h. wie heimatfilm

 

die taktik des terroristischen modells liegt darin, einen überschuss an realität zu erzeugen und das system unter diesem überschuss an realität zusammenbrechen zu lassen.
jean baudrillard

roman, in arbeit, ca. 400 seiten
 
wahnsinn / terror / eine kindheit in der tiefebene.

exposé

1962: eine studentin stürzt aus einem krankenhausfenster.
2016: ihre tochter unternimmt eine reise nach h.
2017: ein goldener riss läuft über den breitscheidplatz.
wie hängen innere und äussere terrorweltlage zusammen?

dido berichtet aus dem berlin der gegenwart, das sie nach bibliomantischen regeln durchstreift und von ihren reisen in die topographie der kindheit, einer welt jenseits chronologischer und geographischer verortung, in der sie allein mit der schizophrenen mutter lebt. diese bleibt die stets abwesend anwesende, auch als dido längst ihr eigenes leben führt. als die mutter unter unklaren umständen stirbt, beginnt dido eine spurensuche in der familiengeschichte. sie findet akten, die daran zweifeln lassen, dass der fenstersturz ihrer mutter 1962 ein unfall war. sie entziffert die notizen ihrer mutter zum ewigen kampf mit einer feindlichen welt. das zusammenfügen fragmentierter erinnerungen an die eigene vom wahnsinn geprägte kindheit wird zum diskurs über schizophrenie und weltbürgerkrieg. gibt es verbindungen? oder ist diese frage bereits symptom einer sich ankündigenden eigenen erkrankung?

der auf ca. 400 seiten angelegte roman spielt mit elementen fiktiver autobiografie, psychiatrischer fallstudie, phantastik und thriller. im zentrum jedes seiner fünf teile steht eine reise der protagonistin nach h. erzählzeit ist die gegenwart. die erzählte zeit erstreckt sich über eingeflochtenes material wie notizen der mutter, dokumente, prozessakten, internetartikel und songtexte bis in die frühen 1960er jahre. sukzessive erschliesst sich, anhand einer komplexen montagetechnik und dabei spannend wie ein krimi, die doppelbiografie von mutter und tochter vor dem hintergrund der deutschen geschichte vom langen schweigen nach dem kieg bis zur drohenden sprachlosigkeit in einer zunehmend unübersichtlichen gegenwart.

im schlusskapitel betritt die erzählerin das haus ihrer kindheit. der anti-heimatfilm mutiert zur science-fiction dystopie. in einem postapokalyptischen szenario breitet sich das schweigen pilzgeflechtartig über die norddeutsche tiefebene aus. zentrum dieses wucherns ist h. dort findet dido als teil eines hochgesicherten forschungsteams die leichen ihrer eltern und dort begegnet sie sich selbst als kleines kind und letzte überlebende.
die flucht in die äusserste fiktion erweist sich als notwendiger schritt zur freiheit: h. wie heimatfilm ist eine erzählung über das erzählen dessen, was sich nicht erzählen lassen will. und über die notwendigkeit, es dennoch zu tun. mit allen mitteln.
dido kehrt nach berlin zurück. seit dem jahrestag des attentats vom 19.12.2016 verläuft auf dem breitscheidplatz eine goldene narbe im boden. sie markiert den riss in der welt, den sie zugleich verschliesst. und je öfter man darüber geht, desto stärker glänzt sie.

leseprobe aus teil 1: die erste reise nach h.

(romananfang, 15 manuskriptseiten)
 

innere organe

12:00. sie schliesst die augen, lässt das buch durch die finger laufen, tippt auf eine seite. ungerade heisst links, gerade heisst rechts. sie öffnet die augen: experimente. 11 buchstaben. der linke ausgang. sie steht am ufer der spree und ist ungeduldig. jannowitzbrücke. nicht gerade weit gekommen. vielleicht ist heute so ein tag. 6 möglichkeiten: zurück in die u-bahn, weiter mit der s-bahn, nach rechts (hinweisschild: east-side-gallery), geradeaus (hinweisschild: alexa-mall), über die brücke (hinweisschild: historischer hafen/ märkisches museum), in die spree (kein hinweisschild). sie schliesst die augen, lässt das buch durch die finger laufen, tippt auf nacht. 5 buchstaben. über die brücke.
12:10. sie überquert hinter einem polizistenpaar den fluss. eine asiatin drückt ihr einen flyer in die hand: staatlich organisierter organraub in china an lebenden falun-gong praktizierenden. sie steckt den flyer ein. die luft ist schwer vom geruch der asia-imbisse. sie ist eben an der chinesischen botschaft vorbei. deshalb der flyer. und die vielen imbisse.
„das schleppen alles die affen an! die gehören weggemacht! die ganze kranke affenbande!“
polizist und polizistin, beide blond, sie pferdeschwanz, er bürste, beide mittelgross, adrett und kurzbeinig, drehen sich zur scheppernden stimme einer alten frau, gehen kopfschüttelnd weiter. sie will die alte nicht sehen und konzentriert sich auf die uniformen vor ihr: handschuhe, handschellen, funkgerät, pfefferspay, schlagstock, pistole… die affen rasen durch den wald… sie versucht, sich an den text zu erinnern und ärgert sich über das kinderlied. der eine macht den andern kalt… dann ärgert sie sich über die scheppernde alte. die ganze affenbande brüllt… dann ärgert sie sich darüber, dass ihre mutter immer noch an jeder strassenecke auftauchen kann. obwohl die seit dreihundertvierundzwanzig plusminus drei tagen endlich tot ist. wo ist die kokosnuss? wo ist die kokosnuss? dann bremst ein wagen gerade noch rechtzeitig. sie geht weiter und alle stimmen werden leiser, als wenn sie den lautstärkeregler ganz langsam auf null dreht.
12:45. moritzplatz. sie schliesst die augen, lässt das buch durch die finger laufen, tippt auf eine seite. zwänge = mit der u-bahn weiter richtung hermannstrasse. verkehrsbetriebe = 16 stationen. bis zur endhaltestelle sind es 6 stationen. also noch 10 mit der ringbahn. s41 oder s42? tasche = s42. sie schaukelt einen halbkreis um die innenstadt.
13:20. schönhauser allee. sie steht unter der s-bahn auf taubenkot. als sie den kopf hebt, sieht sie die tauben in einer reihe über sich und tritt aus der schusslinie. neben ihr versucht sich ein langhaariger mit e-gitarre an pink floyd. so, so you think you can tell / heaven from hell / blue skies from pain… sie ist kurz vor kopfschmerzen und braucht dringend einen kaffee. sie überquert mit einem pulk von menschen die kreuzung und passt dabei auf, nicht in die taube zu treten, die ausgebreitet im sonnenschein ihre inneren organe präsentiert.
how i wish, how i wish you where here… um sie herum an den tischen sitzen sprechende menschen. sie spürt ihr herz kurz holpern. spatzen fliegen zwischen den sprechenden menschen hindurch. die menschen sehen alle sehr ordentlich aus und haben einkaufstaschen dabei. dies ist eine sehr ordentliche gegend. what have we found? the same old fears…
ein spatz landet auf der stuhllehne ihr gegenüber und zupft sich mit dem schnabel KLEINE FLAUMIGE FEDERN aus der brust.

    komfortzone: ein daunenkissen, das man sich selbst aufs gesicht drückt, bis man still ist, wieder und wieder. es riecht nach altem schlaf ist klumpig hat federkiele die stechen durch den fleckigen bezug kriegt man einen zu fassen kann man dran ziehn dann liegt die feder in der hand sieht verschwitzt aus man pustet sie fällt auf den boden in einem zimmer in einem haus dann bin ich da wo ich nicht sein will komm sage ich kommkomm du hältst meine hand ganz fest ganz fest ganz fest deine füsse stecken im teppich du legst einen finger vor den mund deine nägel sind krallen die sich nach innen biegen vogelhände vogelfüsse keine federn du zeigst auf das bett da liegt was unter einem berg von daunen hebt sich senkt sich schnarcht rülpst furzt du sagst dass du nicht weg kannst aufpassen musst und jetzt merke ich, dass ich schon wieder anfange, etwas dazu zu erfinden. es zu erzählen. es zu einer erzählung zu machen. und schon wieder ist es vorbei.

von links auftritt der teenager in balzlaune. schulterklopfen, handflächen patschen – „check, alter!“ – zigaretten in mundwinkeln. eine rasche bewegung, ein stoss gegen ihren ellenbogen, „’tschuldigung.“
14:30. am nebentisch redet eine frau mit längslaufenden rissen im finger- und zehennagellack über affen in greetsiel. die schüler reden über ihre lehrer. ihr tun die blümchen leid, die da in ihren töpfchen auf den tischchen stehen und aussehen wie aus plastik.
14:45. die frau am nebentisch, die jetzt nicht mehr ihre mutter ist, ist wieder zurück von der küste und redet über katholische kirschen. „wenn die dann mit ihr’m zeug da drin wedeln, ah, dat stinkt.“
„ckeck, alter, so voll krass, homöophatisch schleimlösen.“
now there’s a look in your eyes / like black holes in the sky…
sie muss aufs klo.
14:00. sie findet sich auf der schönhauser allee richtung fernsehturm, der da hinten IN DER FERNE zu sehen ist.

    soundtrack: franz schubert, in der ferne, aus: schwanengesang, op. d 957: wehe dem fliehenden / welt hinaus ziehenden! / fremde durchmessenden / heimat vergessenden / mutterhaus hassenden / freunde verlassenden / folget kein segen, ach / auf ihren wegen nach! // herze! das sehnende / auge, das tränende / sehnsucht, nie endende / heimwärts sich wendende / busen, der wallende / klage, verhallende / abendstern, blinkender / hoffnungslos sinkender….

ein wenig weiter die strasse entlang vollzieht jemand bei angelehnter tür an einem offenen flügel etwas, das wie eine herzoperation aussieht. sie denkt an organraub.
„hereinspaziert!“
„ich suche leider zur zeit kein klavier.“
„das ist aber schade.“
und während des gehens kommt jetzt allmählich ein gefühl von leichtigkeit. die schritte federn, fast so, als würde sie mit jedem schritt ein wenig schwereloser. das steigt durch die füsse empor und ist dann endlich auch im kopf.
arbeitstitel: sich verlieren in berlin.
sie schwebt dicht am boden über den alexanderplatz. bei der weltzeituhr streckt ihr ein dicker kleiner mann einen zerknautschten pappbecher entgegen.
„für mein kostüm. ich muss es reinigen lassen.“
er trägt eine rot-weiss gestreifte pyjamahose, ein blaues jackett mit gelber weste darunter und einen überdimensionierten zylinder, auf dem WAKE UP steht. er sieht aus wie eine kreuzung aus zirkusclown und kapitalismuskritik und sie gibt ihm einen euro.

    „wo sind sie gerade?“
    „hier. ich bin hier. ich bin müde. ich möchte mich einfach nur ausruhen.“
    „warum tun sie das nicht?“
    „weil ich angst habe.“
    „wovor haben sie angst?“

 

spaghetti mit tomatensauce

während sie geht, stellt sie sich vor, dass sie nach h. fährt. sie stellt sich vor, dass sie die w.-strasse entlanggeht, bis zur hausnummer 14. dass sie die einfahrt wiedererkennt. das haus. zur tür geht. läutet. sie hört von drinnen, hinter der tür, geräusche. dann wird die tür geöffnet. von ihrer mutter. jetzt muss sie während des gehens kurz stehenbleiben, denn das kommt wirklich überraschend.
die mutter öffnet dido die tür. sie wirkt jung, sie ist wohl in dem alter, in dem sie war, als dido mit ihr dort gewohnt hat. dann ist sie so um die vierzig. dann ist sie jünger als dido es jetzt ist. sie trägt die schwarzen haare hochgesteckt und ein kleid, es könnte dunkelblau oder dunkelgrün sein, mit hellen, grossen blumen. ärmellos, denn es ist sommer. sie schaut dido an und ist nicht überrascht. ihr gesicht ist entspannt. ein offenes, gesundes, ganz lebendiges lächeln.
„komm rein“, sagt sie.
sie geht ins haus und dido folgt ihr.
„ich habe MIRACOLI gekocht.“

    mirácoli (von italienisch miracolo „wunder“ abgeleiteter markenname) ist ein an spaghetti alla napolitana angelehntes halbfertiggericht des lebensmittelkonzerns mars incorporated. in deutschland wurde mirácoli 1961 eingeführt und entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten fertiggerichte. mirácoli besteht aus einer packung spaghetti sowie getrennt abgepackten zutaten für die sauce (tomatenmark sowie eine würzmischung aus salz, zwiebelpulver, modifizierter stärke, zucker, würze, kräutern und gewürzen mit rote-beete-pulver als farbstoff) und geriebenem, getrocknetem hartkäse. zur zubereitung werden die nudeln gekocht und die sauce aus dem tomatenmark und der würzmischung unter zugabe von wasser (und wahlweise ein wenig butter oder olivenöl) hergestellt. der käse wird wie üblich über das fertige gericht gestreut. der name des beigefügten trockenkäses – pamesello (früher parmesello) – ist ein kunstwort und soll an parmesan erinnern, der im käse jedoch nicht enthalten ist (wikipedia).

und die dido auf dem weg nach hause in kreuzberg riecht diese typische nudelsaucenmischung. und beide, die dido dort und die dido hier, denken: hoffentlich hat sie es diesmal richtig gemacht.
„ich habe es diesmal richtig gemacht.“
durch das küchenfenster mit den grossen aufgemalten blumen fällt sonnenlicht. mutter und tochter setzen sich nebeneinander an den küchentisch. vor ihnen stehen eine schüssel spaghetti und ein topf mit tomatensosse. und da liegt das tütchen mit hartkäse, der sich nicht parmesan nennen darf, und von dem immer viel zu wenig in der packung ist. die nudeln dampfen und riechen nach nudeln. die tomatensosse riecht nach tomatenmark und fertigkräutermischung.

 
schlummerland

sie hat die adresse im internet gesucht. in der w.-strasse 14 in h. wohnen jetzt eine anja und ein hendrik nebel. und auch das ist sehr komisch: die telefonummer stimmt noch. also es ist dieselbe ist WIE FRÜHER. 1741. die postleitzahl hat sich natürlich geändert, die war früher vier- und ist jetzt fünfstellig. aber das mit der telefonnummer, das findet sie gruselig. sie hat dort von 1972 bis 1982 gelebt. zehn jahre. und damit immer noch die längste zeit am gleichen ort in ihrem bisherigen leben.

    „das haus muss ganz verfallen sein. niemand kann da wohnen. der verwilderte garten hat es verschlungen. die brombeerranken wuchern, die dornenhecke ist meterhoch. da sind die blumen, die aus den wänden wachsen, und die fugen hat der efeu gesprengt. das dach ist eingesunken und es regnet in mein bett. da steht das wasser schon bis zum kopfkissen. da verkriech ich mich unter meiner decke.“
    „wie geht es ihnen wenn sie erzählen?“
    „ich merke, dass ich gestalte. vielleicht wird so das darüber sprechen erst möglich. über diese bilder. je weniger ich das zu unterdrücken versuche, desto eher gelingt mir vielleicht, etwas von dem auszudrücken, was in mir vorgeht. doch dann tritt das gemachte an die stelle einer möglichen echten erinnerung. überlagert sie.“
    „ist das von belang?“
    „das bild vom regenwasser, das ins bett schwappt, das ist ein erfundenes bild. natürlich kann es in meinem kinderzimmer nicht geregnet haben. und jetzt weiss ich es. little nemo im schlummerland. da habe ich dieses bild schon gesehen.“
    „wie passt das zusammen?“
    „der kleine nemo ist ein kindheitsgefährte. nemo und prinz eisenherz. aus einem prinz-eisenherz-band hatte meine mutter einen teil herausgetrennt.“
    „warum hat sie das getan?“
    „weil sie die dargestellte sequenz für zu gewalttätig hielt. wenn das jetzt eine echte erinnerung ist.“
    „also wollte sie sie vor etwas beschützen. sie sollten etwas nicht sehen, was ihnen nicht gut getan hätte.“
    „wissen sie, was mich immer gestört hat? dass er aufwacht. little nemo. ich meine, das sind nicht alles schöne geschichten. im gegenteil. aber dann fällt er am ende der seite aus dem bett. oder flip erschreckt ihn. und mit dem aufwachen ist alles vorbei.“

 

playlist

mittwoch, 03.08.2016. gleich regnet es. es ist früher morgen, doch es sieht aus wie später abend. sie fährt zu einem blind-date mit sich selbst. und sie fährt, buchstäblich, in die dunkelheit. abfahrt um 6:23 ab ostbahnhof, umstieg in hannover, sie soll um 10:12 in h. sein. die rückfahrt hat sie für 17:45 gebucht. sie hat also etwas mehr als sieben stunden für ihre recherche.
lokaltermin. ortsbegehung. crime scene investigation.
wie fühlt sie sich? sie spürt eine leichte aufregung und hat ein wenig kopfweh. und zugleich ist da diese entspannung, die sich auf längeren zugfahrten automatisch einstellt, wenn der zug nicht zu voll ist und sie einen guten platz hat. rechner auf den knien, kopfhörer auf, eine liste mit ruhigen sachen, gerade läuft wesselthoft: you might say that the river has run dry / you might say that we’re LIVING A LIE… und das land zieht zu beiden seiten gänzlich indifferent vorbei.

    „wie lange sind sie nicht dort gewesen?“
    „seit fünfunddreissig jahren.“
    „sie wissen aber, dass ihnen nichts von dem, was ihnen dort vielleicht begegnet, etwas anhaben kann?“
    „ich weiss. dort ist nur die vergangenheit.“

stendal. in die reihe vor ihr setzt sich ein kerl im anzug, klappt seinen rechner auf und lässt sein mobiltelefon lange klingeln, bevor er rangeht.
„ja doch. ja. das hab‘ ich doch. das habe ich.“
er spricht so laut, dass sie ihn trotz kopfhörer versteht.
„das habe ich gesagt. sag‘ du es ihm. hör doch. hör mir doch einfach mal zu.“
sie sieht zwischen den sitzrücken den monitor, erkennt das audi-logo, erkennt zahlenreihen und einzelne worte:
möglichkeit… aufteilung… co2-emission…
okay, denkt sie, jetzt von hinten ein screenshot, und ich hätte was zu verkaufen.
bowie: it’s the beginning of nothing / and nothing has changed / everything has changed…
„sag‘ ihm, dass es mir leid tut.“
wolfsburg. der zug spuckt dutzende aus, überwiegend kerle wie den aus der sitzreihe vor ihr, der sich jetzt eilen muss, um den ausstieg nicht zu verpassen, und die gehen, als der zug wieder anfährt, auf einem asphaltstreifen zwischen bahngleisen und kanal, wie aufgefädelt. kurz hat alles die gleiche geschwindigkeit, dann beschleunigt der zug, die anderen werden vom werk verschluckt. metropolis. dido ist in ihrem eigenen film unterwegs.
cash: i got a song to sing / that keeps me out of the cold / and i’ll meet you further on up the road…
hannover. nach dem umstieg ein doppelstöckiger intercity, in dem es nach klo riecht. draussen schwarzweisse kühe unter einem himmel, der sich in der jahreszeit geirrt hat. der rechte kanal ihres kopfhörers hat einen wackelkontakt. der zug schwankt wie ein schiff. gleich verden. dann bremen. sie steigt heute nicht in bremen aus.
sie fährt in eins dieser käffer hinter bremen. dort wird sie aussteigen. und dann wird sie diese strasse entlang gehen. bis zu diesem haus.
bowie: we can’t avoid the clash, THE BIG MISTAKE / now we’re going to pay and pay / the sentence of our lives…
würde sie lieber in bremen aussteigen und ihre mutter dort besuchen? einmal im monat, morgens hin, abends zurück, so wie die letzten fünfundzwanzig jahre? wenn die noch lebte? tut die aber nicht. seit dreihundertachtundzwanzig tagen. plusminus drei tage. das liess sich nicht mehr genau feststellen, als dido sie da neben dem bett auf dem fussboden fand.

    typische fehler bei der zubereitung von mirácoli:
    a) beim zubereiten der nudeln
    – die nudeln in kaltes wasser tun und dann gemeinsam mit dem wasser zum kochen bringen.
    – die nudeln vor dem kochen in der mitte durchbrechen.
    – die nudeln vor dem kochen in viele kleine stücke brechen.
    – die nudeln vor dem kochen zählen. sich dabei verzählen und von vorne beginnen. sich dabei verzählen und von vorne beginnen. sich dabei…
    – beim abgiessen der gekochten nudeln ein sieb mit viel zu grossen löchern verwenden.
    – die nudeln in kaltes wasser tun, die herdplatte nicht anstellen und die nudeln ungekocht servieren.
    b) beim zubereiten der tomatensauce:
    – das tomatenmark aus dem tomatenmarkbeutel in einen dafür bereit gestellten topf drücken, jedoch entweder nicht die vorgeschriebene menge wasser dazu geben oder die vorgeschriebene menge wasser beliebig über- bzw. unterdosieren.
    – das tomatenmark aus dem tomatenmarkbeutel kalt über die gegarten (oder ungegarten, s.o.) nudeln drücken und wahlweise die würzmischung darüber streuen oder es bleiben lassen.
    – aufgrund einer optischen auffälligkeit die verzehrtauglichkeit der zur saucenzubereitung vorgesehenen zutaten anzweifeln und die gegarten (oder ungegarten, s.o.) nudeln zur vermeidung einer kindswohlgefährdung ohne sauce servieren.
    – sich am tomatenmarkbeutelaufrissrand mehr oder weniger gravierende schnittverletzungen zufügen.
    c) beim umgang mit dem hartkäse, der sich nicht parmesan nennen darf:
    – den zum überstreuen des fertig zubereiteten nudelgerichts vorgesehenen hartkäse aus dem ihn beinhaltenden beutel ins nudelwasser geben (z.b. anstatt es zu salzen).
    – mittels des zum überstreuen des fertig zubereiteten nudelgerichts vorgesehenen hartkäses oder mittels des radios mit einem dritten über die optischen auffälligkeiten einer oder mehrerer zutaten des nudelgerichts bzw. über andere sicherheitstechnisch relevante aspekte ein gespräch führen, in dessen verlauf das zu bekochende kind in vergessenheit gerät.

 

 
 
 

bild oben: verfallenes haus im wald, nahe berlin (jagna anderson, bearb. dodi h.)
bilder im text: kinderschuhe, späte 1960er jahre (dodi helschinger)