h. wie heimatfilm

 

die taktik des terroristischen modells liegt darin, einen überschuss an realität zu erzeugen und das system unter diesem überschuss an realität zusammenbrechen zu lassen.
jean baudrillard

 
roman, in arbeit, ca. 450 seiten

exposé

schizophrenie / terror / eine kindheit in der tiefebene.

in der nacht des 5. april 1962 stürzt die gerade examinierte kunststudentin dagmar sch. aus einem fenster des st. martinus-krankenhauses in düsseldorf zwölf meter tief auf das kopfsteinpflaster des innenhofs.
am morgen des 3. august 2016 unternimmt die studienrätin dido h. die erste ihrer vier reisen in die norddeutsche tiefebene und an den ort, wo sich ihr elternhaus befindet. sie war seit 35 jahren nicht dort.
am abend des 19. dezember 2016 steuert der 24 jährige tunesier anis a. einen sattelzug in eine menschenmenge auf dem weihnachtsmarkt an der kaiser-wilhelm-gedächtniskirche in berlin.
gibt es einen zusammenhang?
dido, protagonistin aus der grösste himmel und echtzeitleben, erzählt die geschichte einer suche. erzählend wird sie zu ihrer eigenen figur. sie berichtet aus dem berlin der gegenwart, das sie obsessiv nach bibliomantischen regeln durchstreift. von ihren reisen in die topographie der kindheit, einer zunehmend mythischen welt jenseits chronologischer und geographischer verortung. frühe tagebuchpassagen schildern ihr zusammenleben mit der psychisch kranken mutter. gefundene krankenhausakten und dokumente lassen nicht nur daran zweifeln, dass deren fenstersturz vor über 50 jahren ein unfall war. dido beginnt, fragen an die vergangenheit zu stellen. sie erzählt vom langen schweigen nach dem krieg und vom langen krieg ihrer mutter gegen eine mit feindlichen stimmen zu ihr sprechende realität. als die stimmen endlich verstummt sind, räumt dido die wohnung der kriegstoten aus.
sie recherchiert zur inneren und äusseren terrorweltlage und verliert sich dabei innerhalb und ausserhalb des internets. mühelos integriert sie aktuelle medienberichte zur nahenden apokalypse in ihr wachsendes manuskript und scheitert zugleich beim versuch, die fragmentierten erinnerungen an ihre kindheit in h. zusammenzufügen.
die aufarbeitung eines persönlichen traumas wird zur frage nach generationsübergreifenden tabus, die spurensuche in der eigenen familiengeschichte zum experimentellen diskurs über schizophrenie und weltbürgerkrieg. gibt es einen zusammenhang? oder ist die suche danach bereits symptom eines sich ankündigenden wahns?

„in der stasis entfällt der unterschied zwischen der tötung des nächsten und der des fremdesten […] die form, die der bürgerkrieg in der weltgeschichte heute angenommen hat, ist der terrorismus.“
(giorgio agamben, stasis. der bürgerkrieg als politisches paradigma, frankfurt a.m. 2016, 25/35.)

 
 

leseprobe aus teil 1: die erste reise nach h.
(romananfang, 17 manuskriptseiten)

 
innere organe
11:30. u-bahnhof jannowitzbrücke. bleiben oder umstieg in die s-bahn? ungerade heisst s-bahn, gerade heisst bleiben. sie schliesst die augen, lässt das buch durch die finger laufen, tippt auf eine seite, öffnet die augen: experiment. 10 buchstaben = bleiben. ausgang links oder rechts? ungerade heisst links, gerade heisst rechts. sie tippt: rue. 3 buchstaben = links. also ausgang holzmarktstrasse/ brückenstrasse/ märkisches ufer.
sie steht am ufer der spree. die sonne knallt.
nach rechts (in diese richtung zeigt ein hinweisschild east-side-gallery), nach halb rechts (da sieht sie eine ecke von der alexa-mall), geradeaus an der spree entlang, über die brücke (in diese richtung zeigt ein hinweisschild historischer hafen/ märkisches museum), auf der gegenüber liegenden seite geradeaus an der spree entlang, nach links ans ufer der spree, sitzen bleiben und einen kaffee trinken.
sie schliesst die augen, lässt das buch durch die finger laufen, tippt auf eine seite, öffnet die augen: lippenbewegung = 14 buchstaben. sie zählt durch. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7. das hätte ihr auch ohne zählen klar sein können.
sie holt sich einen pappbecher aus dem bahnhof. der kaffee ist brühheiss und ziemlich stark. im schatten sind alle plätze besetzt. sie merkt, dass sie ungeduldig ist. vielleicht ist heute so ein tag. jannowitzbrücke. ist ja auch nicht gerade weit gekommen. sie geht nochmal mögliche alternativen durch: 1 = sitzenbleiben, 2 = zurück in die u8, 3 = in die s-bahn (die jeweilige richtung wäre dann noch zu klären), 4 = zu fuss weiter nach rechts, 5 = über die brücke, 6 = geradeaus, 7 = nach hinten, 8 = in die spree. sie tippt auf interessanter, zählt durch: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 1, 2, 3, 4 und 5.
sie überquert hinter einem polizistenpaar den fluss. eine asiatin drückt ihr einen flyer in die hand. staatlich organisierter organraub in china an lebenden falun-gong praktizierenden. sie steckt den flyer ein.
„das alter ist nicht friedlich! und heiter schon gar nicht! das habt ihr auch noch vor euch!“
polizist und polizistin, beide blond, die frau pferdeschwanz, er bürste, beide mittelgross, adrett und irgendwie kurzbeinig, drehen sich zu dem verwahrlosten alten, sagen etwas, gehen kopfschüttelnd weiter. viele asiaten hier. sie denkt an organraub. und zu beiden seiten asia-imbisse, die den typischen asia-imbiss-geruch verbreiten. die luft ist ganz schwer davon. sie ist eben, über die spree, an der chinesischen botschaft vorbei. deshalb auch der flyer. sie kommt an die köpenickerstrasse und denkt: ach ja, die köpenickerstrasse. dann die u-bahn-station heinrich-heine-strasse und sie denkt: ach ja, die u-bahn-station heinrich-heine-strasse. sie geht die lange heinrich-heine-strasse entlang. sie quert die dresdenerstrasse und denkt… okay, denkt sie, ich komme heute nicht weit. dann ist sie auch schon am moritzplatz.
sie trinkt eine minzschorle in den prinzessinnengärten. eigentlich ein symphatischer ort, so im halbschatten unter den dünnen bäumchen, zwischen denen die aussterbenden bienen aus den stadtbienenkörben herumsummen. doch es riecht penetrant nach dem mittagsangebot, spaghetti mit tomatensauce, und die beiden englisch sprechenden endzwanziger, die sich ans andere ende des biergartentisches gesetzt haben, nerven, ohne dass sie sagen kann, womit. vielleicht, weil die frau wie blöde kichert und auf der bank herumrutscht. oder weil der typ während des redens mit der plastikessenswartemarke auf dem tisch klackert.
13:45. zwänge = rechts = richtung hermannstrasse.
verkehrsbetriebe = 16 stationen. okay, das lohnt sich. sie fährt bis zur endhaltestelle sechs stationen. also von dort noch zehn stationen weiter mit der ringbahn. s41 oder s42? tasche = s42. sie schaukelt einen gemütlichen halbkreis (oder ist es nur ein viertelkreis?) um die innenstadt. die zehnte station ist schönhauser allee.
sie steht unter der s-bahn auf taubenkot. als sie den kopf hebt, sieht sie die tauben in einer reihe über sich und sie tritt einen schritt aus der schusslinie. neben ihr versucht sich ein langhaariger mit e-gitarre an pink floyd. so, so you think you can tell / heaven from hell / blue skies from pain. sie ist kurz vor kopfschmerzen und braucht dringend einen kaffee. sie überquert mit einem pulk von menschen die kreuzung und passt dabei auf, nicht in die taube zu treten, die ausgebreitet im sonnenschein ihre inneren organe präsentiert.
der langhaarige ist bei shine on, you crazy diamond. wenn er nicht weiter kommt, beruhigt er sich mit einer halben minute rhythmischer akkorde und setzt dort an, wo er zuvor hängen geblieben war.
um sie herum an den tischen sitzen sprechende menschen. sie spürt ihr herz kurz holpern. spatzen fliegen zwischen den sprechenden menschen hindurch. die menschen sehen alle sehr ordentlich aus (dies ist eine sehr ordentliche gegend) und haben einkaufstaschen dabei. ein dreiergrüppchen kommt an den nebentisch. der mann scheint der vater der mittelalten mit den strähnchen zu sein, die die mutter der mitteljungen ist, deren aussehen sie schon vergessen hat, denn die frauen sind hinein gegangen um getränke zu holen und haben den alten neben ihr sitzen lassen. sein schädel mit weissen stoppeln, sommersprossen und schorfiger haut auf der mittelglatze ist keinen halben meter von ihr entfernt und sie spürt seine körperwärme. grobkariertes hemd in fleischfarbe, beige funktionsweste, eine hose, die man per reissverschluss um die hälfte kürzer machen kann und halbschuhe der marke meindl. jetzt ist die tochter wieder da, jünger als sie, langes glattes blondes haar, enger dunkelblauer pulli, besorgter gesichtsausdruck. mutti, älter als sie, bringt ein tablett mit grossen gläsern, die randvoll mit zweilerlei vermutlich zähflüssigen brauntönen sind, sahnehäubchen, schokostreusel, trinkhalme reingespiesst.
„datt is jetze wat janz leckeres.“
muttis hose ist stretchig und weissgepunktet. in ihrem dunkelroten finger- und zehennägellack sind längslaufende risse. alle drei familienmitglieder sehen sich sehr ähnlich. grosse köpfe, fliehendes kinn, die augen etwas tiefer im gesicht liegend. ein spatz landet auf der stuhllehne ihr gegenüber und zupft sich mit dem schnabel KLEINE FLAUMIGE FEDERN aus der brust.

      komfortzone: ein daunenkissen, das man sich selbst aufs gesicht drückt, bis man still ist. es riecht nach altem schlaf und es ist klumpig und hat federkiele die stechen durch den fleckigen bezug und wenn man einen zu fassen kriegt kann man dran ziehen und dann liegt die feder in der hand und sieht verschwitzt aus und man pustet und sie fällt auf den boden in einem zimmer in einem haus und dann bin ich da wo ich nicht sein will komm sage ich doch du hältst meine hand ganz fest und deine füsse stecken im teppich und du legst einen finger vor den mund und deine fingernägel sind krallen die sich am ende nach innen biegen du hast vogelhände und vogelfüsse aber du hast keine federn und du deutest auf das bett und da liegt etwas unter einem berg von daunen und der berg hebt sich und senkt sich und schnarcht und rülpst und furzt und du sagst dass du nicht weg kannst dass du aufpassen musst und jetzt merke ich, dass ich anfange, etwas dazu zu erfinden. und dass ich beginne über diese bilder nachzudenken. ihnen sinn geben will. und das wirft mich raus.

von links auftritt der teenager in balzlaune. schulterklopfen, handflächen patschen – „check, alter!“ – zigaretten in mundwinkeln.
15:30. mutti redet über urlaub in marokko. die schüler reden über ihre lehrer. aus irgendeinem grund tun ihr plötzlich die blümchen leid, die da in ihren töpfchen auf den tischchen stehen und aussehen wie aus plastik. ein ruckeln im stuhl neben ihr, ein stoss gegen ihren ellenbogen.
„oh, `tschuldigung“ sagt der schüler mit höflicher arroganz.
mutti, wieder zurück aus marokko, redet schon eine weile über katholische kirschen.
„wenn die dann mit ihr’m zeug da drin wedeln, ah, dat stinkt.“
„ckeck, alter, so voll krass, homöophatisch schleimlösen.“
now there’s a look in your eyes / like black holes in the sky…
sie muss aufs klo.
15:50. sie findet sich auf der schönhauser richtung fernsehturm, der da hinten IN DER FERNE zu sehen ist, und sie singt halblaut vor sich hin.

      wehe dem fliehenden / welt hinaus ziehenden! / fremde durchmessenden / heimat vergessenden / mutterhaus hassenden / freunde verlassenden / folget kein segen, ach / auf ihren wegen nach! // herze! das sehnende / auge, das tränende / sehnsucht, nie endende / heimwärts sich wendende / busen, der wallende / klage, verhallende / abendstern, blinkender / hoffnungslos sinkender… (franz schubert, in der ferne, aus: schwanengesang, op. d 957, text: ludwig rellstab).

ein wenig weiter die strasse entlang vollzieht jemand bei angelehnter tür an einem offenen flügel etwas, das wie eine herzoperation aussieht. sie denkt an organraub.
„hereinspaziert!“
„ich suche leider zur zeit kein klavier.“
„wie schade.“
während des gehens kommt jetzt so ein angenehmes gefühl von leichtigkeit. das steigt durch die füsse empor und ist dann endlich auch im kopf.
arbeitstitel: sich verlieren in berlin.
sie überquert den alexanderplatz, den zu überqueren sich heute auch leicht anfühlt. bei der weltzeituhr streckt ihr ein dicker kleiner mann einen zerknautschten pappbecher entgegen.
„für mein kostüm. ich muss es reinigen lassen.“
er trägt eine rot-weiss gestreifte pyjamahose, ein blaues jackett mit gelber weste darunter und einen überdimensionierten zylinder, auf dem WAKE UP steht. er sieht aus wie eine kreuzung aus zirkusclown und kapitalismuskritik und sie gibt ihm einen euro.

      „wo sind sie gerade?“
      „hier. ich bin hier. ich bin müde. ich möchte mich einfach nur ausruhen.“
      „warum tun sie das nicht?“
      „weil ich angst habe.“
      „wovor haben sie angst?“

 
 
spaghetti mit tomatensauce
während sie geht, stellt sie sich vor, dass sie nach h. fährt. sie stellt sich vor, dass sie die w.-strasse entlanggeht, bis zur hausnummer 14. dass sie die einfahrt wiedererkennt. das haus. zur tür geht. läutet. sie hört von drinnen, hinter der tür, geräusche. dann wird die tür geöffnet. von ihrer mutter. jetzt muss sie während des gehens kurz stehenbleiben, denn das kommt wirklich überraschend.
die mutter öffnet dido die tür. sie wirkt jung, sie ist wohl in dem alter, in dem sie war, als dido mit ihr dort gewohnt hat. dann ist sie so um die vierzig. dann ist sie jünger als dido es jetzt ist. sie trägt die schwarzen haare hochgesteckt und ein kleid, es könnte dunkelblau oder dunkelgrün sein, mit hellen, grossen blumen. ärmellos, denn es ist sommer. sie schaut dido an und ist nicht überrascht. ihr gesicht ist entspannt. ein offenes, gesundes, ganz lebendiges lächeln.
„komm rein“, sagt sie.
sie geht ins haus und dido folgt ihr.
„ich habe MIRACOLI gekocht.“

      mirácoli (von italienisch miracolo „wunder“ abgeleiteter markenname) ist ein an spaghetti alla napolitana angelehntes halbfertiggericht des lebensmittelkonzerns mars incorporated. in deutschland wurde mirácoli 1961 eingeführt und entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten fertiggerichte. mirácoli besteht aus einer packung spaghetti sowie getrennt abgepackten zutaten für die sauce (tomatenmark sowie eine würzmischung aus salz, zwiebelpulver, modifizierter stärke, zucker, würze, kräutern und gewürzen mit rote-beete-pulver als farbstoff) und geriebenem, getrocknetem hartkäse. zur zubereitung werden die nudeln gekocht und die sauce aus dem tomatenmark und der würzmischung unter zugabe von wasser (und wahlweise ein wenig butter oder olivenöl) hergestellt. der käse wird wie üblich über das fertige gericht gestreut. der name des beigefügten trockenkäses – pamesello (früher parmesello) – ist ein kunstwort und soll an parmesan erinnern, der im käse jedoch nicht enthalten ist (wikipedia).

und die dido auf dem weg nach hause in kreuzberg riecht diese typische nudelsaucenmischung. und beide, die dido dort und die dido hier, denken: hoffentlich hat sie es diesmal richtig gemacht.
„ich habe es diesmal richtig gemacht.“
durch das küchenfenster mit den grossen aufgemalten blumen fällt sonnenlicht. mutter und tochter setzen sich nebeneinander an den küchentisch. vor ihnen stehen eine schüssel spaghetti und ein topf mit tomatensosse. und da liegt das tütchen mit hartkäse, der sich nicht parmesan nennen darf, und von dem immer viel zu wenig in der packung ist. die nudeln dampfen und riechen nach nudeln. die tomatensosse riecht nach tomatenmark und fertigkräutermischung.
„welcome to REALITY“ sagt die mutter (warum auf englisch?) und dreht sich, so dass ihre andere gesichtshälfe sichtbar wird. die haut sieht aus wie weggefressen, der totenschädel grinst und der tagtraum ist zuende.

      was in der konzeption cronenbergs als düstere, pessimistische vision des unterbewussten gedacht sein mochte, ist nicht mehr als ein horrorfilm, der seine einfälle aus familiären frustrationen und traumata bezieht und sich dabei in unzähligen ekelerregenden szenen verliert (lexikon des internationalen films über „die brut“).

 
 
siebzehneinundvierzig
sie hat die adresse im internet gesucht. in der w.-strasse 14 in h. wohnen jetzt eine anja und ein hendrik nebel. und auch das ist sehr komisch: die telefonummer stimmt noch. also es ist dieselbe ist WIE FRÜHER. 1741. die postleitzahl hat sich natürlich geändert, die war früher vier- und ist jetzt fünfstellig. aber das mit der telefonnummer, das findet sie gruselig. sie hat dort von 1972 bis 1982 gelebt. zehn jahre. und damit immer noch die längste zeit am gleichen ort in ihrem bisherigen leben.

      „das haus muss ganz verfallen sein. niemand kann da wohnen. der verwilderte garten hat es verschlungen. die brombeerranken wuchern, die dornenhecke ist meterhoch. da sind die blumen, die aus den wänden wachsen, und die fugen hat der efeu gesprengt. das dach ist eingesunken und es regnet in mein bett. da steht das wasser schon bis zum kopfkissen. da verkriech ich mich unter meiner decke.“
      „wie geht es ihnen wenn sie erzählen?“
      „ich merke, dass ich gestalte. vielleicht wird so das darüber sprechen erst möglich. über diese bilder. je weniger ich das zu unterdrücken versuche, desto eher gelingt mir vielleicht, etwas von dem auszudrücken, was in mir vorgeht. doch dann tritt das gemachte an die stelle einer möglichen echten erinnerung. überlagert sie.“
      „ist das von belang?“
      „das bild vom regenwasser, das ins bett schwappt, das ist ein erfundenes bild. natürlich kann es in meinem kinderzimmer nicht geregnet haben. und jetzt weiss ich es. little nemo im schlummerland. da habe ich dieses bild schon gesehen.“
      „wie passt das zusammen?“
      „der kleine nemo ist ein kindheitsgefährte. nemo und prinz eisenherz. aus einem prinz-eisenherz-band hatte meine mutter einen teil herausgetrennt.“
      „warum hat sie das getan?“
      „weil sie die dargestellte sequenz für zu gewalttätig hielt. wenn das jetzt eine echte erinnerung ist.“
      „also wollte sie sie vor etwas beschützen. sie sollten etwas nicht sehen, was ihnen nicht gut getan hätte.“
      „wissen sie, was mich immer gestört hat? dass er aufwacht. little nemo. ich meine, das sind nicht alles schöne geschichten. im gegenteil. aber dann fällt er am ende der seite aus dem bett. oder flip erschreckt ihn. und mit dem aufwachen ist alles vorbei.“

 
 
playlist
mittwoch, 03.08.2016. gleich regnet es. es ist früher morgen, doch es sieht aus wie später abend. sie fährt zu einem blind-date mit sich selbst. und sie fährt, buchstäblich, in die dunkelheit. abfahrt um 6:23 ab ostbahnhof, umstieg in hannover, sie soll um 10:12 in h. sein. die rückfahrt hat sie für 17:45 gebucht. sie hat also etwas mehr als sieben stunden für ihre recherche.
lokaltermin. ortsbegehung. crime scene investigation.
wie fühlt sie sich? sie spürt eine leichte aufregung und hat ein wenig kopfweh. und zugleich ist da diese entspannung, die sich auf längeren zugfahrten automatisch einstellt, wenn der zug nicht zu voll ist und sie einen guten platz hat. rechner auf den knien, kopfhörer auf, eine liste mit ruhigen sachen, gerade läuft wesselthoft: you might say that the river has run dry / you might say that we’re LIVING A LIE… und das land zieht zu beiden seiten gänzlich indifferent vorbei.

      „wie lange sind sie nicht dort gewesen?“
      „seit fünfunddreissig jahren.“
      „sie wissen aber, dass ihnen nichts von dem, was ihnen dort vielleicht begegnet, etwas anhaben kann?“
      „ich weiss. dort ist nur die vergangenheit.“

stendal. in die reihe vor ihr setzt sich ein kerl im anzug, klappt seinen rechner auf und lässt sein mobiltelefon lange klingeln, bevor er rangeht.
„ja doch. ja. das hab‘ ich doch. das habe ich.“
er spricht so laut, dass sie ihn trotz kopfhörer versteht.
„das habe ich gesagt. sag‘ du es ihm. hör doch. hör mir doch einfach mal zu.“
sie sieht zwischen den sitzrücken den monitor, erkennt das audi-logo, erkennt zahlenreihen und einzelne worte:
möglichkeit… aufteilung… co2-emission…
okay, denkt sie, jetzt von hinten ein screenshot, und ich hätte was zu verkaufen.
bowie: it’s the beginning of nothing / and nothing has changed / everything has changed…
„sag‘ ihm, dass es mir leid tut.“
wolfsburg. der zug spuckt dutzende aus, überwiegend kerle wie den aus der sitzreihe vor ihr, der sich jetzt eilen muss, um den ausstieg nicht zu verpassen, und die gehen, als der zug wieder anfährt, auf einem asphaltstreifen zwischen bahngleisen und kanal, wie aufgefädelt. kurz hat alles die gleiche geschwindigkeit, dann beschleunigt der zug, die anderen werden vom werk verschluckt. metropolis. dido ist in ihrem eigenen film unterwegs.
cash: i got a song to sing / that keeps me out of the cold / and i’ll meet you further on up the road…
hannover. nach dem umstieg ein doppelstöckiger intercity, in dem es nach klo riecht. draussen schwarzweisse kühe unter einem himmel, der sich in der jahreszeit geirrt hat. der rechte kanal ihres kopfhörers hat einen wackelkontakt. der zug schwankt wie ein schiff. gleich verden. dann bremen. sie steigt heute nicht in bremen aus.
sie fährt in eins dieser käffer hinter bremen. dort wird sie aussteigen. und dann wird sie diese strasse entlang gehen. bis zu diesem haus.
bowie: we can’t avoid the clash, THE BIG MISTAKE / now we’re going to pay and pay / the sentence of our lives…
würde sie lieber in bremen aussteigen und ihre mutter dort besuchen? einmal im monat, morgens hin, abends zurück, so wie die letzten fünfundzwanzig jahre? wenn die noch lebte? tut die aber nicht. seit dreihundertachtundzwanzig tagen. plusminus ein paar tage, das liess sich nicht mehr genau feststellen, als dido sie da neben dem bett auf dem fussboden fand.

      typische fehler bei der zubereitung von mirácoli:
      a) beim zubereiten der nudeln
      – die nudeln in kaltes wasser tun und dann gemeinsam mit dem wasser zum kochen bringen.
      – die nudeln vor dem kochen in der mitte durchbrechen.
      – die nudeln vor dem kochen in viele kleine stücke brechen.
      – die nudeln vor dem kochen zählen. sich dabei verzählen und von vorne beginnen. sich dabei verzählen und von vorne beginnen. sich dabei…
      – beim abgiessen der gekochten nudeln ein sieb mit viel zu grossen löchern verwenden.
      – die nudeln in kaltes wasser tun, die herdplatte nicht anstellen und die nudeln ungekocht servieren.
      b) beim zubereiten der tomatensauce:
      – das tomatenmark aus dem tomatenmarkbeutel in einen dafür bereit gestellten topf drücken, jedoch entweder nicht die vorgeschriebene menge wasser dazu geben oder die vorgeschriebene menge wasser beliebig über- bzw. unterdosieren.
      – das tomatenmark aus dem tomatenmarkbeutel kalt über die gegarten (oder ungegarten, s.o.) nudeln drücken und wahlweise die würzmischung darüber streuen oder es bleiben lassen.
      – aufgrund einer optischen auffälligkeit die verzehrtauglichkeit der zur saucenzubereitung vorgesehenen zutaten anzweifeln und die gegarten (oder ungegarten, s.o.) nudeln zur vermeidung einer kindswohlgefährdung ohne sauce servieren.
      – sich am tomatenmarkbeutelaufrissrand mehr oder weniger gravierende schnittverletzungen zufügen.
      c) beim umgang mit dem hartkäse, der sich nicht parmesan nennen darf:
      – den zum überstreuen des fertig zubereiteten nudelgerichts vorgesehenen hartkäse aus dem ihn beinhaltenden beutel ins nudelwasser geben (z.b. anstatt es zu salzen).
      – mittels des zum überstreuen des fertig zubereiteten nudelgerichts vorgesehenen hartkäses oder mittels des radios mit einem dritten über die optischen auffälligkeiten einer oder mehrerer zutaten des nudelgerichts bzw. über andere sicherheitstechnisch relevante aspekte ein gespräch führen, in dessen verlauf das zu bekochende kind in vergessenheit gerät.

 
 
 
bild oben: susanne soldan