randbezirke

hinter ihr liegt behrlin. dort, wohin sein herz gehört, ist ein loch, so gross, dass man hindurchgehen könnte. wird es sie retten, davon zu erzählen?

 
 
man liest auch, dass er seinen rachen über ihr auftat, den gaumen über ihr haupt und die zunge unter ihre füße, und sie also verschlang; doch als sie in seinem leibe war, machte sie das kreuzeszeichen, und der drache barst von der macht des kreuzes von einander, und die jungfrau ging unversehrt heraus. diese geschichte aber, dass der drache sie verschlang und darnach barst, wird für apokryph und unziemlich gehalten.
jacobus de voragine, legenda aurea, von sankt margaret
 
 
roman / 385 manuskriptseiten
 

exposé

im winter. margareta sitzt in ihrer dachwohnung und schreibt. hinter ihr liegt behrlin. dort, wohin sein herz gehört, ist ein loch, so gross, dass man hindurchgehen könnte. wird es sie retten, davon zu erzählen?
psychothriller, sci-fi-märchen, whodunwhatkrimi, kaputte lovestory – ein schräger cocktail, der sich diverser genreanleihen bedient und vor keinem klischee haltmacht. und dennoch behauptet die erzählerin, das, was sie da schreibt, sei ihre eigene geschichte: ein fall, in dem sie opfer und täterin zugleich ist.
da ist die stadt, in die sie kommt, nachdem sie einen brief ihrer seit der kindheit totgeglaubten zwillingsschwester erhalten hat. in der man seinen weg findet ohne zu suchen und von der es einen vollständigen plan nicht geben kann. wo, unterhalb von u-bahn und kanalisation, gänge in geheime gärten führen. in der es schneit, als margareta und behrlin sich begegnen, und wo der winter seitdem nicht wieder aufhört. eine stadt, der nicht zu trauen ist.
und da ist caspar behrlin, ihr begleiter durch alle fantasien. ein mephistophelischer souffleur mit unscharfen konturen: immobilienhai mit händchen für sonderbare altbauten? sadistischer killer mit faible für analogfotografie? nervenarzt mit literaturfetisch? führer einer kriminellen organisation mit übersinnlichen kräften? auf jeden fall ein traum von einem mann.
als sie die falle durchschaut, scheint es zu spät: sie zappelt im netz von geschichten, das sie selbst ausgeworfen hat, weil er es so liebt, wenn sie sie erzählt.
doch wenn, wie behrlin behauptet, alle geschichten wahr sind, dann ist das erzählen zugleich ihre mächtigste waffe. und so kann sie das rätsel um ihre schwester lösen, behrlins diabolisches spiel durchbrechen und sich schliesslich aufmachen, um die stadt zu verlassen…
vertraute elemente des krimis und des psychothrillers spielen mit ihrer eigenen infragestellung. die leser*in folgt einer reihe von figuren in binnengeschichten, deren zusammenhang sich sukzessive über parallelen, leitmotive, iterative handlungselemente und das wiederkehrende personal des romans erschliesst.

 
 

randbezirke. leseprobe (romananfang, 16 manuskriptseiten)

alle geschichten sind wahr. alles ist wahrheit in dem moment,
in dem man es ausspricht
.
caspar behrlin
 
1. kapitel: zähne
heute habe ich zum ersten mal, seit behrlin hier ist, gewagt, die wohnung zu verlassen. der schnee liegt hoch jetzt. die stadt schafft es nicht mehr, ihn aufzutauen. und er ist fast weiss. ich will nicht wissen, was sich alles unter ihm verbirgt. ich habe nur einige schritte gemacht, da bin ich über etwas gestolpert, es sah aus wie ein verschneites bündel alter lumpen, aber ich glaubte, es hätte ein gesicht.
im schnee sieht alles so harmlos aus. doch das täuscht. ich war vorsichtig, denn unter dem mantel trug ich einen beutel mit socken. sie sind nicht besonders viel wert, es steckt nur eine menge arbeit in ihnen. aber jemand hätte sehen können, dass ich etwas unter meinem mantel trage. ich spürte auch, dass man mich beobachtete. doch niemand machte sich die mühe, wegen mir in die kälte hinauszukommen. ich sehe offensichtlich nicht so aus, als würde es sich lohnen.
ich bin dann, so zügig es eben ging, richtung u-bahn gestapft. ich atmete auf, als ich die langen treppen hinabstieg, auf denen kleine rinnsale schmelzwasser flossen, und als ich von unten die vielen stimmen hörte.
ein mann sprach mich an und fragte, ob ich mit ihm schlafen wolle, im dunkel eines nebentunnels. er fragte nicht unfreundlich und ich lehnte nicht unfreundlich ab. von seinem schnaps probierte ich. der schmeckte ungewöhnlich. er wollte mir nicht verraten, woraus er ihn brennt. er gab mir eine flasche für ein paar socken. wir drängten uns in die menge, die um eine grosse stahlröhre kauerte, in der ein feuer prasselte. das metall glühte fast. ich genoss das fremd gewordene gefühl zu schwitzen. der mann neben mir aber zitterte die ganze zeit, seine finger und lippen waren blaugefroren. ich hätte ihn gerne in die arme genommen, doch mir graute vor seiner kälte wie vor einer ansteckenden krankheit. er erzählte, dass er schnaps brennt und von der wärme lebt, die er für ihn eintauscht. ich erzählte, dass ich mit einem toten lebe und anschreibe gegen die zeit. vielleicht hätten wir einander verstehen können. er war enttäuscht, als ich aufstand und ging. einen moment lang fürchtete ich, er würde mir nachkommen. aber dazu reichte seine kraft sicherlich nicht.
ein halber liter schnaps. zehn kerzen. zwei pakete zwieback. ein kleines einmachglas mit marmelade. ein paket kaffee. und ich habe noch vier paar socken übrig. papier war wieder nicht zu bekommen. trotzdem, ein erfolgreiches unternehmen. ich habe im vorübergehen dann doch noch einmal genau hingeschaut. es war nur ein bündel alter lumpen.

    seine hände machen kreisbewegungen auf höhe seiner brust, als gäbe er einem unsichtbaren zeichen. langsame wellen durchlaufen seinen körper, eine brandung aus trommelwirbeln lässt ihn erschauern, er windet sich mit aufwärts gedrehtem gesicht, nicht lächelnd, sondern abwesend, zu einer maske erstarrt. dann stösst er sich kaum merklich mit den füssen vom boden ab, um eine viel zu lange zeit schwebend in den nebelschwaden zu verharren. als die salve des blitzlichts den nebel zu wänden verhärtet, taucht er unter und verschwindet. sie schliesst die augen. einen moment lang ist ihr, als würde sie über die balustrade in die tanzende menge fallen. als sie ihre augen wieder öffnet, sieht er zu ihr hinauf. er sagt etwas. der hämmernde rhythmus erstickt seine stimme. sie schüttelt den kopf, um zu zeigen, dass sie ihn nicht versteht, er dreht sich, wird von der masse eingesogen und fortgewirbelt. sie drängelt sich durch den überfüllten club bis zur theke, bestellt einen gin-tonic, findet in ihrer tasche noch ein zerknülltes papiertütchen und schüttet den inhalt ins glas. der säuerliche geschmack und die kurz darauf einsetzende wirkung des pulvers lassen ein kribbeln über ihre haut laufen. wie kleine füsse, viele kleine füsse, überall. an sein gesicht oder seine kleidung kann sie sich schon kaum mehr erinnern, doch seine bewegungen, seine tanzenden hände, wirken in ihr nach.
    um sie herum weicht die dunkelheit allmählich einem diffusen schimmer. in diesen farblosen stunden zwischen nacht und tag spürt man die trägen bewegungen der stadt, die sich herumwälzt und tiefer atmet. ein mannschaftswagen ist in der einmündung einer strasse auf dem gehweg geparkt. zwei uniformierte schlafen darin, aneinander gelehnt, der dritte blinzelt müde in die morgendämmerung. als sie sich umdreht, sieht er ihnen hinterher. es ist angenehm, so zu gehen. es ist nicht ihre richtung, doch das spielt jetzt keine rolle. sie bemerkt, dass sie sich an den mann an ihrer seite drängt, der kälte wegen vielleicht. dann beginnt es zu schneien, der erste schnee in diesem jahr, aus dem milchigen grau über ihnen fallen dicke flocken. „im schnee sieht alles so harmlos aus“, sagt er irgendwann.

das feuer ist heruntergebrannt. die kälte hat sich an mich herangeschlichen und hält meine beine umklammert. ich stehe auf, kreise mit den armen, stampfe mit den füssen. ich nehme ein brett vom stapel, stelle es in der ecke schräg an die wand und trete kräftig darauf, bis es durchbricht. ich öffne die waschmaschine und lege das holz zusammen mit etwas zerknüllter zeitung in die glutreste in der trommel, puste hinein, die zeitung fängt feuer und ich lehne die glastür an. an den wänden tanzen die schatten, aus der waschmaschine knackt und knistert es. ich giesse mir einen fingerbreit aus der schnapsflasche ein und esse zwieback mit marmelade dazu. es könnte quittenmarmelade sein.

    er geht voraus, öffnet eine flügeltür, knipst im dahinter liegenden raum eine stehlampe an. über dem schirm hängt ein rotes tuch, so dass alles von einem dämmerlicht erfüllt wird, das an den wänden und der decke schatten wirft. vor zwei hohen schmalen fenstern fallen dicke schwarze vorhänge bis auf den boden herab, lassen den anbrechenden tag nur widerstrebend an den seiten eindringen. zwischen den fenstern ein schreibtisch, der nicht aussieht, als ob an ihm gearbeitet würde. an der längswand zur rechten seite bücherregale. an der linken bis unter die decke angepinnte fotografien. sie will sich setzen. keine stühle. das einzige weitere möbelstück ist ein grosses bett. gedrehte pfosten tragen einen baldachin aus dunklem stoff, die langen fransen bewegen sich im luftzug. sie setzt sich auf den rand, sinkt in die weiche matratze und sieht zu, wie er kerzen anzündet. zuckende flammen mischen sich unter die schatten.
    „ich heisse caspar. aber du kannst mir auch einen anderen namen geben, wenn du willst.“
    musik dann, streicher, zu einem crescendo anschwellend, das sich an der hohen decke bricht, an den wänden hinabläuft und in den ritzen zwischen den schwarzen dielen versickert.
    „willst du was trinken?“
    er hat eine flasche geöffnet, eingeschenkt, reicht ihr ein glas. dann sitzt er auf dem fussboden ihr gegenüber. sie sieht sich um.
    „ich finde schwarz problemlos. es passt zu allem.“
    ihre gedanken springen mit dem kerzenflackern hin und her und finden keinen festen punkt, von dem aus sich eine unterhaltung anfangen liesse.
    „du magst mahler gern?“
    „ja. manchmal. hängt davon ab, was ich tue.“
    „und was tust du gerade?“
    „ich sitze hier und sehe dich an.“
    „und weiter?“
    „nichts. ich bin hier. ich trinke wein. höre diese musik. sehe dich an.“
    irgendwann kommt er zu ihr. die spannung zwischen ihnen hat substanz angenommen, sitzt mit ihnen im raum, ein etwas mit unscharfen konturen und einem starken willen. das etwas hört dem zähflüssigen gespräch zu und spielt gelangweilt mit dem kerzenlicht. dann verliert es die geduld. er steht vor ihr, ein junge, erregt und im flackernden roten licht aufreizend unwirklich. angekleidet erschien er schlank, jetzt findet sie ihn regelrecht zierlich und kommt sich im vergleich zu ihm zu gross und zu kräftig vor. seine haut fühlt sich kühl an und glatt, und während sie selbst sich deutlich wahrnimmt, ist es, als habe er keinen geruch, als wäre der schweiss der durchtanzten nacht an einer unsichtbaren schicht abgeperlt, ohne an ihm zu haften.
    die gier, mit der ihr körper nach seinem verlangt, überrascht sie. sie umschlingt ihn mit armen und beinen, als sei jede stelle, an der sie ihn nicht berührt, ein unwiederbringliches versäumnis. ihre bewegungen sind eine fortsetzung des tanzes, und als sie die augen schliesst, sieht sie ihn wieder dort, inmitten der menge, um sich selbst kreisend, mit erstarrtem gesicht und sprechenden händen. dann spürt sie, wie er sich in ihr ausbreitet, und kurz bevor sie an ihm zerbirst, stösst sie ihn von sich. sie öffnet die augen und sieht, dass er lautlos lacht.

ein kindermalbuch, in dem die umrisse anhand von punkten vorgegeben sind. an jedem punkt steht eine zahl, man muss die punkte in der richtigen reihenfolge durch striche verbinden, damit ein bild sichtbar wird, das man ausmalen kann. anfangs erkennt man nur ein gewirr von punkten und rätselt, was dabei herauskommen wird. dann bildet sich eine figur unter den zögernden, tastenden strichen, aber sie bleibt immer eckig, unbeholfen, weil man nur gerade linien von zahl zu zahl ziehen kann und nie das gesamtbild vor augen hat. was ist wahrheit? ich will mich nicht dagegen wehren, zu erfinden. erinnerung ist erfundenes. zu einem grossen teil zumindest. ohne fantasie kommt erinnerung nicht aus. sie bleibt schemenhaft, farblos. draussen schneit es ohne ende. als wir uns kennenlernten, fiel der erste schnee.

    ein rinnsal trüben lichts fliesst durch die vorhänge in den raum und bildet auf dem boden unterhalb der fenster eine helle pfütze. er liegt neben ihr, eine hand auf ihrem bauch. sie rückt ein stück zur seite und seine hand rutscht auf das laken. sie fährt mit dem zeigefinger die konturen seines gesichts entlang. er brummt wohlig und tastet unter der decke nach ihr. sie erschauert bei seiner schlafenden annäherung und rückt ein wenig weiter von ihm ab. sie überlegt, ob sie ihn wecken soll. sie sagt seinen namen. er reagiert nicht. sie steht auf, geht zu den fenstern und zieht einen vorhang nur so weit zur seite, dass das einfallende licht das bett nicht trifft.
    zerbeulte mülltonnen, alte fahrräder, struppiges gebüsch. die fenster des nachbarhauses zerschlagen oder mit brettern zugenagelt, in den öffnungen staksen tauben herum. es ist den ganzen tag über nicht richtig hell geworden, der himmel ein schlieriges, langsam dunkelndes grau. sie öffnet das fenster einen spalt breit, nimmt eine handvoll schnee vom fensterrahmen und reibt sich damit gesicht und arme ab. dann sucht sie ihre kleidung zusammen und zieht sich rasch an.
    die schwere holztür fällt seufzend hinter ihr ins schloss. abblätternde farbe, schief hängende plastikklingelschilder, namen übereinander geklebt und durchgestrichen, einige schilder zusammengeschmolzen, so als habe jemand ein feuerzeug daran gehalten. eine verwitterte fratze aus stein über dem eingang. die fenster im hochparterre sind mit spanplatten verschlagen, gläserne dolche umrahmen die löcher in den fensterscheiben der etage darüber. die fassade ist vom angriff der stadtluft zerfressen und bietet den übereinander gesprühten schriftzügen kaum einen halt.
    die häuser stehen hier draussen wie die zähne eines greisen kiefers. manche lehnen sich müde aneinander, zwischen anderen klaffen breite lücken. jedes reicht mit seinen wurzeln tief in den boden unter der stadt. es gibt solche, die sich in stures schweigen hüllen und solche, die bereitwillig von sich erzählen, sobald man einen fuss über ihre schwelle setzt. jetzt sind die meisten von ihnen unbewohnt. der wechsel der jahreszeiten setzt ihnen zu. feuchtigkeit kriecht in alle ritzen und breitet sich aus. wenn der frost in den nassen wänden emporsteigt, kann man es zuweilen ächzen hören und bei tauwetter fährt ein leises raunen durch die räume. und immer wieder, wenn kräftiger wind weht, fällt eines der alten häuser einfach so in sich zusammen.
    als sie neu in der stadt war, ist sie zu ihnen hinausgefahren. wenn sie davon erzählte, schüttelten die anderen den kopf.
    „was treibst du dich da herum. was suchst du da.“
    „geschichten“, antwortete sie. „in den häusern stecken so viele davon.“

      „die stadt atmet in einem rhythmus von jahrzehnten“, sagt mendel. „zuerst hat sie sich aufgepumpt. bis kurz vorm platzen. dann hat sie sich verströmt. und jetzt ringt sie nach luft. asthmatisch. weil sie ihren aufgedunsenen leib nicht mehr versorgen kann.“
      „was noch leben hat, klumpt im zentrum zusammen“, sagt gabriel. „die peripherie ist abgestorben.“
      „es ist schädlich“, sagt mendel. „niemand kann sich länger dort aufhalten.“
      „das glaubt ihr doch nicht, oder?“
      „du bist noch nicht lange genug hier. du kennst diese stadt noch nicht.“
      „stimmt das, was kim über dich gesagt hat?“
      sie nickt. „es war vor ein paar tagen“, beginnt sie, „ich war spät dran. eigentlich wollte ich längst auf dem rückweg sein. da sehe ich im vorüberfahren in diese seitenstrasse, sehe das haus am ende der strasse. und biege doch noch einmal ab.“
      „hast du keine angst?“
      „manchmal. aber nur auf der strasse, in den häusern nicht.“
      „du gehst da wirklich rein? was suchst du da?“
      „geschichten. in den häusern stecken so viele davon. ist doch schade drum. es ist das letzte haus am ende der strasse, dahinter ist nur noch die wuchernde brache. die fenster sind zugenagelt, aber es sieht aus, als wären die latten teilweise später wieder herausgebrochen worden, so dass es drinnen nicht ganz dunkel sein wird. das ist gut, denn die batterien meiner taschenlampe sind schon ziemlich schwach. ich schliesse mein rad am zaun zum vorgarten an und gehe die steinstufen zum eingang hinauf. drücke gegen die tür. offen. drinnen eine matte dämmerung. als wäre es hier bereits ein paar stunden später als auf der strasse, wo eben noch früher nachmittag war. ich stehe in einer grossen eingangshalle. mir gegenüber führt eine treppe nach oben. links neben der treppe eine flügeltür, rechts ein schrank aus dunklem holz, ein garderobenständer und eine kleinere tür, aus der – und mir stockt der atem – eine nebelhafte gestalt mit einer kerze in der hand auf mich zu kommt. und in der sekunde zwischen dem erschrecken und dem auslösen des fluchtreflexes erkenne ich, dass die kerze keine kerze ist, sondern die taschenlampe in meiner eigenen hand.
      ich knipse sie aus und trete näher an den halbblinden spiegel heran. ich wische mit der hand darüber. jetzt erkenne ich mein gesicht. ich spüre etwas weiches unter meinen schuhsohlen. ich stehe auf einem grossen, runden teppich. er hat ein muster aus ineinander verschlungenen blumen. ich bücke mich und streiche über seine oberfläche. an meinen fingern bleibt eine klebrige spur zurück. ich richte mich wieder auf und sehe mich um. draussen muss die sonne zwischen den wolken hervorgekommen sein. schlanke lichtsäulen, in denen staubkörner tanzen, durchstossen die halle und verbinden das schachbrettmuster des fussbodens mit der lückenhaften verschalung dreier hoher fenster. das licht erscheint so materiell, als könnte ich mich an ihm schneiden. ich zögere kurz, es zu durchqueren. neben der eingangstür, auf einem runden tisch, liegt etwas. es ist ein grauer filzhut. und neben dem hut steht ein aschenbecher aus glas, randvoll mit zerdrückten kippen. ein bis an den filter gerauchter stummel ist, noch glühend wohl, aus dem aschenbecher gefallen und hat einen brandfleck auf der tischplatte hinterlassen. ein kaum wahrnehmbarer hauch von asche, den ich mir vielleicht aber auch nur einbilde, weil ich ihn erwarte, hängt in der luft. im staub auf dem tisch bleibt mein handabdruck zurück. wäre da nicht diese schicht auf allem, man könnte denken, das haus sei noch bewohnt. es gibt auch keine spuren einer späteren verschmutzung oder zerstörung. keine leeren flaschen, scherben oder rostige konservendosen, nicht der übliche gestank nach urin, nein, da ist nur die asche. und da ist ein ganz eigentümlicher zweiter geruch, der etwas süssliches hat, wie welke blumen und wie muffiger, alter stoff. vielleicht kommt er von den vorhängen und teppichen, die im laufe der zeit angeschimmelt sind.
      ich gehe aus der eingangshalle in den raum neben der treppe. hier ist es ziemlich dunkel. und meine taschenlampe ist am ende. doch da finde ich neben der tür einen dreiarmigen leuchter. ich suche in meinen taschen das feuerzeug und zünde die kerzen an. als sich ihr licht ausbreitet, sehe ich, wie gross dieser raum ist. ich wische über den rücken des flügels, der dort in seiner mitte steht, und der lack, der unter der staubschicht zum vorschein kommt, glänzt im kerzenlicht so, dass ich mich darin spiegeln kann.
      setz dich.
      es ist das haus selbst, das die einladung ausspricht. ich stelle den leuchter ab. ich klappe den deckel auf und lege meine hände auf die klaviatur. das elfenbein ist warm und rissig unter meinen fingern. es fühlt sich lebendig an. manche tasten sind stumm. manche geben nur ein dumpfes keuchen von sich. scheppernde akkorde brechen sich an der decke, der klang läuft um mich herum die wände herunter, versickert in den rissen im boden. ich träume spielend vor mich hin, bis die erste der kerzen verlöscht. und gleich darauf die zweite. es ist höchste zeit. eine woge roten lichts flutet mir über den kachelboden der eingangshalle entgegen, die untergehende sonne, die sich ihren weg durch die fensterverschläge bahnt. nur ganz kurz noch einen blick ins erste stockwerk, beschliesse ich, und dann nach hause. die breite, mit dunklem teppich ausgelegte treppe führt mich hinauf. im licht der taschenlampe-“
      „die batterien sind leer. du hast einen kerzenleuchter mitgenommen. aus dem zimmer, wo das klavier steht.“
      „im licht der flackernden kerzen-“
      „nur noch eine kerze. die anderen sind heruntergebrannt.“
      „also von mir aus, im licht der letzten kerze taste ich mich weiter, den flur im ersten stock entlang. ich öffne die nächstgelegene tür. die luft ist klamm und riecht beissend, federn und taubenkot überall. ein paar tauben flattern erschrocken umher und durch das zerbrochene fenster nach draussen. ich gehe zur nächsten tür. ein badezimmer, auch hier spuren von tauben. hinter der dritten tür befindet sich ein grosses schlafzimmer mit einem himmelbett. der baldachin aus dunklem stoff bewegt sich im luftzug, fast wie ein segel, das sich bläht und dann erschlafft. und da liegt er. neben dem bett. auf dem boden. so, als wäre er eben aus dem bett gefallen. hose, weste, jackett, alles aus grauem stoff.“
      „eine leiche?“
      „nein. stellt euch ein foto vor: biederer buchhalter, anfang letztes jahrhundert. und aus dem foto streicht ihr jetzt den menschen, so dass nur der anzug zurückbleibt. denn dieser graue anzug, der da liegt, der sieht nicht so aus, als hätte ihn jemand ausgezogen. das ist schwer zu beschreiben. es ist, als stecke noch jemand, den man nicht sieht, in diesem anzug. oder als wäre dieser anzug eine abgelegte hülle oder puppe, wie von einem insekt. ein bein ist angewinkelt, das andere ausgestreckt. ein arm erhoben, so, als sei er gerade dabei, sich am rand des bettes nach oben zu ziehen.
      ich lasse den leuchter fallen. ich drehe mich um und renne. den flur entlang, die treppe hinab, durch die diele, aus der tür. dort, wo ich mein fahrrad angeschlossen hatte, baumelt nur noch das durchgetrennte schloss. ich renne, bis mir an einer kreuzung ein wagen entgegenkommt. rufend und mit den armen rudernd laufe ich auf ihn zu. und er hält tatsächlich an.“

wie spät mag es sein? es ist dunkel draussen. wie immer. es wird nie mehr richtig hell. wie lange sitze ich schon hier? wieviel habe ich geschrieben? ich habe zwischendurch etwas gegessen. zwieback habe ich noch genug, nur die marmelade ist fast wieder alle. ich glaube übrigens doch nicht, dass es quitte ist. ich habe vermutlich auch geschlafen. jedenfalls fühlte es sich zwischendrin so an, als würde ich aufwachen. es ist mir fast gelungen, die stadt von hier oben fern zu halten. ich gehe nur hinunter, wenn es wirklich notwendig ist. ich brauche ja nicht viel. wenn ich glück habe, bekomme ich genug, um eine woche oder länger davon zu leben. und seit die anderen wohnungen leer stehen, habe ich auch einen vorrat zum heizen. das wird noch eine weile reichen, denn ich bin sparsam. doch seit behrlin hier ist, wird es kälter. ich lege holz nach, das feuer brennt, und die wohnung kühlt dennoch allmählich aus.
[…]

 
 
 
bild oben: jagna anderson