perfekte anzug. das vom hut verschattete gesicht. wie alt das alles war. ich wandte mich rasch ab.

    „steigen sie ein.“
    „ich habe kein taxi gerufen.“
    „ich fahre sie. sie haben mich bereits bezahlt. erinnern sie sich?“
    „wie haben sie mich erkannt?“
    „solche leute wie sie, die zahlen immer im voraus. ich weiss, wonach sie suchen. ich bringe sie zurück zum hotel. der junge hinter der bar. sein name ist marek.“
    ich stieg ein, lehnte die stirn an die kühle fensterscheibe und schloss die augen. die vorübergleitenden lichter tanzten an der innenseite meiner augenlider. ich rollte den namen in meinem mund hin- und her wie eine cocktailkirsche.

jetzt liege ich auf der folie. ich warte. die nachtluft trägt den duft der stadt zu mir herein. ma-rek. ke-ram. ma-rek. ke-ram. neongrün. pulsierendes blau. weiss. es klopft.
„the door is open. come in.“

 
 
bild oben: allee der kosmonauten, berlin (susanne soldan, bearb. dodi h.), entstanden bei einem pure-walk