Roman, 396 Manuskriptseiten

Inhalt

Berlin, Sommer 2016. Dido, als Studienrätin mit Frau, Katzen und Altbauwohnung in der Mitte einer bürgerlichen Existenz angekommen, lässt sich immer wieder nach den Regeln eines bibliomantischen Zufallsgenerators durch die Großstadt treiben, um den Zustand höchster Beiläufigkeit zu erreichen, der sich für sie dem Glück am nächsten anfühlt. Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Terrorweltlage wird sie zur Chronistin einer absurden Realität, als deren Zaungast sie sich zunehmend begreift. 
Der Tod ihrer Mutter wird für Dido zum Ausgangspunkt einer Spurensuche in der Familiengeschichte. Wer war die Frau hinter einem Wahnsystem, das jeden zum Feind oder Komplizen machte, und in dem sie auch für ihre Tochter eine Fremde blieb? Was heißt es für ein Kind, die unheimliche Parallelwelt der paranoid schizophrenen Mutter zu teilen und wie überlebt man das?
Drei Handlungsebenen sind miteinander verwoben: Didos Erlebnisse auf ihren rastlosen Streifzügen durchs Berlin der Gegenwart, ihre Reisen nach H., den Angstort ihrer Kindheit, und die Rekonstruktion der Biographie ihrer Mutter anhand von Papieren, die sie im Nachlass findet. Sie stößt auf ein Geflecht von Trauma und Verdrängung, das sich von den Abgründen der Nachkriegszeit bis in ihr eigenes Leben erstreckt. 
H. wie Heimatfilm ist ein als Montage gestalteter, in Berlin und Norddeutschland spielender autofiktionaler Gegenwartsroman, der Elemente von Familiengeschichte und Kriminalroman mit einer klinischen Fallstudie verbindet. Zentrales Thema ist die Auseinandersetzung mit psychischer Erkrankung in der Familie aus der Sicht Angehöriger anhand einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Leseprobe

(Romananfang, 20 Manuskriptseiten)

Teil 1: Die erste Reise nach H.

Innere Organe

12:00. Sie schließt die Augen. Lässt das Buch durch die Finger laufen. Tippt auf eine Seite. Ungerade heißt links. Gerade heißt rechts. Sie öffnet die Augen: Experimente. 11 Buchstaben. Der linke Ausgang. Sie steht am Ufer der Spree und ist ungeduldig. Jannowitzbrücke. Nicht gerade weit gekommen. Vielleicht ist heute so ein Tag. Sechs Möglichkeiten: 1. Zurück in die U-Bahn, 2. Weiter mit der S-Bahn, 3. Nach rechts (Hinweisschild: East-Side-Gallery), 4. Geradeaus (Hinweisschild: Alexa-Mall), 5. Über die Brücke (Hinweisschild: Historischer Hafen/ Märkisches Museum), 6. In die Spree (kein Hinweisschild).
Sie schließt die Augen. Lässt das Buch durch die Finger laufen. Tippt auf: Nacht. Fünf Buchstaben. Über die Brücke. Sie überquert hinter einem Polizistenpaar den Fluss. Jemand drückt ihr einen Flyer in die Hand: Staatlich organisierter Organraub in China. Die Luft ist schwer vom Geruch der vielen Schnellrestaurants, der von der Hitze zwischen die Häuser gedrückt wird. Sie ist eben an der chinesischen Botschaft vorbei. Deshalb der Flyer. 
„Das schleppen alles die Affen an! Die gehören weggemacht! Die ganze kranke Affenbande!“
Polizist und Polizistin, beide blond und kurzbeinig, drehen sich zur scheppernden Stimme einer alten Frau. Schütteln die Köpfe. Gehen weiter. Sie konzentriert sich auf die Uniformen vor ihr. Funkgerät, Handschuhe, Handschellen, Pfefferspray, Schlagstock, Pistole… Die Affen rasen durch den Wald… Sie ärgert sich über das Kinderlied. Der eine macht den andern kalt… Dann ärgert sie sich über die Polizei. Die ganze Affenbande brüllt… Dann ärgert sie sich darüber, dass ihre Mutter immer noch an jeder Straßenecke auftauchen kann. Obwohl die seit 313 plusminus ein paar Tagen tot ist. Wo ist die Kokosnuss? Wo ist die Kokosnuss? Wer hat die Kokosnuss geklau-au-aut?  An der Kreuzung bremst ein Wagen gerade noch rechtzeitig. Sie zeigt dem Fahrer reflexartig den Mittelfinger und geht weiter und alle Stimmen werden leiser, als wenn jemand den Lautstärkeregler ganz langsam auf Null dreht.

„Wo sind Sie gerade?“
„Hier. Ich bin hier.“

12:45. Moritzplatz. Sie schließt die Augen. Lässt das Buch durch die Finger laufen. Tippt auf: Zwänge. Mit der U8 Richtung Hermannstraße. Ihr gegenüber setzt sich eine junge Frau und zieht den Reißverschluss ihrer hellblauen Sportjacke rauf und runter, immer schneller und mit einem nervtötenden Geräusch, das trotz des Ratterns der Bahn deutlich zu hören ist. Jetzt öffnet sie ihre Jacke ganz. Auf ihrem Shirt ist eine glänzende goldene Bombe mit brennender Zündschnur. „Booom!“ sagt sie, macht die Jacke wieder zu und steigt am Kottbusser Tor aus. 

„Ich habe gar nichts gegen die Chinesen.“
„Was haben denn Chinesen damit zu tun?“
„Nicht so laut du. China hat einen mächtigen Geheimdienst. Die Nachbarn hier sind ja auch Chinesen. Und in H.-“
„Also damals waren unsere Nachbarn ganz bestimmt keine Chinesen.“
„Was weißt denn du von unseren Nachbarn? Gar nichts weißt du von den Chinesen.“

Sie tippt auf: Verkehrsbetriebe. 16 Stationen. Also von der Endhaltestelle noch zehn Stationen mit der Ringbahn. S41 oder S42? Tasche = S42. Sie steigt Hermannstraße um und schaukelt einen Halbkreis um die Innenstadt.

„Wie fühlen Sie sich?“
„Ich bin müde.“ 

13:20. Schönhauser Allee. Sie steht unter der S-Bahn auf Taubenkot. Als sie den Kopf hebt, sieht sie die Tauben in einer Reihe über sich und tritt aus der Schusslinie. Ein Langhaariger mit E-Gitarre versucht sich an Pink Floyd. So, so you think you can tell / heaven from hell / blue skies from pain… Sie ist kurz vor Kopfschmerzen und braucht dringend einen Kaffee. Sie überquert mit einem Pulk von Menschen die Kreuzung und passt dabei auf, nicht in die Taube zu treten, die ihre inneren Organe im Sonnenschein ausbreitet. 

„Als ich klein war, dachte ich manchmal, sobald ich mich zum Schlafen lege, hört mein Herz auf zu schlagen.“
„Haben Sie diese Angst auch heute noch?“
„Nein. Es ist ja nie passiert.“

13:25. How I wish, how I wish you where here… Um sie herum an den Tischen sitzen sprechende Menschen. Spatzen fliegen zwischen den sprechenden Menschen hindurch. Die Menschen sehen alle sehr ordentlich aus und haben Einkaufstaschen dabei. Das ist eine sehr ordentliche Gegend. What have we found? The same old fears… Der Gitarrist verspielt sich, beruhigt sich mit einer Reihe belangloser Akkorde und setzt dann dort fort, wo er hängen geblieben war. Ein Spatz landet auf der Stuhllehne ihr gegenüber und zupft sich flaumige Federn aus der Brust. 

Komfortzone: Ein Daunenkissen, das man sich selbst aufs Gesicht drückt, bis man still ist, wieder und wieder. Das Kissen riecht nach altem Schlaf ist klumpig hat Federkiele die stechen durch den fleckigen Bezug kriegt man einen zu fassen kann man dran ziehn liegt die Feder in der Hand ist verschwitzt pustet man fällt sie auf den Boden in einem Zimmer in einem Haus bin ich da wo ich nicht sein will Sternlein Sternlein komm flüsterst du kommkomm hältst meine Hand ganz fest ganz fest deine Füße stecken im Teppich legst einen Finger vor den Mund Nägel krallen sich nach innen Vogelhände Vogelfüße keine Federn zeigst aufs Bett da liegt was unter einem Berg von Daunen hebt sich senkt sich schnarcht rülpst furzt kannst nicht weg musst aufpassen und jetzt merkt sie, dass sie anfängt, etwas dazu zu erfinden. Es zu einer Erzählung zu machen. Und es ist vorbei.

14:30. Eine rasche Bewegung, ein Stoß gegen ihren Ellenbogen, ein „’Tschuldigung.“ Schon wieder ist eine Stunde vergangen. Von links Auftritt der Teenies in Balzlaune. Schulterklopfen, Handflächen patschen – „Check, Alter!“ – Zigaretten in Mundwinkeln. Am Nebentisch redet eine Frau mit längslaufenden Rissen im Finger- und Zehennagellack über Chinesen in Greetsiel. Die Schüler*innen reden über ihre Lehrer*innen. Ihr tun die Blümchen leid, die da in ihren Töpfchen auf den Tischchen stehen und aussehen wie aus Plastik. Die Frau am Nebentisch, die doch nicht ihre Mutter ist, ist schon wieder zurück von der Küste und redet über katholische Kirschen. 
„Wenn die dann mit ihr’m Zeug da drin rumwedeln, ah, dat stinkt.“ 
„Check, Alter, voll krass, homöopathisch Schleimlösen.“ 
Now there’s a look in your eyes / like black holes in the sky… 

„Sie schweigen bereits eine ganze Weile. Wollen wir für heute aufhören?“
„Nein.“ 

14:49. Sie findet sich auf der Schönhauser Allee Richtung Fernsehturm, der in der Ferne zu sehen ist.

Soundtrack: Franz Schubert, In der Ferne, aus Schwanengesang, Op.D.957: Wehe dem Fliehenden / Welt hinaus Ziehenden! / Fremde Durchmessenden / Heimat Vergessenden / Mutterhaus Hassenden / Freunde Verlassenden / Folget kein Segen, Ach / Auf ihren Wegen nach…

Ein wenig weiter macht jemand bei angelehnter Tür in einem offenen Flügel etwas, das wie eine Herzoperation aussieht. Sie denkt an Organraub.
„Hereinspaziert!“
„Ich suche leider zur Zeit kein Klavier!“
„Das ist aber schade!“
Und während des Gehens kommt jetzt endlich ein Gefühl von Leichtigkeit. Die Schritte federn, fast so, als würde sie mit jedem Schritt ein wenig schwereloser. Das steigt durch die Füße empor und erreicht dann auch den Kopf.

Arbeitstitel: Sich verlieren in Berlin.

15:37. Sie schwebt dicht am Boden über den Alexanderplatz. Bei der Weltzeituhr streckt ihr ein kleiner Mann einen zerknautschten Pappbecher entgegen. 
„Für mein Kostüm. Ich muss es reinigen lassen.“
Er trägt eine rot-weiß gestreifte Pyjamahose, ein blaues Jackett mit gelber Weste darunter und einen überdimensionierten Zylinder, auf dem Wake up! steht. Er sieht aus wie eine Kreuzung aus Zirkusclown und Kapitalismuskritik und sie gibt ihm einen Euro.

Aufzeichnungen & Beweise

protokoll-mässige aufzeichg. über den fall frau d. schade & familie – ort h. ’82 – sowie weiter verlauf unterkunfts [Wortende fehlt] – verbrechensfall!

notizen zum fall & tochter hausaufgabe ort h. ’82 anwalt p. & angst [?] für die akten – ort h. person x., angebl. schiffsarzt, damals alle kassen. hail [?] anstalt [?] ort zwischenwahn. 

„wollt ihr die totale pampelmuse? rosa, rot, gelb – total? wenn nicht, bekommt ihr [mehrere Worte unleserlich] 

Spaghetti mit Tomatensoße

Während sie geht, stellt sie sich vor, dass sie nach H. fährt. Sie stellt sich vor, dass sie die W.-Straße entlanggeht, bis zur Hausnummer 14. Dass sie die Einfahrt wiedererkennt. Das Haus. Zur Tür geht. Läutet. Sie hört von drinnen, hinter der Tür, Geräusche. Dann wird die Tür geöffnet. Von ihrer Mutter. Jetzt muss sie während des Gehens kurz stehenbleiben, denn das kommt wirklich überraschend.
Die Mutter öffnet Dido die Tür. Sie ist wohl in dem Alter, in dem sie war, als Dido mit ihr dort gewohnt hat. Dann ist sie um die vierzig. Dann ist sie jünger als Dido es jetzt ist. Sie trägt die Haare hochgesteckt und ein Kleid, es könnte dunkelblau oder dunkelgrün sein, mit hellen, großen Blumen. Ärmellos, denn es ist Sommer. Sie schaut Dido an und ist nicht überrascht. Ihr Gesicht ist entspannt. Ein offenes, gesundes, ganz lebendiges Lächeln. 
„Komm rein“, sagt sie.
Sie geht ins Haus und Dido folgt ihr. 
„Ich habe Mirácoli gekocht.“

Mirácoli (von italienisch miracolo „Wunder“ abgeleiteter Markenname) ist ein an Spaghetti alla Napolitana angelehntes Halbfertiggericht des Lebensmittelkonzerns Mars Incorporated. In Deutschland wurde Mirácoli 1961 eingeführt und entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten Fertiggerichte. Mirácoli besteht aus einer Packung Spaghetti sowie getrennt abgepackten Zutaten für die Soße (Tomatenmark sowie eine Würzmischung aus Salz, Zwiebelpulver, modifizierter Stärke, Zucker, Würze, Kräutern und Gewürzen mit Rote-Beete-Pulver als Farbstoff) und geriebenem, getrocknetem Hartkäse. Zur Zubereitung werden die Nudeln gekocht und die Soße aus dem Tomatenmark und der Würzmischung unter Zugabe von Wasser (und wahlweise ein wenig Butter oder Olivenöl) hergestellt. Der Käse wird wie üblich über das fertige Gericht gestreut. Der Name des beigefügten Trockenkäses – Pamesello (früher Parmesello) – ist ein Kunstwort und soll an Parmesan erinnern, der im Käse jedoch nicht enthalten ist (aus: Artikel Mirácoli, Wikipedia).

Und beide, die Dido dort in H. und die Dido hier in Berlin, denken: Hoffentlich hat sie es diesmal richtig gemacht.
„Ich habe es diesmal richtig gemacht.“
Durch das Küchenfenster mit den großen aufgemalten Blumen fällt Sonnenlicht. Ein Schmetterling flattert gegen die Scheibe. Mutter und Tochter setzen sich nebeneinander an den Küchentisch. Vor ihnen stehen eine Schüssel Spaghetti und ein Topf mit Tomatensoße. Und da liegt das Tütchen mit dem Hartkäse, der sich nicht Parmesan nennen darf, und von dem immer viel zu wenig in der Packung ist. Die Nudeln dampfen und riechen nach Nudeln. Die Tomatensoße riecht nach Fertigkräutermischung.
„Es ist gut, dass du endlich nach Hause kommst.“ 

Aufzeichnungen & Beweise

dei dei baby boogie woogie & all ihr liebe kinderlein kommet

KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET 

einsatz von militairischem instrumentarium geräuschmäss. wie optisch – flugzeugterr. – autos – was verfügbar ist – v.a. um person. terror – gasthof schwarzes ross

synchronisieren jede erreichbare lebensregung – mit geräuschen – opt. gegenständen – terr. ebenf. an pers. tochter – töchterlein – flugzeugterror – manipul. an gegenständen – büchern – wäsche – zugang zu intimitäten

„strassentheater“ – sogenannte signalwesen 

alle ab in die pampelmuse!

Schlummerland

Sie hat die Adresse im Internet gesucht. In der W.-Straße 14 in H. wohnen jetzt eine Anja und ein Hendrik Nebel. Und auch das ist sehr komisch: Die Telefonnummer stimmt noch. Also, es ist dieselbe wie früher. 

„Das Haus muss ganz verfallen sein. Niemand kann da wohnen. Der verwilderte Garten hat es verschlungen. Die Brombeerranken wuchern, die Dornenhecke ist meterhoch. Da sind die Blumen, die aus den Wänden wachsen, und die Fugen hat der Efeu gesprengt. Das Dach ist eingesunken und es regnet in mein Bett. Da steht das Wasser schon bis zum Kopfkissen. Da verkriech ich mich unter meiner Decke.“
„Wie geht es Ihnen, wenn Sie erzählen?“
„Ich merke, dass ich gestalte. Vielleicht wird so das darüber Sprechen erst möglich. Über diese Bilder. Je weniger ich das zu unterdrücken versuche, desto eher gelingt mir vielleicht, etwas von dem auszudrücken, was in mir vorgeht. Doch dann tritt das Gemachte an die Stelle einer möglichen echten Erinnerung. Überlagert sie.“ 
„Ist das von Belang?“
„Das Bild vom Regenwasser, das ins Bett schwappt, das ist ein erfundenes Bild. Natürlich kann es in meinem Kinderzimmer nicht geregnet haben. Und jetzt weiß ich es. Der kleine Nemo im Schlummerland. Da habe ich dieses Bild schon gesehen.“
„Wie passt das zusammen?“
„Little Nemo ist ein Kindheitsgefährte. Nemo und Prinz Eisenherz. Aus einem Prinz-Eisenherz-Comic hatte meine Mutter einen Teil herausgetrennt.“
„Warum hat sie das getan?“
„Weil sie die dargestellte Sequenz für zu gewalttätig hielt. Wenn das jetzt eine echte Erinnerung ist.“
„Also wollte sie Sie vor etwas beschützen. Sie sollten etwas nicht sehen, was Ihnen nicht gut getan hätte.“

Die Postleitzahl hat sich natürlich geändert, die war früher vier- und ist jetzt fünfstellig. Aber das mit der Telefonnummer, das findet sie gruselig. Sie hat dort von 1972 bis 1982 gelebt. Zehn Jahre. Und damit die längste Zeit am gleichen Ort in ihrem Leben. 

„Wissen Sie, was mich immer gestört hat? Dass er aufwacht. Little Nemo. Ich meine, das sind nicht alles schöne Geschichten. Im Gegenteil. Aber dann fällt er am Ende der Seite aus dem Bett. Oder Flip erschreckt ihn. Und mit dem Aufwachen ist alles vorbei.“

Die beste aller möglichen Welten

Tagebuch, 26.07.2016, ungefähr 320 Tage nach Mutters Tod.
Der Kater liegt auf dem Kratzbaum und schläft. Im Traum zucken seine Pfoten. Ab und zu wimmert er. Ich weiß nicht, was er träumt, aber es ist deutlich, dass er träumt. 
Fühlende, träumende Wesen: Katzen, Dingos, Ziegen. Und Menschen, die weniger fühlen und träumen als die Tiere. Vor zehn Tagen Nizza. Vorgestern München. Fast täglich solche Meldungen, solche Bilder. Doch dann ist es wieder einzig die Nachricht über die Dingos, die mir Tränen in die Augen treibt. Kastrierte Rüden, die, um eine Ziegenplage auf einer Insel im Great Barrier Reef zu bekämpfen, dort ausgesetzt werden, mit einer implantierten Giftkapsel, die sie innerhalb von zwei Jahren töten soll, falls es nicht zuvor gelingt, sie „nach getaner Arbeit zu erschießen,“ damit sie nicht selbst zur Plage werden. 

Soundtrack von hier bis zum Bowie-Song auf der Zugfahrt: Eivind Aarset: Through clogged streets, passed rotten buildings.

„Träumen Sie eigentlich eher gut oder eher schlecht in der letzten Zeit?“

Eine städtische Brache. Eine Mischung aus verfallener Industriearchitektur und wucherndem Gestrüpp. Graffiti und die üblichen Spuren aktueller Nutzung: zerschlagene Flaschen, Zigarettenkippen, aufgehebelte Konservendosen, Löffel mit vom Feuer schwarzverfärbtem Boden, abgetragene Kleidungsstücke, ein aufgerissener Daunenschlafsack, der niemandem mehr fehlt. Jemand hat an die Mauer darüber gesprüht: Dies ist die beste aller möglichen Welten.
Da sitzt sie, mit einem Plan vom Gelände. Sie hat keine Ahnung, woher sie den hat, auf jeden Fall ist er total veraltet. Sie sitzt auf einem Stück umgestürzter Betonwand, eine Zigarette im Mund, die viel zu bitter schmeckt, den Plan in der Hand, der gar nichts nutzt. Und sie trägt einen weißen Overall, wie für Malerarbeiten. Oder wie aus den Katastrophennachrichten im Internet. Also wird das jetzt ein Science-Fiction-Film. So eine kaputte Szenerie und sie als einzige Überlebende. Soll es aber nicht. Sie sucht ja nur den Einstieg. Den Gullydeckel oder die Falltür, die nach unten führt. In die Tunnel. 

„Wo sind Sie gerade?“
„In Australien.“
„Und was machen Sie dort?“
„Ich rette Dingos.“
„Also das müssen Sie mir jetzt erklären.“
„Ich war abgelenkt. Mitten in unserem Gespräch. Von der Erinnerung an eine Meldung, die vor einer Woche in den Nachrichten war.“
„Vor einer Woche waren Sie hier.“
„Ja. Ich habe das abends im Internet gelesen.“
„Und diese Nachricht, die geht Ihnen bis heute nach?“
„Ja. Aber das ist nicht wirklich wichtig.“

Sie stochert mit einem langen Stock zwischen den Büschen, hinter Mauerresten, unter einer alten, fleckigen Matratze. Sie hebt vorsichtig einen Fensterrahmen mit zerbrochener Scheibe an. Sie geht das gesamte Areal ab. Wieder und wieder. Als könne sie die Erdbuckel und Grasbüschel mit den Fußsohlen lesen. Sie sucht sich müde. Wenn das im Schlaf überhaupt möglich ist. Und als sie sich endlich ganz müde gesucht hat, wacht sie auf. 

„Wollen wir weitermachen?“
„Ja.“
„Okay. Also dieser Tagtraum, von dem Sie erzählten. Mit der Mutter, die etwas richtig macht. Die Mirácoli für Sie gekocht hat. Wie fühlt sich die Vorstellung an?“
„Sie tut weh.“
„Als Ausdruck dessen, wo Sie sich in Ihrem Prozess gerade befinden, sehe ich diese Geschichte ganz positiv. Sie können das übrigens ruhig mal versuchen.“
„Ich habe mich bisher nicht getraut.“
„Wenn Sie das als Kind gerne gegessen haben, ist es vielleicht interessant, das jetzt zu wiederholen.“
„Ach so, nein, das ist kein Problem. Das sind ja nur Nudeln. Ich meinte, ich habe mich bisher nicht getraut, dorthin zu fahren. Nach H. Aber jetzt mache ich es.“
„Das ist natürlich noch ein anderes Kaliber. Wissen Sie denn schon wann?“
„Ja. Ich fahre morgen.“

Blind Date

3. August 2016. Ungefähr 328 Tage nach Mutters Tod. 
Regen läuft in horizontalen Bächen an der Scheibe entlang. Die Landschaft dahinter verschwimmt. Es ist früh, doch dunkel wie am späten Abend. Abfahrt 6:23 ab Ostbahnhof, einmal umsteigen, Ankunft in H. um 10:12. 

„Wie lange sind Sie denn nicht dort gewesen?“
„Seit fünfunddreißig Jahren.“
„Sie wissen aber, dass Ihnen nichts von dem, was Ihnen dort vielleicht begegnet, etwas anhaben kann?“
„Ich weiß. Dort ist nur die Vergangenheit.“

Stendal. In die Reihe vor ihr setzt sich ein Kerl im Anzug, klappt seinen Rechner auf und lässt sein Mobiltelefon lange klingeln, bevor er rangeht. 
„Ja doch. Ja. Das hab ich doch. Das habe ich.“
Er spricht so laut, dass sie ihn trotz Kopfhörer versteht.
„Das habe ich gesagt. Sag du es ihm. Hör doch. Hör mir doch einfach mal zu.“ 
Sie sieht zwischen den Sitzrücken seinen Monitor, erkennt das Audi-Logo, erkennt Zahlenreihen und einzelne Worte: Möglichkeit… Aufteilung… CO2-Emission…
„Ja doch. Ich mache das. Zuverlässig. Sobald ich da bin.“

Bowie: We can’t avoid the clash, the big mistake / now we’re going to pay and pay / the sentence of our lives…

Typische Fehler bei der Zubereitung von Mirácoli:
a) Beim Zubereiten der Nudeln:
– Die Nudeln in kaltes Wasser tun und dann gemeinsam mit dem Wasser zum Kochen bringen. 
– Die Nudeln vor dem Kochen in der Mitte durchbrechen.
– Die Nudeln vor dem Kochen in viele kleine Stücke brechen.
– Die Nudeln vor dem Kochen zählen. Sich verzählen und von vorne beginnen. Sich verzählen und 
– Beim Abgießen der gekochten Nudeln ein Sieb mit viel zu großen Löchern verwenden.
– Die Nudeln in kaltes Wasser tun, die Herdplatte nicht anstellen und die Nudeln ungekocht servieren.

„Sag du es ihm. Sag ihm, dass es mir leid tut. Um alle, die damit zu tun haben.“
Wolfsburg. Der Zug spuckt Dutzende aus, überwiegend Kerle wie den aus der Sitzreihe vor ihr, der sich jetzt eilen muss, um den Ausstieg nicht zu verpassen, und die gehen, als der Zug wieder anfährt, auf einem Asphaltstreifen zwischen Bahngleisen und Kanal, wie aufgefädelt. Kurz hat alles die gleiche Geschwindigkeit, dann beschleunigt der Zug, die anderen werden vom VW-Werk verschluckt. Metropolis. Dido ist in ihrem eigenen Film unterwegs, mit ihrer eigenen Playlist auf den Ohren. 

Cash: I got a song to sing / that keeps me out of the cold / and I’ll meet you further on up the road… 

Hannover. Nach dem Umstieg ein doppelstöckiger Intercity, in dem es nach Klo riecht. Draußen schwarzweiße Kühe unter einem Himmel, der sich in der Jahreszeit geirrt hat. Der rechte Kanal ihres Kopfhörers hat einen Wackelkontakt. Der Zug schwankt wie ein Schiff. Nienburg. Danach Verden. Dann Bremen. Sie steigt heute nicht in Bremen aus. Sie fährt in eins dieser Käffer hinter Bremen. Dort wird sie aussteigen. Und dann wird sie diese Straße entlang gehen. Bis zu diesem Haus.

Bowie: It’s the beginning of nothing / and nothing has changed / everything has changed… 

Typische Fehler bei der Zubereitung von Mirácoli:
b) Beim Zubereiten der Tomatensoße:
– Das Tomatenmark aus dem Tomatenmarkbeutel in einen dafür bereitgestellten Topf drücken, jedoch entweder nicht die vorgeschriebene Menge Wasser dazu geben oder die vorgeschriebene Menge Wasser beliebig über- bzw. unterdosieren. 
– Das Tomatenmark aus dem Tomatenmarkbeutel kalt über die gegarten (oder ungegarten, s.o.) Nudeln drücken und wahlweise die Würzmischung darüber streuen oder es bleiben lassen.
– Aufgrund einer optischen Auffälligkeit die Verzehrtauglichkeit der zur Soßenzubereitung vorgesehenen Zutaten anzweifeln und die gegarten (oder ungegarten, s.o.) Nudeln zur Vermeidung einer Kindswohlgefährdung ohne Soße servieren. 
– Sich am Tomatenmarkbeutelaufrissrand mehr oder weniger gravierende Schnittverletzungen zufügen.

Würde sie lieber in Bremen aussteigen und ihre Mutter dort besuchen? Einmal im Monat, wie in den letzten 25 Jahren? Wenn die noch lebte? Tut die aber nicht. Leben. Seit etwa 328 Tagen nicht mehr. Das ließ sich nicht so genau feststellen, als sie da tot vor Dido auf dem Fußboden lag.

Typische Fehler bei der Zubereitung von Mirácoli:
c) Beim Umgang mit dem Hartkäse, der sich nicht Parmesan nennen darf:
– Den zum Überstreuen des fertig zubereiteten Nudelgerichts vorgesehenen Hartkäse aus dem ihn beinhaltenden Beutel ins Nudelwasser geben (z.B. anstatt es zu salzen).
– Mittels des zum Überstreuen des fertig zubereiteten Nudelgerichts vorgesehenen Hartkäses oder mittels des Radios mit einer dritten Partei über die optischen Auffälligkeiten einer oder mehrerer Zutaten des Nudelgerichts bzw. über andere sicherheitsrelevante Aspekte ein Gespräch führen, in dessen Verlauf das zu bekochende Kind in Vergessenheit gerät.

Aufzeichnungen & Beweise

KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET KOMET 

ich weiss genau wie ich sortiert habe. es fehlen daten & belege. hubschrauberzitat: sogar mit hubschrauber – nein, nein, uns ist ja nichts passiert. 

nachts terror, tags mit spiegeln

TEMOK TEMOK TEMOK TEMOK TEMOK TEMOK TEMOK TEMOK TEMOK 

und ständig läuft einer neben mir her in den zimmern 

 

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