bild: jagna anderson

leseprobe aus

heimatfilm

erzählung, in vorbereitung

 

       
      it’s the loneliest thing in the world, waiting to be found.
      detective linden in: the killing, tv-serie (zit. nach pattie smith, m-train)

 
 

dido, protagonistin aus der grösste himmel und echtzeitleben, fährt nach über dreissig jahren dorthin, wo sie als kind gelebt hat. die reise in die vergangenheit ist ein literarisches projekt und so wird sie erzählend zu ihrer eigenen figur. in die schilderung der kindheitstopographie als zunehmend mythisch-mystische welt jenseits chronologischer und geographischer verortung mischen sich dialoge, dokumente und reflexionen, die aspekte der biographie didos und abgründe ihrer familiengeschichte ausloten. wie weit muss ein mensch gehen, um sich selbst zu begegnen? die leseprobe (7 manuskriptseiten) besteht aus textmaterial, das für den anfang der längeren erzählung vorgesehen ist.
 
 

mais, eins

auf dem weg am rand des feldes. ich kann mich nicht entscheiden ob ich nach links oder rechts gehen soll. also gehe ich geradeaus. der mais ist hoch, er reicht mir bis weit über den kopf. die pflanzen stehen in reih und glied, mit abständen, die gerade breit genug sind, um zwischen ihnen hindurch zu schlüpfen, von einer reihe zu nächsten. nach wenigen reihen ist der weg hinter mir verschwunden. ich drehe mich im kreis herum. nur mais ist zu sehen. alle pflanzen sind gleich und bei näherem hinsehen sind sie doch alle verschieden. die erde ist schwarz und weich. meine sandalen sinken bis über die sohle ein. die wurzeln vom mais sind rot wie adern. sie stehen immer ein klein wenig aus dem boden, das sieht aus, als wenn sich der mais mit ihnen in der erde festhält. aber er könnte sie auch ganz einfach herausziehen und loslaufen. ich stelle mir vor, dass sich diese maisarmee in bewegung setzt. im gleichschritt über das feld, ramm-tamm-tamm, ramm-tamm-tamm, wie in einem zeichentrickfilm. ist aber gar nicht komisch, denn der mais hat es auf den ort abgesehen, er marschiert zielstrebig auf die ersten häuser zu. ich will mir das nicht weiter ausmalen und konzentriere meinen blick auf die pflanze vor mir. wo die schwertförmigen blätter dem stamm entspriessen, steht ein wenig klares wasser. ein miniaturstausee mit hohen, grünen ufern. ziemlich viele tiere sind da unterwegs. die ohrwürmer kenne ich. die sehen aus der nähe immer noch so aus wie früher, mit ihrem segmentierten braunen panzer, den hellen, eifrigen beinchen und den überdimensionierten kneifern, die sich drohend aufrichten, wenn man sich ihnen mit dem finger nähert. ich habe auch geglaubt, dass sie einem, wenn man nicht aufpasst, in die ohren krabbeln. daher der name. und ich schlage die bettdecke hoch und da sind welche auf meinem bettlaken. und die sind ziemlich gross. ich rufe nicht nach mami, sondern ich sammle sie alleine ein, einen nach dem anderen, trage sie zum offenen fenster und werfe sie in den garten zurück. nützlinge, denke ich. und schädlinge. wer macht solche worte. ich weiss nicht, ob ich mich das als kind gefragt habe. ob ich ein nützling oder ein schädling bin. wahrscheinlich nicht. wahrscheinlich ist das so ein bescheuerter erwachsenengedanke. wespen surren zwischen den stängeln herum. und so komische viecher, die ich eigentlich, so wie die aussehen, fotografieren und später im internet recherchieren sollte. die maiskolben sind noch klein und haben braune hippiefrisuren. und über mir sind diese flauschigen blütenpinsel, und die scheinen den grauen himmel fast zu berühren, so, als wollten sie in ihm malen. und dann kommt ein wind. ich höre ihn zunächst, dort, wo der knick ist, in den bäumen, dann fährt er durchs feld, und es beginnt zu rascheln, und ich spüre, wie ich aufhöre zu denken und ich bin so glücklich. ich bin so verdammt glücklich, wie ich dort mitten im mais stehe. wie unter wasser. das ist so einfach. das sind zehn schritte vom feldweg. und alles andere ist unwichtig. und ich weiss, dass das letzte mal, dass ich so in einem maisfeld war, genau hier gewesen ist. und ich war ein kind.
 
 

ins dunkle

ich fahre zu einem blind date mir mir selbst. und ich fahre, buchstäblich, in die dunkelheit. das wetter wird zusehends schlechter. es ist früher morgen, doch es fühlt sich an wie später abend. mein zug fuhr um 6:23 am ostbahnhof, mit umstieg in hannover soll ich gegen viertel nach zehn dort sein. die rückfahrt habe ich für 17:45 gebucht. ich habe dann also etwas mehr als sieben stunden für meine recherche.
lokaltermin. ortsbegehung. crime scene investigation.
wie geht es mir? – ich spüre eine leichte aufregung und habe ein wenig kopfweh. und zugleich ist da dieses wohlgefühl, das sich mir auf längeren zugfahrten automatisch einstellt, wenn der zug nicht zu voll ist und ich gut sitze. kopfhörer auf, eine playlist mit ausgesucht ruhigen sachen, gerade läuft buge wesselthoft you might say, und das land zieht zu beiden seiten so gänzlich indifferent vorbei.
in die reihe vor mir setzt sich ein kerl im anzug und klappt seinen rechner auf. ich sehe zwischen den sitzrücken den monitor, erkenne das audi-logo, zahlenreihen und einzelne worte: möglichkeit… aufteilung… co2-emission… okay, jetzt von hinten ein screenshot und ich hätte was zu verkaufen. bowie: it’s the beginning of nothing / and nothing has changed / everything has changed… wolfsburg. der zug spuckt dutzende aus, überwiegend kerle wie den aus der sitzreihe vor mir, der sich jetzt eilen muss, um den ausstieg nicht zu verpassen. fast alle im anzug, ein paar frauen auch, rock und blazer, und die gehen dann, als der zug wieder anfährt, auf diesem asphaltstreifen zwischen bahngleisen und kanal in fahrtrichtung, alle mit dem gleichen ziel, und doch, als wären sie einander fremd. das macht die müdigkeit. eine seltsame prozession. und einen moment lang nur sind wir gleich schnell, dann beschleunigt der zug, sie bleiben hier, werden vom werk verschluckt und abends wieder ausgespuckt. metropolis. ich fahre weiter, habe mein eigenes ziel, bin in meinem eigenen film unterwegs. johnny cash: i got a song to sing / that keeps me out of the cold / and i’ll meet you further on up the road… jetzt nach dem umstieg in hannover so ein blöder neuer doppelstöckiger intercity, in dem es nach verstopftem klo riecht. und draussen kühe auf weiden unter tiefhängendem grau. der himmel sieht aus, als habe er sich in der jahreszeit geirrt. der rechte kanal meines kopfhörers hat einen wackelkontakt. ich sitze oben im stinkenden zug und der schwankt wie ein schiff. gleich verden. ein kaff nach dem anderen. dann bremen. ich steige heute nicht in bremen aus, sondern fahre bis ins übernächste kaff hinter bremen.
würde ich lieber in bremen aussteigen und meine mutter besuchen, so, wie während der vergangenen fünfundzwanzig jahre? wenn sie noch lebte? tut sie aber nicht. seit fast einem jahr nicht mehr. und selbst wenn, nein, ich würde nicht lieber in bremen aussteigen und sie besuchen. nein, diese besuche fehlen mir nicht. und wenn sie mir fehlt, dann anders.
und was ist, wenn ich im übernächsten kaff zu dem haus gehe, wo ich als kind gewohnt habe, dort läute, und sie öffnet mir die tür? – aber ich weiss ja nichtmal, ob ich es nachher überhaupt schaffe, bis zu diesem haus zu gehen. oder auch nur bis in diese strasse.
„haben sie darüber nachgedacht, was sie tun, wenn es unangenehm wird?“ fragt meine therapeutin. „haben sie sich etwas dafür überlegt?“
ich zucke mit den schultern.
„sie wissen aber, dass ihnen alles, was ihnen dort begegnet, nichts anhaben kann?“
„ich weiss,“ sage ich, „dort ist nur die vergangenheit.“
ich habe von 1972 bis 1982 in hude gelebt. zehn jahre. und das ist immer noch die längste zeit an einem ort in meinem bisherigen leben. und ich war seit fünfundreissig jahren nicht dort.
 
 

mais, zwei

in die beschreibung des maisfelds hat sich manches von später eingeschlichen, also von während des schreibens. ich kann dem nur schwer widerstehen. ich hätte es noch viel weiter ausmalen, in details gehen oder assoziationen folgen können. was ist mein bedenken? dass ich das ursprüngliche erleben nur unzureichend erfasse, es nicht als das stehen und gelten zu lassen vermag, was es im moment des empfindens vielleicht war? – ich will es nochmal versuchen.
also: es ist ein ganz grosses feld. man sieht kaum die ränder. ich zögere kurz, dann gehe ich zwischen die ersten pflanzen, die am rand noch etwas kleiner sind. ich biege sie zur seite und schlüpfe in die nächste reihe. ich sehe mich um und sehe noch die bäume am wegrand und gehe weiter, weil ich so weit ins feld will, bis ich nichts anderes sehe als den mais um mich herum. ich frage mich, mit welcher chemiescheisse der wohl gespritzt ist. und ob mir das jetzt schadet. aber dann ist es mir egal, man sieht jedenfalls nichts davon und es riecht auch gut. nach dieser feuchten, schwarzen erde. die bepflanzung ist ganz regelmässig. zwischen jeder längsreihe von mais ist ein etwas breiterer freier streifen. da wäre gerade genug platz um sich hinzulegen. das tue ich aber nicht, weil ich die erde dann echt in den kleidern hätte. ich erinnere mich daran, dass ich als kind die kleinen kolben geknabbert habe. das hat mir nie geschadet. und bin ich drauf und dran. aber dann traue ich mich doch nicht, eben wegen der chemie. also, ich denke schon die ganze zeit. das denken geht nicht weg. zum beispiel denke ich, wie geil das jetzt ist, einfach so als erwachsener mensch in einem überkopfhohen maisfeld zu stehen und nichts zu sehen als die pflanzen drumherum. und den himmel darüber, dieses wolkenschlierige grau, aus dem es tröpfelt. und warum ich das nicht längst getan habe. und dass ich es viel öfter tun sollte. so in einem maisfeld tauchen. denn das ist irgendwie fast ein wenig wie schnorcheln. und dann denke ich, dass niemand weiss, wo ich gerade bin. und dieser gedanke löst so etwas wie ein glückgefühl aus. und dann kommt der wind dazu. von den rändern des feldes fährt er heran, die stängel wiegen sich leicht, er erreicht mich, es raschelt, und mit dem wind kommt eine weitere woge von glück. und, das ist ja klar, ohne geht es anscheinend nicht, da ist in diesem glück auch ein trauriger anteil. nämlich, dass das alles andere aufwiegt. jeden schmerz. so in einem maisfeld zu stehen. wenn ein wind hindurchgeht.
dieses jetzt schreibend denke ich, dass ich, hätte ich gewollt, dass wirklich niemand weiss wo ich bin, mein telefon hätte ausschalten müssen. so wie im krimi.