h. wie heimatfilm

 

die taktik des terroristischen modells liegt darin, einen überschuss an realität zu erzeugen und das system unter diesem überschuss an realität zusammenbrechen zu lassen.
jean baudrillard

 
roman, 2017/2018, in fertigstellung, ca. 450 seiten
 
dido, protagonistin aus der grösste himmel und echtzeitleben, mäandert zwischen den welten. sie durchstreift nach bibliomantischen regeln das berlin der gegenwart und erkundet parallel dazu die topografie ihrer kindheit in der norddeutschen tiefebene. das unterwegssein im hier und jetzt und der versuch, fragmente einer möglichen vergangenheit zusammenzufügen, sind autobiografisches experiment und literarisches projekt zugleich. erzählend wird dido ihre eigene figur. stadt und land werden zu mythischen regionen, fundstücke eines inneren und äusseren archivs zu puzzleteilen der sich fortwährend entziehenden wirklichkeit.
als leseprobe folgt hier der anfang des romans (14 manuskriptseiten).
 

leseprobe aus teil 1: die erste reise nach h.

 
innere organe
11:30. da = u8. krankenwagen = rechts. sie = drei stationen = jannowitzbrücke. bleiben oder umstieg in die s-bahn? ungerade heisst s-bahn, gerade heisst bleiben. experiment = bleiben. ausgang links oder rechts? rue = links, also ausgang holzmarktstrasse/ brückenstrasse/ märkisches ufer.
sie steht am ufer der spree. die sonne knallt. sie weiss nicht, wo sie mit sich hin soll. nach rechts (in diese richtung zeigt ein hinweisschild east-side-gallery), nach halb rechts (da sieht sie eine ecke von der alexa-mall), geradeaus an der spree entlang, über die brücke (in diese richtung zeigt ein hinweisschild historischer hafen/ märkisches museum), auf der gegenüber liegenden seite geradeaus an der spree entlang, nach links ans ufer der spree, sitzen bleiben und einen kaffee trinken. sie schliesst die augen, lässt das buch durch die finger laufen, tippt auf eine seite, öffnet die augen: lippenbewegung = 14 buchstaben. sie zählt durch. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7. das hätte ihr auch ohne zählen klar sein können. sie holt sich einen pappbecher aus dem bahnhof. der kaffee ist brühheiss und ziemlich stark. im schatten sind alle plätze besetzt. sie merkt, dass sie ungeduldig ist. vielleicht ist heute so ein tag. jannowitzbrücke. ist ja auch nicht gerade weit gekommen. sie geht nochmal mögliche alternativen durch: 1 = sitzenbleiben, 2 = zurück in die u8, 3 = in die s-bahn (die jeweilige richtung wäre dann noch zu klären), 4 = zu fuss weiter nach rechts, 5 = über die brücke, 6 = geradeaus, 7 = nach hinten, 8 = in die spree. sie tippt auf interessanter, zählt durch: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 1, 2, 3, 4 und 5.
sie überquert hinter einem polizistenpaar den fluss. eine asiatin drückt ihr einen flyer in die hand. staatlich organisierter organraub in china an lebenden falun-gong praktizierenden. sie steckt den flyer ein. „das alter kommt mit gebrechen. das ist wirklich so. das habt ihr auch noch vor euch!“ polizist und polizistin, beide blond, die frau pferdeschwanz, er bürste, beide mittelgross, adrett und irgendwie kurzbeinig, drehen sich zu dem verwahrlosten alten, sagen etwas, gehen kopfschüttelnd weiter. viele asiaten hier. sie denkt an organraub. und zu beiden seiten asia-imbisse, die den typischen asia-imbiss-geruch verbreiten. die luft ist ganz schwer davon. sie ist eben, über die spree, an der chinesischen botschaft vorbei. deshalb auch der flyer. sie kommt an die köpenicker-strasse und denkt: ach ja, die köpenicker-strasse. dann die u-bahn-station heinrich-heine-strasse und sie denkt: ach ja, die u-bahn-station heinrich-heine-strasse. sie geht die lange heinrich-heine-strasse entlang. sie quert die dresdener-strasse und denkt… okay, denkt sie, ich komme heute nicht weit. dann ist sie auch schon am moritzplatz.
sie trinkt eine minzschorle in den prinzessinnengärten. eigentlich ein symphatischer ort, so im halbschatten unter den dünnen bäumchen, zwischen denen die aussterbenden bienen aus den stadtbienenkörben herumsummen. doch es riecht penetrant nach dem mittagsangebot, spaghetti mit tomatensauce, und die beiden englisch sprechenden endzwanziger, die sich ans andere ende des biergartentisches gesetzt haben, nerven, ohne dass sie sagen kann, womit. vielleicht, weil die frau wie blöde kichert und auf der bank herumrutscht. oder weil der typ während des redens mit der plastikessenswartemarke auf dem tisch klackert.
13:45. zwänge = rechts = richtung hermannstrasse. verkehrsbetriebe = 16 stationen. okay, das lohnt sich. bis zur endhaltestelle sind es sechs stationen. also noch zehn stationen weiter mit der ringbahn. s41 oder s42? tasche = s42. sie schaukelt einen gemütlichen halbkreis (oder ist es nur ein viertelkreis?) um die innenstadt. die zehnte station ist schönhauser allee.
sie steht unter der s-bahn auf taubenkot. als sie den kopf hebt, sieht sie die tauben in einer reihe über sich und sie tritt einen schritt aus der schusslinie. neben ihr versucht sich ein langhaariger mit e-gitarre an pink floyd. so, so you think you can tell / heaven from hell / blue skies from pain… sie ist kurz vor kopfschmerzen und braucht dringend einen kaffee. sie überquert mit einem pulk von menschen die kreuzung und passt dabei auf, nicht in die taube zu treten, die ausgebreitet im sonnenschein ihre inneren organe präsentiert. der langhaarige ist bei shine on, you crazy diamond. wenn er nicht weiter kommt, beruhigt er sich mit einer halben minute rhythmischer akkorde und setzt dort an, wo er zuvor hängen geblieben war.
um sie herum an den tischen sitzen sprechende menschen. sie spürt ihr herz kurz holpern. spatzen fliegen zwischen den sprechenden menschen hindurch. die menschen sehen alle sehr ordentlich aus (dies ist eine sehr ordentliche gegend) und haben einkaufstaschen dabei. ein dreiergrüppchen kommt an den nebentisch. der mann scheint der vater der mittelalten mit den strähnchen zu sein, die die mutter der mitteljungen ist, deren aussehen sie schon vergessen hat, denn die frauen sind hinein gegangen um getränke zu holen und haben den alten neben ihr sitzen lassen. sein schädel mit weissen stoppeln, sommersprossen und schorfiger haut auf der mittelglatze ist keinen halben meter von ihr entfernt und sie spürt seine körperwärme. grobkariertes hemd in fleischfarbe, beige funktionsweste, eine hose, die man per reissverschluss um die hälfte kürzer machen kann und halbschuhe der marke meindl. jetzt ist die tochter wieder da, jünger als sie, langes glattes blondes haar, enger dunkelblauer pulli, besorgter gesichtsausdruck. mutti, älter als sie, bringt ein tablett mit grossen gläsern, die randvoll mit zweilerlei vermutlich zähflüssigen brauntönen sind, sahnehäubchen, schokostreusel, trinkhalme reingespiesst.
„datt is jetze wat janz leckeres.“
muttis hose ist stretchig und weissgepunktet. in ihrem dunkelroten finger- und zehennägellack sind längslaufende risse. alle drei familienmitglieder sehen sich sehr ähnlich. grosse köpfe, fliehendes kinn, die augen etwas tiefer im gesicht liegend. ein spatz landet auf der stuhllehne ihr gegenüber und zupft sich mit dem schnabel KLEINE FLAUMIGE FEDERN aus der brust.

      komfortzone: ein daunenkissen, das man sich selbst aufs gesicht drückt, bis man still ist, wieder und wieder. ich rieche dieses kissen. es riecht nach altem schlaf und es ist klumpig und hat federkiele die stechen durch den fleckigen bezug und wenn man einen zu fassen bekommt kann man dran ziehen wie an einer kruste auf dem knie und dann zieht man die feder heraus und sie entfaltet sich und dann liegt die feder in der hand und hat kein gewicht und ist ganz fein und zart und sieht ein wenig verschwitzt aus und bei dem wissen dass sie nicht in dieses klumpige kissen gehört sondern in die haut eines vogelbabies wird einem übel und da tritt ein tröpfchen blut aus wo eben noch die kruste war ganz hell und fast durchsichtig und schon bildet sich eine dunklere schicht als es gerinnt und dann pustet man die feder von der hand und sie fällt auf den boden in einem zimmer in einem haus und dann bin ich dort wo ich nicht sein will

von links auftritt der teenager in balzlaune. schulterklopfen, handflächen patschen – „check, alter!“ – zigaretten in mundwinkeln.
15:30. mutti redet über urlaub in marokko. die schüler reden über ihre lehrer. aus irgendeinem grund tun ihr plötzlich die blümchen leid, die da in ihren töpfchen auf den tischchen stehen und aussehen wie aus plastik. ein ruckeln im stuhl neben ihr, ein stoss gegen ihren ellenbogen.

      und ich nehme mich an der hand und leise leise sage ich zu mir komm lass uns davonschleichen aber du hältst meine hand ganz fest und bewegst dich nicht hältst nur meine hand und dann sehe ich dass deine füsse im teppich stecken es ist ein hochfloriger grüner teppichboden und deine füsse stecken darin fest und du siehst zu mir auf und schüttelst den kopf und legst einen finger vor den mund und deine fingernägel sind ganz lang als du mir bedeutest zu schweigen an beiden händen sind deine nägel lange krallen die sich am ende nach innen biegen wie bei einem vogel du hast vogelhände und vogelfüsse aber du hast keine federn und du deutest mit einer kralle auf das bett und darin liegt eine ungeheure gestalt unter einem berg von daunen und der berg hebt und senkt sich und die gestalt schnarcht und rülpst und furzt im schlaf und du sagst dass du nicht weg kannst dass du aufpassen musst und jetzt merke ich, dass ich anfange etwas dazu zu erfinden. dass ich, wie immer, längst dabei bin, etwas dazu zu erfinden. und dass ich beginne über diese bilder nachzudenken. ihnen sinn geben will. und das wirft mich raus.

„oh, `tschuldigung“ sagt der schüler mit höflicher arroganz.
mutti, wieder zurück aus marokko, redet schon eine weile über katholische kirschen.
„wenn die dann mit ihr’m zeug da drin wedeln, ah, dat stinkt.“
„ckeck, alter, so voll krass, homöophatisch schleimlösen.“
now there’s a look in your eyes / like black holes in the sky…
sie muss aufs klo.
15:50. sie findet sich auf der schönhauser richtung fernsehturm, der da hinten IN DER FERNE zu sehen ist, und sie singt halblaut vor sich hin.

      wehe dem fliehenden / welt hinaus ziehenden! / fremde durchmessenden / heimat vergessenden / mutterhaus hassenden / freunde verlassenden / folget kein segen, ach / auf ihren wegen nach! // herze! das sehnende / auge, das tränende / sehnsucht, nie endende / heimwärts sich wendende / busen, der wallende / klage, verhallende / abendstern, blinkender / hoffnungslos sinkender… (franz schubert, in der ferne, aus: schwanengesang, op. d 957, text: ludwig rellstab).

ein wenig weiter die strasse entlang vollzieht jemand bei angelehnter tür an einem offenen flügel etwas, das wie eine herzoperation aussieht. sie denkt an organraub.
„hereinspaziert!“
„ich suche leider zur zeit kein klavier.“
„wie schade.“
während des gehens kommt jetzt so ein angenehmes gefühl von leichtigkeit. das steigt durch die füsse empor und ist dann endlich auch im kopf.
arbeitstitel: sich verlieren in berlin.
sie überquert den alexanderplatz, den zu überqueren sich heute auch leicht anfühlt. bei der weltzeituhr streckt ihr ein dicker kleiner mann einen zerknautschten pappbecher entgegen.
„für mein kostüm. ich muss es reinigen lassen.“
er trägt eine rot-weiss gestreifte pyjamahose, ein blaues jackett mit gelber weste darunter und einen überdimensionierten zylinder, auf dem WAKE UP steht. er sieht aus wie eine kreuzung aus zirkusclown und kapitalismuskritik und sie gibt ihm einen euro.

      „wo sind sie gerade?“
      „hier. ich bin hier. ich bin müde. ich möchte mich einfach nur ausruhen.“
      „warum tun sie das nicht?“
      „weil ich angst habe.“
      „wovor haben sie angst?“

 
spaghetti mit tomatensauce
tagtraum, gestern auf dem heimweg von der therapeutin. sie stellte sich vor, sie würde nach h. fahren. sie stellte sich vor, wie sie die w.-strasse entlangginge, bis zur hausnummer 14. wie sie die einfahrt wiedererkennen würde. das haus. zur tür ginge. läutete. sie würde von drinnen, hinter der tür, geräusche hören. dann würde die tür geöffnet. von ihrer mutter (jetzt musste sie während des gehens kurz stehenbleiben, denn das war wirklich überraschend gekommen).
also, die mutter öffnet dido die tür. sie wirkt jung, sie ist wohl in dem alter, in dem sie war, als dido mit ihr dort gewohnt hat. dann ist sie so um die vierzig. dann ist sie jünger als dido es jetzt ist. sie sieht gut aus, gepflegt, die schwarzen haare hochgesteckt, sie trägt ein kleid, es könnte dunkelblau oder dunkelgrün sein, mit hellen, grossen blumen. ärmellos, denn es ist sommer. sie schaut dido an und ist nicht überrascht. ihr gesicht wirkt entspannt. ein offenes, gesundes, ganz lebendiges lächeln.
„komm rein“, sagt sie.
sie geht ins haus und dido folgt ihr.
„ich habe MIRACOLI gekocht.“

      mirácoli (von italienisch miracolo „wunder“ abgeleiteter markenname) ist ein an spaghetti alla napolitana angelehntes halbfertiggericht des lebensmittelkonzerns mars incorporated. in deutschland wurde mirácoli 1961 eingeführt und entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten fertiggerichte. mirácoli besteht aus einer packung spaghetti sowie getrennt abgepackten zutaten für die sauce (tomatenmark sowie eine würzmischung aus salz, zwiebelpulver, modifizierter stärke, zucker, würze, kräutern und gewürzen mit rote-beete-pulver als farbstoff) und geriebenem, getrocknetem hartkäse. zur zubereitung werden die nudeln gekocht und die sauce aus dem tomatenmark und der würzmischung unter zugabe von wasser (und wahlweise ein wenig butter oder olivenöl) hergestellt. der käse wird wie üblich über das fertige gericht gestreut. der name des beigefügten trockenkäses – pamesello (früher parmesello) – ist ein kunstwort und soll an parmesan erinnern, der im käse jedoch nicht enthalten ist (wikipedia).

dido muss hinter ihrem rücken darüber lächeln, weil das so passt (und die dido auf dem weg nach hause riecht diese typische nudelsaucenmischung. und beide, die dido dort und die dido hier, denken: hoffentlich hat sie es diesmal richtig gemacht.)
„ich habe es diesmal richtig gemacht.“
durch das küchenfenster mit den grossen aufgemalten blumen fällt sonnenlicht. mutter und tochter setzen sich nebeneinander an den küchentisch. vor ihnen stehen eine schüssel spaghetti und ein topf mit tomatensosse. und da liegt das tütchen mit hartkäse, der sich nicht parmesan nennen darf, und von dem immer viel zu wenig in der packung ist. die nudeln dampfen und riechen nach nudeln. die tomatensosse riecht nach tomatenmark und fertigkräutermischung.
„welcome to reality“ sagt die mutter (warum auf englisch?) und der tagtraum ist zuende.
 
 
siebzehneinundvierzig
sie hat die adresse im internet gesucht. in der w.-strasse 14 in h. wohnen jetzt eine anja und ein hendrik nebel. und auch das ist sehr komisch: die telefonummer stimmt noch. also es ist dieselbe ist WIE FRÜHER. 1741. seit über vierzig jahren. die postleitzahl hat sich natürlich geändert, die war früher vier- und ist jetzt fünfstellig. aber das mit der telefonnummer, das findet sie gruselig. sie hat dort von 1972 bis 1982 gelebt. zehn jahre. und damit immer noch die längste zeit am gleichen ort in ihrem bisherigen leben.

      „der fluss, an dem die indianer wohnen, ist aus spielkarten. er schlängelt sich, die kartenrückseiten nach oben, durchs wohnzimmer in richtung garten. die karten sind auf der rückseite blau und haben ein steuerrad als motiv.“
      „ein lenkrad, wie beim auto?“
      „nein, ein schiffsteuerrad aus holz, wie in alten piratenfilmen. die figuren sind playmobilfiguren. die indianer haben alle kurze schwarze haare. die cowboys auch. manche sind blond. zum skalpieren kann man ihnen die haare abziehen. die cowboys sind am fluss unterwegs. und da lauern die indianer. die figuren sind gelb und rot und blau und weiss. die weissen bemale ich mit einem roten edding. ich glaube es ist ein edding. wenn es die damals schon gab. auf jeden fall ist es so ein wasserfester filzstift. ich male ihnen blutige wunden, so dass sie aussehen, als wären sie am marterpfahl. die cowboys, die es aus der tür hinaus in den garten schaffen, verschwinden im hohen gras bei den findlingen.“
      „und die anderen?“
      „die werden umgebracht.“

 
playlist
mittwoch, 03.08.2016. gleich regnet es. es ist früher morgen, doch es sieht aus wie später abend. sie fährt zu einem blind-date mit sich selbst. und sie fährt, buchstäblich, in die dunkelheit. abfahrt um 6:23 ab ostbahnhof, umstieg in hannover, sie soll um 10:12 in h. sein. die rückfahrt hat sie für 17:45 gebucht. sie hat also etwas mehr als sieben stunden für ihre recherche.
lokaltermin. ortsbegehung. crime scene investigation.
wie fühlt sie sich? sie spürt eine leichte aufregung und hat ein wenig kopfweh. und zugleich ist da diese entspannung, die sich auf längeren zugfahrten automatisch einstellt, wenn der zug nicht zu voll ist und sie einen guten platz hat. rechner auf den knien, kopfhörer auf, eine liste mit ruhigen sachen, gerade läuft wesselthoft: you might say that the river has run dry / you might say that we’re living a lie… und das land zieht zu beiden seiten so gänzlich indifferent vorbei.

      „spielen sie allein mit den figuren?“
      „ja.“
      „wenn sie sich im zimmer umsehen, wie ist es eingerichtet?“
      „da sind keine möbel. es ist ein leerer raum. der fluss fliesst durch die offene tür in den garten. auf den fensterscheiben sind grosse blumen. die hat meine mutter gemalt. aber sonst ist alles leer.“
      „wo ist ihre mutter?“
      „ich weiss es nicht.“

stendal. in die reihe vor ihr setzt sich ein kerl im anzug, klappt seinen rechner auf, sie sieht zwischen den sitzrücken den monitor, erkennt das audi-logo, erkennt zahlenreihen und einzelne worte: möglichkeit… aufteilung… co2-emission. okay, denkt sie, jetzt von hinten ein screenshot, und ich hätte was zu verkaufen.
bowie: it’s the beginning of nothing / and nothing has changed / everything has changed…
wolfsburg. der zug spuckt dutzende aus, überwiegend kerle wie den aus der sitzreihe vor ihr, der sich jetzt eilen muss, um den ausstieg nicht zu verpassen, und die gehen, als der zug wieder anfährt, auf einem asphaltstreifen zwischen bahngleisen und kanal, wie aufgefädelt. kurz hat alles die gleiche geschwindigkeit, dann beschleunigt der zug, die anderen werden vom werk verschluckt. metropolis. dido ist in ihrem eigenen film unterwegs. cash: i got a song to sing / that keeps me out of the cold / and i’ll meet you further on up the road…
hannover. nach dem umstieg ein doppelstöckiger intercity, in dem es nach klo riecht. draussen schwarzweisse kühe unter einem himmel, der sich in der jahreszeit geirrt hat. der rechte kanal ihres kopfhörers hat einen wackelkontakt. der zug schwankt wie ein schiff. gleich verden. dann bremen. sie steigt heute nicht in bremen aus, sondern fährt in ein kaff hinter bremen. würde sie lieber in bremen aussteigen und ihre mutter besuchen, wie in den letzten fünfundzwanzig jahren? wenn die noch lebte? tut die aber nicht. leben. seit september nicht mehr. bowie: we can’t avoid the clash, THE BIG MISTAKE / now we’re going to pay and pay / the sentence of our lives… und was ist, denkt sie, wenn ich in dem kaff hinter bremen aussteige und bis zu diesem haus gehe und dort läute, und meine mutter öffnet mir die tür? aber sie weiss ja nichtmal, ob sie es überhaupt schaffen wird, bis zu diesem haus zu gehen. oder auch nur bis in diese strasse.

      typische fehler bei der zubereitung von mirácoli:
      a) beim zubereiten der nudeln
      – die nudeln in kaltes wasser tun und dann gemeinsam mit dem wasser zum kochen bringen.
      – die nudeln vor dem kochen in der mitte durchbrechen.
      – die nudeln vor dem kochen in viele kleine stücke brechen.
      – die nudeln vor dem kochen zählen. sich dabei verzählen und von vorne beginnen. sich dabei verzählen und von vorne beginnen. sich dabei…
      – beim abgiessen der gekochten nudeln ein sieb mit viel zu grossen löchern verwenden.
      – die nudeln in kaltes wasser tun, die herdplatte nicht anstellen und die nudeln ungekocht servieren.
      b) beim zubereiten der tomatensauce:
      – das tomatenmark aus dem tomatenmarkbeutel in einen dafür bereit gestellten topf drücken, jedoch entweder nicht die vorgeschriebene menge wasser dazu geben oder die vorgeschriebene menge wasser beliebig über- bzw. unterdosieren.
      – das tomatenmark aus dem tomatenmarkbeutel kalt über die gegarten (oder ungegarten, s.o.) nudeln drücken und wahlweise die würzmischung darüber streuen oder es bleiben lassen.
      – aufgrund einer optischen auffälligkeit die verzehrtauglichkeit der zur saucenzubereitung vorgesehenen zutaten anzweifeln und die gegarten (oder ungegarten, s.o.) nudeln zur vermeidung einer kindswohlgefährdung ohne sauce servieren.
      – sich am tomatenmarkbeutelaufrissrand mehr oder weniger gravierende schnittverletzungen zufügen.
      c) beim umgang mit dem hartkäse, der sich nicht parmesan nennen darf:
      – den zum überstreuen des fertig zubereiteten nudelgerichts vorgesehenen hartkäse aus dem ihn beinhaltenden beutel ins nudelwasser geben (z.b. anstatt es zu salzen).
      – mittels des zum überstreuen des fertig zubereiteten nudelgerichts vorgesehenen hartkäses oder mittels des radios mit einem dritten über die optischen auffälligkeiten einer oder mehrerer zutaten des nudelgerichts bzw. über andere sicherheitstechnisch relevante aspekte ein gespräch führen, in dessen verlauf das zu bekochende kind in vergessenheit gerät.

 
 
 
bild oben: susanne soldan