reste

 

das zerknüllte taschentuch werde ich wegwerfen ebenso das laken mit dem man dich verhüllt hat …

 
sechs gedichte über einen tod // september 2015

 

trauerarbeit I

ich werde das blut vom boden wischen
dort wo du gefallen bist den stuhl
aufstellen und den telefonhörer
zurück auf die gabel drücken

das zerknüllte taschentuch
werde ich wegwerfen ebenso das laken
mit dem man dich verhüllt hat
wo du gefallen bist und zwei flecken
hinterlassen hast in einem
kleben haare

auch den geruch werde ich
wegwischen bitter und schal wie
dieses ganze aufgebrauchte leben

alles werde ich entfernen:
vom boden vom bett von der lehne
des stuhls von den wänden von
den fensterscheiben vom gehweg
und auf der strasse zwischen den
strassenbahnschienen werde ich dich
hervorkratzen und aus der furche

die den himmel von gestern
vom himmel von morgen trennt

 
 

hingabe

diese szene: ganz schlechte
vorabendunterhaltung
das klingeln ohne antwort
das an die wohnungstür gedrückte ohr
das klopfen

der zweitschlüssel die widerstand
leistende tür der rollator gegen den
die tür dann stösst im engen flur

am rollator vorbei durch den
engen flur der blick ins zimmer und
das alles ist eine kamerafahrt und
immer noch kein schnitt und

dazu diese gnadenlose popmusik

und zwischen bett und umgestürztem stuhl
hinfort hinweg hinüber das häuflein mensch

in seinen resten. ganz hingegeben

 
 

bestatterballett

die schleunigen herren
in den ernsten hüllen aus
mattgrauem mitgefühl

flüstern so wie fliegen oder
weberknechte flüstern im
hohen gras: da können wir
mit der trage kaum durch

und ich will sie fragen
weshalb sie zur bahre trage
und nicht bahre sagen

jetzt kommen sie im engen flur
zu manövrieren: heb hier senk da
los fass schon an. ich wundre mich
wer diese häuser baut

in denen man die toten
nicht anständig
um die ecke bringen kann

 
 

von angesicht zu angesicht

du hättest ja zum beispiel wenn es
schon sein musste auch im bett
liegen können mit dem gesicht
einer schlafenden

den anflug eines lächelns
in den mundwinkeln oder von mir aus
auch mit hochgezogenen brauen
wie eine unerwartete begebenheit
sie modelliert

überhaupt hättest du dein gesicht
zeigen können meinetwegen mit
geöffneten augen in denen sich
so ein schwarzer spiegel spiegelt

aber du musstest mir ja den rücken zuwenden

und der forensiker (der nichts unnatürliches
dabei fand) sagte nur: besser

sie sehen sie nicht mehr von vorne an

 
 

trauerarbeit II

ich habe das blut vom boden gewischt
dort wo du gefallen warst den stuhl
aufgestellt und den telefonhörer
zurück auf die gabel gedrückt

das zerknüllte taschentuch
habe ich weggeworfen ebenso das laken
mit dem man dich verhüllt hatte
wo du gefallen warst

den geruch habe ich
weggewischt

alles habe ich entfernt:
von boden bett und lehne
vom stuhl und von den wänden
von den fensterscheiben vom gehweg
und sogar von der strasse. zwischen den
strassenbahnschienen habe ich dich
hervorgekratzt. doch aus der furche

die den himmel von gestern
vom himmel von morgen trennt

bist du nicht wegzudenken

 
 

mutter

kiefern-vollholzsarg, rustikal gebeizt.
hygieneeinlage lt. vorschrift. elegance-
innenausstattung. deckengarnitur damast
weiss. olivenholzurne mit friedwald-logo
im deckel. ankleiden und einbetten der
verstorbenen. überführung vom sterbeort
in unser bestattungshaus inkl. aller
trägerdienstleistungen. überführung
von unserem bestattungshaus zum krematorium
des friedhofs huckelriede inkl. träger.
hygienische grundversorgung der verstorbenen.
nutzung eines gekühlten raumes zur aufbewahrung
in unserem bestattungshaus. erledigung aller
erforderlichen formalitäten. inklusive
19% mehrwertsteuer.

787,00. 129,00. 177,00. 57,00. 443,00. 98,00.
391,00. 216,00. 52,00. 248,00. 312,00.

die bekleidung wurde von ihnen gestellt.
 
 
 
 
 

bild oben: jagna anderson