Niemand hat etwas bemerkt. Dabei hat sie wirklich laut geseufzt. Und wenn schon. Wenn jemand sie fragt, dann weiß sie, was sie zu antworten hat. Die Leute tendieren ja dazu, sich einzumischen. Gerade bei diesem Wetter. Und wenn man so eng nebeneinander sitzt. Sie legt ihren Sommermantel auf den freien Platz neben sich und darauf ihre Tasche. Die Tasche macht sie auf, damit sie größer aussieht. Den Tisch in der Rückenlehne darüber klappt sie herunter und legt den Apfel, den sie vom Frühstück mitgenommen hat, dorthin. Und wenn jemand kommt, dann wird sie einfach die Augen schließen. Man wird sie nicht stören wollen. Und so wird der Platz neben ihr frei bleiben. Doch wenn es der Schaffner ist, der kommt, dann wird er sie, wenn sie nicht gleich reagiert, ganz sanft an der Schulter berühren. Und sie hat ja genug Geld dabei um eine Fahrkarte zu kaufen. 

Sie erschrickt, weil sie nicht weiß, ob das stimmt. Und dann erschrickt sie noch einmal, weil sie sich nicht erinnert, wo ihr Portemonnaie ist. Bevor sie es sucht, muss sie ihre Atemübung machen. Ein – Aus. Ein – Aus. Und noch einmal, alles ganz langsam. So. Jetzt geht es schon wieder. Das Portemonnaie ist in dem kleinen Innenfach der Reisetasche. Dorthin hat sie es ja gesteckt, gemeinsam mit dem Mobiltelefon. Nachdem sie den Mantel ausgezogen und bevor sie ihn zusammengelegt hat. Weil es sonst aus der Manteltasche und zwischen die Sitze gerutscht wäre. Und dann würde sie es nicht finden, wenn der Schaffner kommt. Und er würde ihr nicht glauben. Und dann hätte sie wieder ein Problem. Sie zählt die Geldscheine. Sie verzählt sich und fängt von vorne an. Dann lässt sie es, weil es ohnehin genug ist, egal wohin der Zug fährt. 

Sie wird sagen, dass ihr beim Rückwärtsfahren übel wird. Das geht ja vielen Leuten so. Nur deswegen dieser laute Seufzer beim Hinsetzen, als sie bemerkte, dass sie nicht in Fahrtrichtung sitzt. Aber dennoch. Wie peinlich. Ganz außer Atem war sie auch. Also hat sie geseufzt und dann darauf gewartet, dass jemand sie fragt, ob alles in Ordnung ist. Was aber niemand getan hat. Sie hätte sich umsetzen können. Aber nachdem sie einmal so tief geseufzt hatte, war es dafür natürlich zu spät. Und ehrlich gesagt, hätte sie sich überhaupt nicht beeilen müssen. Sie hat nur so getan. Vor sich selbst. Denn dann ist es viel leichter, in einen Zug zu einzusteigen, als wenn man alle Zeit der Welt dafür hat. 

Auf der Anzeige am Bahnsteig läuft ein weißes Schriftband. Es sind mehrere Worte und das erste beginnt vermutlich mit einem B. Genauer geht es nicht ohne die Brille. Die liegt auf dem Küchentisch auf dem Brief. Sie stellt sich vor, wie Klaus und Carolin den Brief finden. Dass sie schon wieder ihre Brille vergessen hat, das ist bestimmt das erste, was sie denken. Dann fährt Klaus ganz schnell mit der Brille zum Bahnhof. Aber da ist sie längst unterwegs. Und das Telefon hat sie auch ausgeschaltet. Obwohl sie ihnen versprochen hatte, das nicht zu tun.

„Du musst uns ein paar Dinge versprechen. Sonst geht das nicht mit uns.“
Sie versucht, sich an all die Dinge zu erinnern, die sie versprochen hat. Nicht nur Carolin und Klaus. Auch vorher schon. Ihr Leben lang. Das dauert jetzt eine Weile. 

Dann hört sie ein leises Klirren. Das Klirren wiederholt sich in unregelmäßigen Abständen. Der Schaffner, mit dem sie eigentlich rechnet, kann das nicht sein. Schaffner klirren nicht. Anständige Passagiere klirren auch nicht, soviel ist sicher. Das Klirren kann also nur bedeuten, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das hat sie bereits befürchtet. Es bestätigt sich nun, denn das Klirren wird lauter. Und es kommt von hinten. Sie drückt sich tiefer in ihren Sitz. Sie atmet ruhig ein und aus. Und wieder ein. Und dann sehr lange aus. Als das Klirren ganz nahe ist, nimmt sie all ihren Mut zusammen, steht auf und dreht sich um.

Der Mann läßt seine Plastiktüte fallen. 
Sie versteht nicht, was er sagt, als er auf einen Sitz sinkt und sein Mund offen bleibt, als wenn er vergessen hat, wie der wieder zu geht. Da hat sie schon gar keine Angst mehr. 
„Sie sehen ja aus wie eine kaputte Puppe!“ lacht sie. 
„Nix verstehn,“ sagt er. 
Er deutet auf die Bahnsteiganzeige. 
„Bitteallauschtein!“
„Ja“, sagt sie. „Sie auch?“ 
Er nickt und als er lächelt, sieht sie, dass er Grübchen hat und dass ihm ein Schneidezahn fehlt und darum findet sie ihn sympathisch. Sie klappt den Tisch hoch und geht, den Apfel in der Hand, zu ihm.

Der Mann rückt vom Gang ans Fenster und sie setzt sich neben ihn. Er hat ein Taschenmesser. Er teilt den Apfel genau in der Mitte. Erst schält er ihre Hälfte sorgfältig, dann schneidet er sie in Viertel und dann in Achtel und legt ihr die Stücke in die Hand. Er beißt seine Hälfte durch und isst sie mit allem. Dann isst er auch noch die Schale von ihrer Hälfte und die Stücke vom Kerngehäuse, die sie übrig gelassen hat. Nach dem Essen wischt er sich mit dem Handrücken über den Mund und das erinnert sie an etwas von früher. 

Eine Weile sitzen sie schweigend nebeneinander. Sie wartet darauf, dass der Zug endlich losfährt. 
„Wissen Sie, mir wird nicht wirklich übel, wenn ich rückwärts fahre. Ich habe dabei nur das Gefühl, nicht voranzukommen.“
Der Mann lächelt sie an, nickt und steht auf. Er sammelt die verlorenen Flaschen wieder ein. Seine Plastiktüte klirrt, leiser werdend, gegen die leeren Sitzreihen. 

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