Roman, 250 Manuskriptseiten

Inhalt

Im Winter. Mag sitzt in ihrer Dachwohnung und schreibt. Hinter ihr liegt Behrlin. Dort, wohin sein Herz gehört, ist ein Loch, so groß, dass man hindurchgehen kann. Wird es sie retten, davon zu erzählen?
Psychothriller, Sci-Fi-Märchen, kaputte Lovestory – ein schräger Cocktail, der sich diverser Genreanleihen bedient und vor keinem Klischee haltmacht. Und dennoch behauptet die Erzählerin, das, was sie da schreibt, sei ihre eigene Geschichte: Ein Fall, in dem sie Opfer und Täterin zugleich ist.
Da ist die Stadt, in die sie kommt, nachdem sie einen Brief ihrer seit der Kindheit totgeglaubten Zwillingsschwester erhalten hat. In der man seinen Weg findet, ohne zu suchen. Wo unterirdische Gänge in geheime Gärten führen. In der es schneit, als Mag und Behrlin sich begegnen und wo der Winter seitdem nicht wieder aufhört. Eine Stadt, der nicht zu trauen ist. Und da ist Caspar Behrlin, ihr Begleiter durch alle Fantasien. Ein mephistophelischer Souffleur mit unscharfen Konturen: Immobilienhai mit Händchen für sonderbare Altbauten? Sadistischer Killer mit Faible für Analogfotografie? Nervenarzt mit Literaturfetisch? Mafiapate mit übersinnlichen Kräften? – Auf jeden Fall ein Traum von einem Mann. Als Mag die Falle durchschaut, scheint es zu spät: Sie zappelt im Netz von Geschichten, das sie selbst ausgeworfen hat, weil Caspar es so liebt, wenn sie erzählt. Doch wenn, wie er behauptet, alle Geschichten wahr sind, dann ist das Erzählen zugleich ihre mächtigste Waffe.

Leseprobe

(Romanfang, 16 Manuskriptseiten)

1
Caspar

Der Schnee liegt hoch jetzt. Die Stadt schafft es nicht mehr, ihn aufzutauen. Und er ist fast weiß. Ich will nicht wissen, was er alles unter sich verbirgt. Ich habe nur einige Schritte gemacht, da bin ich über etwas gestolpert, es sah aus wie ein verschneites Bündel alter Lumpen, aber vielleicht hatte es ein Gesicht. 
Im Schnee sieht alles so harmlos aus. Doch das täuscht. Ich war vorsichtig, denn unter dem Mantel trug ich einen Beutel mit Socken. Sie sind nicht besonders viel wert, es steckt nur eine Menge Arbeit in ihnen. Jemand hätte sehen können, dass ich etwas unter meinem Mantel trage. Ich spürte auch, dass man mich beobachtet. Aber niemand machte sich die Mühe, wegen mir hinaus in die Kälte zu kommen. Ich sehe offensichtlich nicht so aus, als ob es sich lohnt. 
Ich bin Richtung U-Bahn gestapft. Ich atmete auf, als ich die langen Treppen hinabstieg, auf denen kleine Rinnsale Schmelzwasser flossen, und als ich von unten die vielen Stimmen hörte. Noch an der Treppe fragte mich einer nach Sex. Er fragte nicht unfreundlich und ich lehnte nicht unfreundlich ab. Von seinem Schnaps probierte ich, der schmeckte ungewöhnlich. Er wollte mir nicht verraten, woraus er ihn brennt. Er gab mir eine Flasche für ein Paar Socken. Wir drängten uns in die Menge um eine der großen Stahlröhren, in der ein Feuer flackerte. Das Metall glühte fast. Ich genoss das fremd gewordene Gefühl zu schwitzen. Der Mensch neben mir aber zitterte die ganze Zeit, seine Finger und Lippen waren blau gefroren. Ich hätte ihn gerne in die Arme genommen, doch mir graute vor seiner Kälte wie vor einer ansteckenden Krankheit. Er erzählte, dass er Schnaps herstellt und von der Wärme lebt, die er für ihn eintauscht. Ich erzählte, dass ich mit einem Toten lebe und anschreibe gegen die Zeit. Vielleicht hätten wir einander verstehen können. Er war enttäuscht, als ich aufstand und ging. Einen Moment lang fürchtete ich, er würde mir nachkommen. Aber dazu reichte seine Kraft sicherlich nicht.
Ein halber Liter Schnaps. Zehn Kerzen. Zwei Pakete Zwieback. Ein kleines Einmachglas mit Marmelade. Ein Paket Ersatzkaffee. Und ich habe noch vier Paar Socken übrig. Papier war wieder nicht zu bekommen. Trotzdem, ein erfolgreiches Unternehmen. Ich habe auf dem Heimweg dann doch noch einmal genau hingeschaut. Es war nur ein Bündel alter Lumpen.

Seine Hände machen Kreisbewegungen auf Höhe seiner Brust, als gäbe er einem Unsichtbaren Zeichen. Langsame Wellen durchlaufen seinen Körper, eine Brandung aus Trommelwirbeln lässt ihn erschauern, er windet sich mit aufwärts gedrehtem Gesicht, nicht lächelnd, sondern abwesend, zu einer Maske erstarrt. Dann stößt er sich kaum merklich mit den Füßen vom Boden ab, um eine viel zu lange Zeit schwebend in den Nebelschwaden zu verharren. Als die Salve des Blitzlichts den Nebel zu Wänden verhärtet, taucht er unter und verschwindet. Mag schließt die Augen. Einen Moment lang ist ihr, als würde sie über die Balustrade in die tanzende Menge fallen. Als sie ihre Augen wieder öffnet, sieht er zu ihr hinauf. Er sagt etwas. Der hämmernde Rhythmus erstickt seine Stimme. Jetzt dreht er sich, wird von der Masse eingesogen und fortgewirbelt. Sie drängelt sich durch den überfüllten Club bis zur Theke, bestellt einen Gin-Tonic, findet in ihrer Tasche noch ein zerknülltes Papiertütchen und schüttet den Inhalt ins Glas. Der säuerliche Geschmack und die kurz darauf einsetzende Wirkung des Pulvers lassen ein Kribbeln über ihre Haut laufen. Wie kleine Füße. Viele kleine Füße, überall. An sein Gesicht oder seine Kleidung kann sie sich schon nicht mehr erinnern, doch seine Bewegungen, seine tanzenden Hände, wirken in ihr nach.
Wenige Stunden später gehen sie zusammen in den Morgen. Die Dunkelheit weicht einem diffusen Schimmer. In dieser farblosen Zeit zwischen Nacht und Tag spürt man die Stadt sich träumend umherwälzen und tiefer atmen. Ein Mannschaftswagen ist in der Straßenmündung auf dem Gehweg geparkt. Zwei Uniformierte schlafen darin, aneinander gelehnt, der dritte blinzelt müde in die Dämmerung. Als Mag sich umdreht, sieht er ihnen hinterher. Sie genießt es, so zu gehen. Es ist nicht ihre Richtung, doch das spielt jetzt keine Rolle. Sie drängt sich an den noch fremden Körper an ihrer Seite. Dann beginnt es zu schneien. Aus dem milchigen Grau über ihnen fallen dicke Flocken. 
„Im Schnee sieht alles so harmlos aus,“ sagt er.

Das Feuer ist heruntergebrannt. Die Kälte hat sich an mich herangeschlichen. Ich stehe auf, kreise mit den Armen, stampfe mit den Füßen. Ich nehme ein Brett vom Stapel, stelle es in der Ecke schräg an die Wand und trete kräftig darauf, bis es durchbricht. Ich öffne die Waschmaschine und lege das Holz zusammen mit etwas zerknüllter Zeitung in die Glutreste in der Trommel, puste hinein, die Zeitung fängt Feuer und ich lehne die Glastür an. An den Wänden tanzen die Schatten, aus der Waschmaschine knackt und knistert es. Ich gieße mir einen Fingerbreit aus der Schnapsflasche ein und esse Zwieback mit Marmelade dazu. Es könnte Quittenmarmelade sein. 

Er wirft ein rotes Tuch über eine Stehlampe und knipst sie an. Puffbeleuchtung, denkt Mag, aber es gefällt ihr. Sie sieht sich um. Vor zwei hohen schmalen Fenstern fallen dicke dunkle Vorhänge bis auf den Boden herab, lassen den anbrechenden Tag nur widerstrebend an den Seiten eindringen. Zwischen den Fenstern ein Schreibtisch, der nicht aussieht, als ob an ihm gearbeitet würde. An der Längswand zur rechten Seite Bücherregale. An der linken bis unter die Decke angepinnte Schwarz-Weiß-Fotos. Sie will sich setzen. Keine Stühle. Das einzige weitere Möbelstück ist ein großes Bett. Gedrehte Pfosten tragen einen Baldachin aus dunklem Stoff, die langen Fransen bewegen sich im Luftzug. Sie setzt sich auf den Rand, sinkt in die weiche Matratze und sieht dabei zu, wie er Kerzen anzündet. Tanzende Flammen mischen sich unter die Schatten.
„Ich heiße Caspar. Aber du kannst mir auch einen anderen Namen geben, wenn du willst.“
Musik dann, Streicher, zu einem Crescendo anschwellend, das sich an der hohen Decke bricht, an den Wänden hinabläuft und in den Ritzen zwischen den schwarzen Dielen versickert.
„Willst du was trinken?“
Er hat schon eine Flasche geöffnet, eingeschenkt, reicht ihr ein Glas. Dann sitzt er auf dem Fußboden ihr gegenüber. Sie sieht sich um. 
„Ziemlich viel Schwarz.“
„Ja. Ich finde Schwarz problemlos. Es passt zu allem.“
Ihre Gedanken springen mit dem Kerzenflackern hin und her und finden keinen festen Punkt, von dem aus sich eine Unterhaltung anfangen ließe. Die Musik brandet erneut, wie von weit her.
„Mahler?“
„Ja. Soundtrack.“
„Und weiter?“
„Weiter nichts. Ich sitze hier. Sehe dich an. Höre diese Musik.“
Irgendwann kommt er zu ihr. Die Spannung zwischen ihnen hat Substanz angenommen, sitzt mit ihnen im Raum, ein Etwas mit unscharfen Konturen und einem starken Willen. Das Etwas hört der dramatischen Musik und dem zähflüssigen Gespräch zu und spielt gelangweilt mit dem Kerzenlicht. Dann verliert es die Geduld. Er steht vor ihr, erregt und im flackernden roten Licht aufreizend unwirklich. Angekleidet erschien er schlank, jetzt findet sie ihn regelrecht zierlich und kommt sich im Vergleich zu ihm zu groß und zu kräftig vor. Seine Haut fühlt sich kühl an und glatt, und während sie sich selbst deutlich wahrnimmt, ist es, als habe er keinen Geruch, als wäre der Schweiß der durchtanzten Nacht an einer unsichtbaren Schicht abgeperlt, ohne an ihm zu haften. Die Gier, mit der ihr Körper nach seinem verlangt, überrascht sie. Sie umschlingt ihn mit Armen und Beinen, als sei jede Stelle, mit der sie ihn nicht berührt, ein unverzeihliches Versäumnis. Ihre Bewegungen sind eine Fortsetzung des Tanzes, und als sie die Augen schließt, sieht sie ihn wieder dort im Club, inmitten der Menge, um sich selbst kreisend, mit erstarrtem Gesicht und sprechenden Händen. Dann spürt sie, wie er sich in ihr ausbreitet, und kurz bevor sie an ihm zerbirst, stößt sie ihn von sich. Sie öffnet die Augen und sieht, dass er lautlos lacht.

Meine Erinnerung: Ein Kindermalbuch. Man muss die Punkte in der richtigen Reihenfolge verbinden, damit ein Bild sichtbar wird, das man ausmalen kann. Anfangs erkennt man nur ein Gewirr von Punkten und rätselt, was dabei herauskommen wird. Dann bildet sich allmählich eine Figur aus den Strichen. Sie bleibt eckig und unbeholfen, weil man nur gerade Linien von Zahl zu Zahl ziehen kann und nie das Gesamtbild vor Augen hat. Ich sitze hier im Kerzenlicht und spiele Malen nach Zahlen. Und draußen schneit es ohne Ende. Und jetzt weiß ich es: Als wir uns kennenlernten, Caspar und ich, fiel der erste Schnee. 

Ein Rinnsal trüben Lichts fließt durch die Vorhänge in den Raum und bildet auf dem Boden unterhalb der Fenster eine helle Pfütze. Er liegt neben ihr, eine Hand auf ihrem Bauch. Sie rückt ein Stück zur Seite und seine Hand rutscht auf das Laken. Sie fährt mit dem Zeigefinger die Konturen seines Gesichts entlang. Er brummt wohlig und tastet unter der Decke nach ihr. Sie erschauert bei seiner schlafenden Annäherung und rückt ein wenig weiter von ihm ab. Sie überlegt, ob sie ihn wecken soll. 
„Caspar?“
Er reagiert nicht. Sie steht auf, geht zu den Fenstern und zieht einen Vorhang zur Seite. Zerbeulte Mülltonnen. Alte Fahrräder. Struppiges Gebüsch. Die Fenster des Nachbarhauses zerschlagen oder mit Brettern zugenagelt. Herumstaksende, frierende Tauben. Es ist den Tag über kaum hell geworden, der Himmel ein schlieriges, bereits wieder dunkelndes Grau. Sie öffnet das Fenster einen Spalt breit, nimmt eine Handvoll Schnee vom Fensterrahmen und reibt sich damit Gesicht und Arme ab. Dann sucht sie ihre Kleidung zusammen und zieht sich rasch an. Die schwere Holztür fällt hinter ihr ins Schloss. Abblätternde Farbe. Schief hängende Plastikklingelschilder. Namen übereinander geklebt und durchgestrichen, einige Schilder zusammengeschmolzen, wie von einem Feuerzeug. Eine verwitterte Fratze aus Stein über dem Eingang. Die Fenster in der ersten Etage sind mit Spanplatten verschlagen, gläserne Dolche umrahmen die Löcher in den Fensterscheiben darüber. Die Fassade ist von der Stadtluft zerfressen und bietet den übereinander gesprühten Graffiti kaum Halt. 
Die Häuser stehen hier draußen wie die Zähne eines greisen Kiefers. Manche lehnen sich müde aneinander, zwischen anderen klaffen breite Lücken. Jedes reicht mit seinen Wurzeln tief in den Boden unter der Stadt. Es gibt solche, die sich in stures Schweigen hüllen und solche, die bereitwillig von sich erzählen, sobald man einen Fuß über ihre Schwelle setzt. Die meisten sind längst unbewohnt. Der Wechsel der Jahreszeiten setzt ihnen zu. Feuchtigkeit kriecht in alle Ritzen, breitet sich aus. Wenn der Frost in den nassen Wänden emporsteigt, kann man es zuweilen ächzen hören und bei Tauwetter fährt ein leises Raunen durch die Räume. Und immer wieder, wenn kräftiger Wind weht, fällt eines der alten Häuser einfach so in sich zusammen. 
Als Mag neu in der Stadt war, ist sie oft zu ihnen hinausgefahren. 

„Die Stadt atmet in einem Rhythmus von Jahrzehnten“, sagt Mendel. „Zuerst hat sie sich aufgepumpt. Bis kurz vorm Platzen. Dann hat sie sich verströmt. Und jetzt ringt sie nach Luft. Asthmatisch. Weil sie ihren aufgedunsenen Leib nicht mehr versorgen kann.“
„Was noch Leben hat, klumpt im Zentrum zusammen“, sagt Gabriel. „Die Peripherie ist abgestorben.“
„Es ist schädlich“, sagt Michael. „Niemand kann sich länger dort aufhalten.“ 
„Das glaubt ihr doch nicht, oder?“
„Du bist noch nicht lange genug hier.“ 
„Du kennst diese Stadt noch nicht.“
„Stimmt das, was Kim gesagt hat? Dass du da rausfährst?“
„Ja.“
„Hast du keine Angst?“
„Doch, manchmal. Aber nur auf der Straße, in den Häusern nicht.“
„Du gehst da rein? Was suchst du da?“
„Geschichten. In den Häusern stecken so viele davon. Vor ein paar Tagen zum Beispiel. Eigentlich war ich schon auf dem Rückweg. Da sehe ich im Vorüberfahren in diese Seitenstraße, sehe dieses Haus, und biege doch noch einmal ab. Das Haus steht alleine, drumherum Zerfall und wuchernde Brache. Die Fenster sind zugenagelt, aber es sieht aus, als wären die Latten teilweise später wieder herausgebrochen worden, so dass es drinnen nicht ganz dunkel sein wird. Das ist gut, denn die Batterien meiner Taschenlampe sind schon ziemlich schwach. Ich schließe mein Rad am Zaun zum Vorgarten an und gehe die Steinstufen zum Eingang hinauf. Drücke gegen die Tür. Offen. Drinnen eine matte Dämmerung. Als wäre es hier später als auf der Straße, wo eben noch Nachmittag war. Ich stehe in einer großen Eingangshalle. Mir gegenüber führt eine Treppe nach oben. Links neben der Treppe eine große Tür, rechts ein Schrank aus dunklem Holz, ein Garderobenständer und eine kleinere Tür, aus der – und mir stockt der Atem – eine nebelhafte Gestalt mit einer Kerze in der Hand auf mich zu kommt. Und in der Sekunde zwischen dem Erschrecken und dem Auslösen des Fluchtreflexes erkenne ich, dass die Kerze keine Kerze ist, sondern die Taschenlampe in meiner eigenen Hand. Ich knipse sie aus und trete näher an den halbblinden Spiegel heran. Ich wische mit der Hand darüber. Jetzt erkenne ich mein Gesicht. Ich spüre etwas Weiches unter meinen Schuhsohlen. Ich stehe auf einem großen, runden Teppich. Er hat ein Muster aus ineinander verschlungenen Blumen. Ich bücke mich und streiche über seine Oberfläche. An meinen Fingern bleibt eine klebrige Spur zurück. Ich richte mich wieder auf und sehe mich um. Draußen muss die Sonne zwischen den Wolken hervorgekommen sein. Schlanke Lichtsäulen, in denen Staubkörner tanzen, durchstoßen die Halle und verbinden das Schachbrettmuster des Fußbodens mit der lückenhaften Verschalung dreier hoher Fenster. Das Licht erscheint so materiell, als könnte ich mich an ihm schneiden, und ich zögere kurz, es zu durchqueren. Auf einem runden Tisch liegt ein grauer Filzhut. Und neben dem Hut steht ein Aschenbecher aus Glas, randvoll mit zerdrückten Kippen. Ein Stummel ist, noch glühend wohl, aus dem Aschenbecher gefallen und hat einen Brandfleck auf der Tischplatte hinterlassen. Ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Asche, den ich mir vielleicht aber auch nur einbilde, weil ich ihn erwarte, hängt in der Luft. Im Staub auf dem Tisch bleibt mein Handabdruck zurück. Wäre da nicht diese Schicht auf allem, man könnte denken, das Haus sei noch bewohnt. Es gibt auch keine Spuren einer späteren Verschmutzung oder Zerstörung. Keine leeren Flaschen, Scherben oder rostige Konservendosen, nicht der übliche Gestank nach Urin, nein, da ist nur die Asche, und da ist ein ganz eigentümlicher zweiter Geruch, der etwas Süßliches hat, wie welke Blumen und wie muffiger, alter Stoff. Vielleicht kommt er von den Vorhängen und Teppichen, die im Laufe der Zeit angeschimmelt sind.
Ich gehe aus der Eingangshalle durch die breite Tür neben der Treppe. Hier ist es ziemlich dunkel. Und meine Taschenlampe ist am Ende. Doch da steht ein dreiarmiger Leuchter. Ich suche mein Feuerzeug und zünde die Kerzen an. Als ihr Licht sich im großen Raum ausbreitet, sehe ich den Flügel. Ich wische über seinen Rücken, und der Lack, der unter der Staubschicht zum Vorschein kommt, glänzt im Kerzenlicht so, dass ich mich darin spiegeln kann.
Setz dich. Spiel mit mir.
Es ist das Haus selbst, das die Einladung ausspricht. Ich stelle den Leuchter auf dem Flügel ab und setze mich auf den Klavierhocker. Ich klappe den Deckel auf und lege meine Hände auf die Klaviatur. Das Elfenbein ist warm und rissig unter meinen Fingern. Es fühlt sich lebendig an. Manche Tasten sind stumm. Manche geben nur ein dumpfes Keuchen von sich. Scheppernde Akkorde brechen sich an der Decke, der Klang läuft um mich herum die Wände herunter, versickert in den Rissen im Boden. Ich klimpere träumend vor mich hin, bis die erste der Kerzen verlöscht. Und gleich darauf die zweite. Es ist höchste Zeit. Eine Woge roten Lichts flutet mir über den Kachelboden der Eingangshalle entgegen. Die untergehende Sonne, die sich ihren Weg durch die Fensterverschläge bahnt. Nur ganz kurz noch einen Blick ins erste Stockwerk, denke ich, und dann ab nach Hause. Die breite, mit dunklem Teppich ausgelegte Treppe führt mich hinauf. Im Licht der Taschenlampe-“
„Die Batterien sind leer. Du hast einen Kerzenleuchter mitgenommen. Aus dem Zimmer, wo das Klavier steht.“
„Im Licht der flackernden Kerzen-“
„Nur noch eine Kerze. Die anderen sind heruntergebrannt.“ 
„Also von mir aus. Im Licht der letzten Kerze gehe ich den Flur im ersten Stock entlang. Ich öffne die nächstgelegene Tür. Der Raum ist voller Gerümpel, die Luft ist klamm und riecht beißend. Federn und Taubenkot überall. Ein paar Tauben flattern erschrocken umher und durch das zerbrochene Fenster nach draußen. Ich gehe zur nächsten Tür. Ein Badezimmer. Auch hier Spuren von Tauben. Hinter der dritten Tür ist sich ein Schlafzimmer mit einem großen Himmelbett. Der Baldachin aus dunklem Stoff bewegt sich im Luftzug, fast wie ein Segel, das sich bläht und dann erschlafft. Und da liegt er. Neben dem Bett. Auf dem Boden. Als wäre er gerade eben aus dem Bett gefallen. Hose, Weste, Jackett, alles aus grauem Stoff.“
„Was – eine Leiche?“
„Stellt euch ein Foto vor: Biederer Buchhalter, Anfang letztes Jahrhundert. Und aus dem Foto streicht ihr den Menschen. Und nur der Anzug bleibt. Aber der leere graue Anzug, der da liegt, sieht nicht so aus, als hätte ihn jemand ausgezogen. Das ist schwer zu beschreiben.“
„Versuch es!“
„Es ist, als stecke noch jemand, den man nicht sieht, darin. Oder als wäre dieser Anzug eine abgelegte, steife Hülle oder Puppe.“
„Wie von einem Insekt?“
„Ja, genau so. Ein Bein ist angewinkelt, das andere ausgestreckt. Ein ist Arm angehoben, als sei er eben dabei, sich am Rand des Bettes hoch zu ziehen und sich aufzurichten. Das ist zuviel. Ich lasse den Leuchter fallen. Drehe mich um und renne. Stolpere die Treppe hinab und durch die dunkle Diele und raus aus dem Haus. Dort, wo mein Fahrrad angeschlossen war, baumelt nur noch das durchgetrennte Schloss. Ich renne, bis mir ein Wagen entgegenkommt. Ich renne auf ihn zu, um Hilfe rufend, mit wedelnden Armen. Und er hält tatsächlich an.“

Back To Top