verzögerungen im betriebsablauf

kindheitsbilder: du lehnst dich über die gleise hinaus. zwischen den städten hörst du: stimmen …

 
 
sechs gedichte, auszug aus: blinder zwilling

 

worüber

über die verwischten vogelbeeren
über den taubenschwarm
schärfer umrissen

über die wolken die weiss mit
grauen rändern oder sind sie grau
mit weissen rändern und überhaupt
über dieses licht

die dächer die schornsteine dann
zu den seiten so viele dächer und
schornsteine als sähe man
die stadt bei der einfahrt
von oben

und über den efeu der dort eine
nicht länger gebrauchte mauer
am bahnhof so zärtlich um
armt dass es was auslöst

in mir. ist es die farbe ist es
das unnütze seines tuns ist
es ein erinnern. darüber

und übers hingleiten
durch dieses langsame
langsame
 
 
 

jagdzeit

hochsitze und rehe zählen. sind immer
mehr hochsitze als rehe. wenn rehe über
die schienen springen fährt schon
lange kein zug mehr

sitzt in jedem hochsitz einer. ’45er?
falsches kaliber. ist für den blattschuss
gänzlich ungeeignet

wenn du eins umlegst fühlst du
lange nichts. gilt auch für rotwild.
das kommt sowieso unaufgefordert
aus den wäldern

abhängig von der jahreszeit und
der verspätung z.b. infolge
zugefrorener weichen
ist die rudelgrösse
im sichtbereich
variabel

abhängig vom eintrittswinkel
ist der austrittswinkel
des rotwilds
variabel

zwischen stendal und spandau
verteilt sich der kopf
schmerz nahezu
gleichmässig
 
 
 

magdeburg

noch sieht man die spuren der flut.
fährten im morast der ein oder andere
baum spreizt halbertrunken

noch enden die brücken im fluss.
unausgesprochenes staut
vor den toren der stadt

etwas wie taube oder möwe
mit flügeln jedenfalls
dreht darüberhin als fände es
nichts ein nest vielleicht

die züge schwanken
gleich kähnen
über dem grund

noch immer warten alte leute
in magdeburg
auf ersatzbatterien
und das atmen
fällt immer noch schwer

ins dunkel fährten grosse tiere
 
 
 

hinter geestgottberg

zu den rehen. in wellentälern läng
seits zu dösen. diese langsamen
felder. diese abwege. sieh da: ein gott

geht übers meer klettert in die takelage
setzt sich als segel wo gar keine berge.
so flach das land. und voll von dunklen

tieren. störche kraniche und eben rehe.
das irgendwo ist hier und irgendwo fliesst
auch die elbe und eine brücke blieb uns
noch erhalten (bei wittenberge die)

doch nach dem letzten zug zieht sie
die pfeiler aus dem schlamm (im mond
licht sieht man ihre roten schuhe)

und geht mit geest nach st.
gotthard. die tiere
nehmen sie mit
 
 
 

über die gleise

am schalldämpfer entlang im
dunkelnden mai. wiesen dann alle tiere
sind schwarzweiss und unbewegt
unterm angekippten himmel

der geruch entgegen jeder sehnsucht
sehr nach feldern voller mist. wolken
rand gerötet eine abendschwellung am
horizont die elbe weit über die ufer
getreten. eine landschaft

zum wegwerfen. in dieser sommer
frühgeburt speist alles sich aus
kindheitsbildern: du lehnst dich

über die gleise hinaus. zwischen
den städten hörst du: stimmen
von innen stimmen. als es nacht
wird siehst du lange

nur dein eigenes gesicht.
weit weit dahinter liegt
die einschussstelle
der erinnerung
 
 
 

1976

abgeriebene kanten
dieses eichentischs. geruch
von bier von aschenbecher
flüchtig ausgebürstet unterm
lampenschirm

das licht und ich: wir klumpen
in der mitte. ausgesägtes herz
drückt in den rücken. sitz gerade
du. speisen und getränke laminiert.
da löst sich eine plastikecke

fingernagel unters schorfige
gefühl. puhl nicht
sagt die kellnerin: dialekt passt
in die regenlandschaft

ja sage ich die kohlrouladen.
die sind so gut sagt sie die hat
die chefin selbst gewickelt. gleich

wiegt sie mich im arm. dieses stranden
zwischen zwei stationen. der fahrplan
an der wand

von 1976. seitdem
hält hier kein
zug
 
 
 
 
 
erstvöffentlicht in:
peter schaden (hg.): reisen. rasten. rasen. anthologie zum wiener werkstattpreis 2014, wien 2015, 62.67. nicht mehr verfügbar.
 
 
foto oben: susanne soldan