p.u.r.e.

the act of walking is to the urban system what the speech act is to language or to the statements uttered.
michel de certeau, the practice of everyday life, 1984

 
 
p.u.r.e.-walk: mehringplatz, berlin
(sommer 2016, text: dodi h.)

darüber gibt es zu erzählen: diese krasse architektur. dazu ein wind, der durch die schneisen bläst. diese fluchten. die blicke durch eine glastür zur nächsten, mit nichts als der ahnung eines dunklen treppenhauses dahinter. und das wiederholt sich, scheint es, endlos.
die rundungen der wände wie nachträglich zu einem kreis zusammengebogen. das grüppchen arabischer jungs, die steine kickend zu uns herübersehen. wir fallen auf. sind verhaltensauffällig. und wir passen uns zugleich immer wieder irritierend ein in dieses umfeld. man bemerkt uns als gruppe, auch wenn wir uns auseinander bewegen und auf distanz miteinander kommunizieren. gesten, die gespiegelt werden, blicke, die einander gelten. die art zu stehen, zu gehen. unvermittelt loszulaufen. eine formation zu bilden. wir sind unberechenbar und unverrechenbar ins uns umgebende. wir sind eine offene frage.
dabei tun wir nichts. vor allem nur spüren wir. wir lauschen. wir tasten mit allen weit geöffneten sinnen. wir fahren die filter herunter, versuchen, nichts auszublenden. wir nehmen wahr. wir sind unsere wahrnehmung.
die rote plastiktüte, die im wind über die baustelle tanzt. die eine zweite tüte trifft, eine weisse, und jetzt tanzen sie zusammen. das geräusch der rolltreppe, die aus dem u-bahntunnel herauffährt. jetzt bleibt sie stehen. die stille, die dieses stehenbleiben erzeugt, pflanzt sich fort bis in meinen körper. ich stehe still. der trinker am eingang zur u-bahn stutzt, weil ich stehe ohne ziel und etwas betrachte, was für ihn nicht existiert. dann sieht er maria. die stille der rolltreppe hat sie auf halbem wege nach oben erstarren lassen, den kopf leicht geneigt, als würde sie lauschen. der trinker schüttelt den kopf, wir sind ein störfaktor in seinem dauerrausch. wasndasfürnescheisse mumelt er, halb zu sich selbst. schlurft weiter. die rolltreppe fährt wieder an, und ich bewege mich, synchron mit maria, die jetzt die steinstufen heraufkommen kann, als habe sich ein bann gelöst.
unser schwarm vereinigt sich an einem papierwarenladen kurz vor geschäftsschluss. die verkäuferin hinter der schaufensterscheibe sieht aus, als würde sie fortwährend seufzen. warum stehen fünf frauen vor der auslage, wo es doch gar nichts zu sehen gibt? wir gehen weiter. dazu bedarf es keiner absprache. während eines walks sprechen wir nicht. wir geben uns keine offensichtlichen zeichen. wir orientieren uns aneinander ohne einander zu führen. wir mäandern, schwärmen aus. umspielen die bausubstanz, finden orte.
unser spiel ist nicht nur teil des raumes, es verändert ihn auch. wenn wir uns bewegen, bewegt sich die stadt um uns herum. das halb verfallene parkhaus. rost, graffiti, gebüsch, das geborstenem stein entspringt, direkt an die wohnblöcke geschmiegt. der mann auf dem angrenzenden parkplatz sieht immer wieder in richtung der bewegung, die wir im sonst menschenleeren raum zwischen den bunt bemalten betonpfosten erzeugen. dann begibt er sich zwischen uns und seine verschleierte frau, die den kinderwagen schiebt, als sei er nicht sicher, ob er seine familie schützen müsse.
dieses ganze architektonische ensemble ist eine billig überschminkte dystopie, der endlos langsam der lidschatten verläuft.
und während ich das wahrnehme und mich wahrnehme, dieses wahrnehmend, und während ich also einzoome auf einzelnde details, bis sie mir vor den sinnen verschwimmen, bis ich mich vermische mit ihnen – und dann wieder herauszoome auf ein grösseres, mich umgebendes, mich und diesen ort umfassendes ganzes, weiss ich: es ist wunderschön. dieser ort hat eine eigene, mit keinem anderen ort zu verwechselnde, nicht austauschbare lebendigkeit.
ist das glück, frage ich mich, so zu empfinden. oder nur ein sensueller overload. oder ist das dasselbe. und ich habe das gefühl, es noch viel detaillierter, mit viel mehr tiefenschärfe, mit stärkerem makro-objektiv, erzählen zu sollen. alles ist eine geschichte. da ist es nicht einfach, auszuwählen, sich zu konzentrieren. vielleicht will ich mich fortan gar nicht mehr konzentrieren. vielleicht ist das auch nur eine dieser überbewerteten belanglosen zumutungen, dieses: konzentriere dich…
 
 

about p.u.r.e.

 
p.u.r.e. – performative urban research ensemble – is an ongoing project of a collective of interdisciplinary artists, launched in 2016 by jagna anderson together with dodi helschinger, maría ferrara, maya raghavan, susanne soldan and karine thomas.

p.u.r.e. considers the city as a performative process – in which we are all taking part – and the urban space as a relational space, being constantly produced by perceptive and performative acts.

p.u.r.e. reinterprets such artistic strategies as situationists’ dérive* or beuys’s social sculpture. we explore the realm in-between of multi sensorial perception and performative intervention. led likewise by the question how does the city shape us? and how do we shape the city? we keep developing our own relational** & radically minimalist aesthetics of urban performance.
our fundamental research resource is the practice of city walks, an extended multisensorial version of a sound walk, which becomes also an urban performance approach.

p.u.r.e. walks are emancipatory interruptions of the public space and catalysts for the new playgrounds of the common city.***

 
 
*debord, guy (1956). “theory of the derive”. situationist international online. translated by ken knabb. retrieved 2016-07-12
**bourriaud, nicolas. relational aesthetics. dijon: les presses du réel, 2002
blanes, ruy/ flynn, alex/ maskens, maïte/ tinius, jonas. micro-utopias: anthropological perspectives on art, relationality, and creativity. in: cuadernos de arte e antropologia, vol 5, nº1/2016, 5-20
***bax, sander/ gielen, pascal/ ieven, bram (eds.). interrupting the city. artistic constitutions of the public sphere. valiz antennae, amsterdam 2015

 
 
please find more impressions, informations and the dates of walks open to external participants at https://purewalks.wordpress.com
 
 
 
bilder: susanne soldan